Schlaflos.

Schlaflos. Wenn ich jetzt am Kiosk ein Los kaufen würde, würde ich das Schlaflos kaufen. Ich würde wahrscheinlich sehr viel dafür bezahlen. Der Gewinn wäre mir wurscht, Hauptsache ich habe das Schlaflos gekauft. Ich würde damit sofort nach Hause rennen – froh um diese Investition – mich hinlegen und das Los unter mein Kopfkissen stopfen. Dann würde ich die Augen schliessen und mich sanft in die Welt der Träume und Schäume ziehen lassen. Aber nein. Ich habe da wohl die Realität mit  Wunschdenken verwechselt. Oder schlicht ein Nomen und ein Adjektiv. Ich habe kein Schlaflos. Ich bin schlaflos.
Und leider auch schaflos, denn diese kurligen Tierlein sind mir beim Zählen alle davongerannt. Gut, ich war wohl etwas wirsch, denn ich habe bei Schaf Nr. 320 bemerkt, dass dasselbe Schaf – jenes mit der ominösen schwarzen Stelle hinter dem rechten Ohr und einer Glocke am Halsband, die um eine schiefe Terz höher bimmelte als die der anderen Schafe – nun zum vierten Mal über den imaginären Zaun in meinen Gedanken gehüpft war. Und das leicht schräg und zudem stank es schrecklich nach Bier! So hab ich mir das mit dem Schafe zählen nicht vorgestellt. Ich wusste nicht, dass es eine beschränkte Anzahl Schafe in meinen Gedanken gibt. Schliesslich zitierte ich sie alle, genau 80 an der Zahl, vor mein inneres Bild und schrie sie an, weshalb man mir diese Klausel bei der Vertragsunterschrift vorenthalten habe und ausserdem habe eine Bar in meinen Gedanken nichts zu suchen. 160 riesige Augen blinzelten mir ängstlich zu. Wahrscheinlich verstanden sie mich nicht einmal. So bombardierte ich sie mit Ausdrücken wie „vorsätzliche Täuschung“ und so weiter und sie wussten nichts anderes als die Tatsache, nur in meinen Gedanken zu existieren, zu nutzen und sich schnell ein Loch auszudenken, durch das sie allesamt im Nichts des Alles verschwanden, bevor ich „Kleingedrucktes“ in meinen Vortrag integrieren konnte.  Diese Hinterhältigkeit machte mich so rasend, dass ich auf der Stelle hellwach im Bett sass und mich fast nicht mehr beruhigen konnte.

Also schlaflos und nun auch schaflos. Da hab ich mir ein echt tolles Los gezogen! Apropos Los. Ruhelos winde ich mich nun in meinem Bett und höre den Geräuschen zu, die sich irgendwie immer und doch nie ganz zu einer Logik zusammenfügen lassen. Da muss doch ein universaler Beat vorhanden sein. Ein Code. Ein Zusammenarbeiten aller Geräusche. Den Takt gibt die Kirchenglocke. Zur vollen Stunde 1 – 12 Schläge, eher dunkel und dumpf. Zur Viertelstunde 2 – 8 Schläge, je zwei Schläge mit einer Terz dazwischen. Das ist der Grundtakt. Dann die füllenden Geräusche. Der bellende Hund beispielsweise. Also es gibt zwei davon in der Nachbarschaft. Beides nachtaktive Wesen. Zu meiner Freude. Der eine, ein grosser schwarzer Labrador, bellt dumpf und tief. Meist dreimal schnell hintereinander, und nach einer kurzen Pause noch zwei weitere Male. Dann folgt eine längere Pause und dasselbe von vorne. Meistens jedenfalls. Er scheint sich seines Einsatzes noch nicht ganz sicher zu sein. Der andere Hund, wohl eher ein Bodenlumpen, so ein lustiger weisser Knäuel, bellt hoch und ekelhaft. Ich weiss echt nicht, wie die Besitzer das aushalten. Ich hätte diese Wurst schon lange dem grossen Hund zum Frass vorgeworfen. Der kleine Kläffer also scheint auf den Labrador zu reagieren. Gleichzeitig mit dessen drittem Bellen fängt er mit seinem Gekläff an, als wolle er ihm das Wort abschneiden. Er bellt dann in der Pause des grossen Hundes sechsmal – also zwei Triolen – und so leidenschaftlich, dass er danach eine Pause braucht um Luft zu holen. Der Labrador nutzt die Chance und bellt seine beiden weiteren Male. Der kleine Kläffer bellt danach ebenfalls zweimal, als ob er die Aussage des Labradors bestätigen will und dann ist eine gemeinsame lange Pause. Ein gemeinsames Schweigen zweier Philosophen.
So geht das weiter. Und weiter. Begleitet von den Kühen, die im Sommer draussen auf der Wiese schlafen dürfen, deren Glocken von Zeit zu Zeit ohne rhythmische Logik bimmeln und von einem Muh unterstrichen werden. Weiter sind Autogebrumm, Grillen im Gras, Vogelgezwitscher – wie ist schon Morgen? Und Eulengesang zu verzeichnen in der Geräuschkulisse. Und Schafe. Und scheinbar tausend weitere Gesräusche. Doch entweder ist der „DJ Universe“ eine Niete oder die Natur in ihrer Musikalität ungeschult und so entpuppt sich das, was sich anfangs als entspannend angefühlt hatte, nun als Tortur für meine Ohren und so muss ich gezwungenermassen aufstehen, das Fenster schliessen und schwupps, bin ich wieder hellwach.
Hell, ja hell ist es mittlerweile auch und mein Wecker wird in einer Minute schrecklich laut klingeln. Wie gut, dass ich ihn noch ausschalten kann. Heute ist schliesslich Sonntag. Gute Nacht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s