Die Frau in den blauen Gummistiefeln.

Blaue Gummistiefel trug sie, als sie an jenem kühlen Frühlingsmorgen an der Bushaltestelle stand und Zeitung las. Es regnete nicht. Sie gaben ihr einfach ein gutes Gefühl. Sie mochte es, mit ihren Füssen in ihnen eingebettet zu sein. Es gab sicherlich bequemere Stiefel als ihre. Aber für sie waren sie perfekt. Weshalb sie gerade blaue und nicht grüne Stiefel trug, konnte sie nicht sagen. Einfach so. Sie wusste irgendwie selbst nicht genau, was sie damals dazu bewogen hatte, am Schaufenster dieses billigen Schuhgeschäfts stehen zu bleiben, das Gebäude zu betreten und sie zu kaufen – und zu tragen! Sie liess sich mittlerweile auch nicht mehr von den neugierigen Blicken der Menschen beeindrucken. Sie kannte das ja. Das Angesehenwerden. Auch da wusste sie gar nicht recht wieso. Sie war immer schon angesehen worden. Von Frauen. Von Männern. Von Kindern. Sogar Hunde hatten sich schon an ihr verloren und das getan, was Hunde tun, wenn sie verwirrt sind – sich hingesetzt.

An guten Tagen hatte sie die Blicke genossen. An schlechten Tagen hatte sie sie persönlich aufgefasst. Sie wurde angesehen. Sie hatte irgendwann aufgehört, sich zu fragen weshalb. Früher wäre sie am liebsten auf jeden los, um ihn oder sie zu löchern, was er oder sie denn gerade dachte, als er oder sie sie soeben angesehen hatte.

Doch dann hatte sie mit sich und der Welt Frieden geschlossen und liess sie gewähren. Sie freute sich mittlerweile, ein Grund für irgendwelche Gedankengänge von irgendwelchen Menschen zu sein. Manchmal zählte sie die Blicke und staunte über die Tagesbilanz. Sie machte ein Spiel daraus und fing irgendwann an, Zutaten wie blaue Gummistiefel beizufügen. Einfach so. Manchmal war es auch ein oranger Hut. Oder knallroten Lippenstift. Sie wurde ja so oder so angesehen. Warum also nicht ein kleines farbliches Plus um Gedanken zu verwirren, Meinungen zu testen, Ansichten über den Haufen zu werfen, belächelt zu werden und einfach etwas auszulösen. Diese Auslöserfunktion gehörte ganz zu ihrem Alltag. Sie nannte sich die Gedankenweichenlegerin.

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