Besuch eines treuen Dämons.

Jeder kennt anstehende Besuche, die er am liebsten verschieben, nochmals verschieben, dann nochmals verschieben und schlussendlich gekonnt im Sand verlaufen lassen möchte. Diese Geschichte handelt jedoch nicht von dem Besuch der Tante, die sich jedesmal abschätzig über deine Einrichtung mockiert und dich anschliessend fragt, ob du deinen „rötlichen Teint“ (urgh!!!) einem zu langen Sonnenbad zu verdanken hättest. Sie handelt auch nicht von dem peinlichen Besuch der nervösen Eltern in der ersten gemeinsamen Wohnung mit deinem Freund / deiner Freundin. Nein. Es geht um einen Dämon, der dich besuchen kommt. Ein treuer Dämon.

Du hörst ihn nicht einmal klopfen. Doch zwar, manchmal tust du das. In der Ferne. Er klopft auch nur dann, wenn er weiss, dass du die Regelmässigkeit seiner Besuche vergessen hast. Oder verdrängt. Das ist ihm wurscht. Denn er kommt ja so oder so immer wieder zu Besuch. Sein freundliches Klopfen, ob es nun von dir wahrgenommen wird oder nicht, ist sowieso nur Fassade. Manchmal, ganz selten, erkennst du ihn am Klopfen, überraschst ihn mit deinem grossen Schwert vor der Haustür und hackst ihn in tausend kleinste Stücke bevor er überhaupt begreift, was los ist. Aber diese Momente sind viel zu selten. Und irgendwie ist er unsterblich. Er nennt es treu. Meist schleicht er unerkannt ganz leise in dein Haus. Ein Schatten, ein wages Gefühl überkommt dich möglicherweise. Vielleicht hältst du sogar kurz inne, weil du etwas ahnst. Du tust es aber oft wieder als Lappalie ab, was dir zum Verhängnis wird.

Denn in einer ganz harmlosen Situation, zum Beispiel wenn du zu Hause am Esstisch sitzt, oder im Bett ruhig schläfst, oder irgendwo unter Menschen bist und dich an der Gesellschaft erfreust, schlägt er plötzlich erbarmungslos zu.

Der Angriff erfolgt in Zeitlupe. Aber nicht so, dass Du etwas dagegen tun könntest, nein, dieser Zug ist definitiv abgefahren. Ist er im Haus drin, hast du keine Chance. Der Dämon hat die Gabe, die Zeit stillstehen zu lassen, während er dich angreift und foltert. Und du stehst mit ihr still. Bis es ihm langweilig wird und er wieder verschwindet. Aber bis dahin mag noch viel Zeit vergehen. Und viel Leid. In dem Moment, als die Zeit plötzlich stillsteht, kriegst du Panik und willst davonrennen. Er lähmt dich mit seiner Anwesenheit. Im Kopf blinken bereits alle Termine auf, die du aufgrund dieses Besuchs nicht wirst einhalten können und die Panik und das schlechte Gewissen schnüren dir Hand in Hand die Kehle zu. Einige Termine sind dir egal. Andere musst du wahrnehmen. Weitere willst du wahrnehmen. Aber dir wird bewusst, dass du nicht kannst.

In dem Moment, als dir diese Gedanken durch den Kopf schiessen, schlägt der Dämon genau da zu. Er hält deinen Nacken mit seiner kalten Hand fest bis er völlig verkrampft ist und dann drückt er scheinbar mit der anderen Hand am Kopf herum, bis er die geeignete Stelle gefunden hat. Dann sticht er zu. Ganz langsam findet sein Messer seinen Weg in deinen Kopf. Ist es dann drin, wäre es schön, wenn er es zumindest so belassen könnte. Doch nein, als wäre es ihm nicht genug, dreht er das Messer und bewegt es in deinem Kopf umher, so wie es ihm gerade passt und raucht nebenbei eine Zigarette. Du kannst dich nicht mehr rühren. Und wenn doch, dann dreht es dir deinen Magen um. Schmerztabletten sind an dieser Stelle mit einem Hauch von Nichts gleichzustellen.

Und dir bleibt nichts anderes übrig, als zu warten. Zu warten, bis der Dämon beschliesst, es sei nun lange genug. Du hättest nun lange genug gelitten. Dir lange genug den Kopf zerbrochen über die verpassten Termine. Dir lange genug Gedanken gemacht über Ursachen und Folgen. Über das Leben. Deine Beziehungen und Freundschaften. Deine Werte. Er hat dich nun lange genug in seinen eiskalten Armen gehalten. Dich lange genug verwirrt. Sätze vergessen lassen. Hat dich lange genug über den Begriff Schmerz nachdenken lassen.

Und wahrscheinlich will er ja nur, dass du zwischendurch mal Pause machst. Wahrscheinlich ist genau das sein Job. Dir zu sagen, dass irgendetwas an deinem Lebensstil nicht stimmt. Aber echt, auf so eine üble Art und Weise?

Und plötzlich ist er wieder weg. Du stehst auf, als wäre nichts gewesen, spürst plötzlich Wärme, als wärst du neugeboren. Kannst wieder essen, was sich wie ein Feuerwerk in deinem Gaumen anfühlt. Siehst die Sonne als hättest du sie zum erstenmal gesehen. Hast Energie bis zum Abwinken. Und du schwörst dir jedesmal, aufmerksamer zu sein. Du magst Treue. Doch nicht die des Dämons.

Ich glaube, er hat sich dir einmal vorgestellt oder nicht? Ich hatte einen Namen im Kopf. Migräne. Vielleicht irre ich mich ja auch.

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