Herr Müllers Brief.

Sonntag. Der Tag, an dem man ausschlafen darf. Der Tag, an dem der Wecker hoffentlich nicht klingelt. Der Regen tröpfelt im Sonntagsrhythmus an die Fensterscheibe, die Bettdecke ist kuscheliger als an scheinbar allen anderen Tagen und der Schlaf wandelt sich langsam in neblige Schläfrigkeit und verschwindet nur ganz sanft. Und da, die Wachheit winkt durch den Nebel hindurch und kitzelt verspielt an meiner Nase. Ich drehe mich schnell weg, um den Nebel der Schläfrigkeit noch etwas länger zu geniessen. Die Schläfrigkeit legt ihre warmen Arme beschützend um mich und bettet mich weich ein. Sie liebkost mich und lehrt mich das sanfte Weggleiten, zurück in das Tal des Schlafes, wo sich lustige Bilder abspielen, wo von irgendwoher Kirmesmusik erklingt und sich bunte Karusselle drehen und drehen und drehend auf der Stelle stehen. Katzen sitzen in dieser Vollmondnacht auf des Nachbars Gartenzaun und miauen und schauen sich die Gegend an. Sie können ja sehen im Dunkeln. Dank dem Vollmond ist es jedoch fast hell.

Herr Müller kann nicht schlafen. Ich kenne Herrn Müller nicht und fühle mich plötzlich im Traum ertappt, in anderer Menschen Leben herumzuschnüffeln. Doch die Neugier siegt. Herr Müller ist ein Durchschläfer. Noch nie in seinem ganzen Leben hat er nicht durchgeschlafen. Ausser heute. Er schläft ganz nach seinem biologischen Rhythmus – als Freischaffender kann man sich das ja erlauben. Noch nie hat er jemals in seinem Leben einen Wecker gestellt. So kommt es, dass er immer vor Sonnenuntergang einschläft und nach Sonnenaufgang wieder aufwacht. Und so kommt es, dass Herr Müller noch nie die Nacht gesehen hat.

Als er nun aus unerklärlichen Gründen mitten in der Nacht aufwacht und sich im Dunkeln vorfindet, wundert er sich. Er sieht die weisse Kugel am schwarzen Himmel leuchten und findet, die Sonne scheine heute aber sehr schwach. Wie üblich jedoch steht er auf, er besitzt ja keine Uhr ausser seiner Inneren, zieht sich an und macht sich Frühstück im Dunkeln. Noch nie hat er bisher die Lichtschalter in seinem Haus benutzt. Wozu auch? Es ist ja immer hell und einen Keller hat er nicht. Er hat sich schon öfter gefragt, wofür die lustigen weissen Schalter denn gut sein könnten, aber hat es schlussendlich nie gewagt, sie zu betätigen. Als er also seine Honigschnitte isst, beschliesst er, der Sonne einen Brief zu schreiben und sie zu bitten, wieder heller zu scheinen. Er sieht seine geschriebenen Zeilen kaum und doch schreibt er in seiner gewohnten Geschwindigkeit. Er fragt sie im Brief freundlich, ob es ihr denn gut gehe oder ob er irgendetwas für sie tun könne, damit sie ihre Kräfte wieder finde. Er bedankt sich für ihre unermüdlichen Dienste. Herr Müller steckt den Brief vorsichtig in einen Umschlag, verlässt sein Haus auf dem Hügel, geht hinunter zur Poststelle und wirft den Brief, welcher in Schnürchenschrift an „Frau Sonne im Himmel“ adressiert ist, ein und geht den Hügel nachdenklich wieder hinauf. Als er oben ankommt, hält er inne und seine Lippen verziehen sich zu einem überwältigten Lächeln. Zufrieden mit sich und seiner Tat, überzeugt, dass die Sonne seinen Brief erhalten haben muss, erlebt Herr Müller den allerersten Sonnenaufgang seines Lebens.

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