Ein Jahr im Zeitraffer

Das Jahr. Hmm. Das Jahr, die Monate, die Wochen und die Tage. Ich weiss nicht wie es euch geht, aber mir kommt alles immer schneller vor. Früher war ein Jahr eine Ewigkeit. Heute ist es ein Fingerschnipsen. Als ich klein war, war das Jahr noch klarer unterteilt in seine Jahreszeiten. Manchmal vermisse ich die Klischees etwas. Ich erinnere mich.

Das Jahr, das im tiefen tiefen Winter beginnt, mit einer grossen Wahrscheinlichkeit, dass er weiss ist. Zumindest in meiner Erinnerung an früher. Der Winter, der ausnahmslos alles in einen dicken weissen Mantel hüllt, der der Welt einen zarten Hauch von Stille verpasst. Der Winter, der uns zwar vorgaukelt, dass alles Leben verschwunden ist, uns alle ruhig und still werden lässt, uns dann aber überrascht, indem er Schnee in einer fröhlichen Leichtigkeit auf uns herabfallen lässt. Die Schneeflocken tanzen und landen sanft auf unserer Nase. Nie ist die Welt seeliger als wenn der Schnee sie erobert hat. Er entlockt den Menschen, ob sie wollen oder nicht, ein Lachen. Die geröteten Wangen der Kinder sind Beweis genug. Die Sonne lässt den Schnee in seinem Glanz erstrahlen und es glitzert überall. Die Abende schreien nach einem Schwedenofen, in dem das Feuer herrlich knistert, nach dicken Wollsocken, die die Füsse umarmen, nach einer Tasse mit heissem Tee oder Punsch und einem Platz am Fenster, um die Märchenwelt von drinnen zu bestaunen.

Dann – schwupps – der Frühling ist da. Und der wusste früher stets genau, wenn seine Zeit reif war. Erste Sonnentage, die einen dazu auffordern, die Jacke zu öffnen, den Schal zu lichten und das Gesicht in die warmen Sonnenstrahlen zu halten, die es liebevoll streicheln und jede Zelle der Haut auf Lebendigkeit programmieren. Die Natur trinkt die Schneeresten gierig auf und es gibt Platz für neues Leben. Die Welt erwacht. Braun wird langsam grün, grün wird langsam bunt. Vögel geben der Klangkulisse frühlingshafte Frische. Tiere wollen an die Luft. Menschen noch viel mehr. Und Pflanzen schiessen geradezu aus dem Boden heraus. Herzen finden sich. Es wird warm und wärmer. Die Jacke weicht dem Pullover und der irgendwann dem T-Shirt. Eine Garderobenrevision steht an. Die Welt scheint vor Leben zu explodieren.

Der Sommer. Schweissperlen schmücken uns, die Sonne brennt gnadenlos vom strahlend blauen Himmel. Er bringt Hitze, aber auch viel Licht in unsere langen Tage. Er fordert auf, sich draussen aufzuhalten, die Schatten der Bäume zu besuchen und sich in Seen, Flüsse, Bäche, Brunnen und Pfützen zu stürzen. Er verwöhnt uns nach einer Hitzeperiode mit sommerlichen Platzregen, die alles wie frisch gewaschen erscheinen lassen. Er schenkt uns die Lust nach kühlen farbigen Getränken, nach Eis und nach Früchten. Nach bunten Kleidern, nach offenen Schuhen, nach fröhlichem Dasein. Es riecht nach Sonnencreme. Abends unterhält er uns spektakuläre Dramen mit Blitz und Donner, um am nächsten Tag erneut ganz früh am Morgen in seiner Schönheit zu strahlen.

Und dann kommt der erste Tag, der etwas kühler scheint. Nur ganz minim. Aber es ist der Tag, an dem man weiss, dass der Herbst im Anzug ist. Der Herbst, der die Welt in goldenes Licht taucht. Der die Natur ein letztes Mal zum Aufbäumen bringt, sie in ihrer Kraft erstrahlen lässt, in gelb, orange, rot. Er lockt mit warmen Sonnenstrahlen alle Welt noch einmal nach draussen, um sich mit genügend Wärme auszustatten, bevor der Winter kommt. Er treibt uns in die Berge, um das Nebelmeer von oben bewundern zu können. Er lässt die Blätter am Boden mit einem frischen Herbstwind aufwirbeln und mit uns tanzen. Und dann schläft er langsam ein und übergibt während der Einschlaf-Phase wiederum dem Winter das Zepter, der einen sanften Übergang gestaltet und die Menschen auf die kommenden Monate vorbereitet, indem sie sich mit Licht ausstatten, mit Weihnachtslichterketten. Und indem sie den Herbst noch etwas konservieren, in heissem, herrlich duftenden Tee und in süss riechenden Keksen. Und dann neigt sich das Jahr dem Ende zu.

So sah das Jahr zusammengefasst früher aus. Heute? Heute weiss man gar nichts mehr. Nicht einmal die Wetterfrösche haben Rat. Heute kann Sommer sein und morgen bereits fast Winter. Während gestern noch Frühling geherrscht hat. Der Frühling fällt seinerseits mit Pauken und Trompeten und allen auffindbaren Türen in das Haus und prügelt sich mit dem Sommer derart heftig über die Timing-Kompetenz, dass der Winter halt nochmals Vormarsch hält. Wenn dann der Sommer seinen gefühlt fünfminütigen Star-Einsatz gehabt hat, prahlt der Herbst bereits und verspricht so einiges. Doch auch da kann alles wieder anders sein. Also werden all diese Gefühle, die die einzelnen Jahreszeiten bisher ausgelöst haben, neu gemischt, wohl etwas verkürzt, dafür in beliebiger Anzahl wiederholt, je nach Laune der Natur. Alles ist nicht mehr so wie früher.

Aber eigentlich ist das ja auch ganz schön. So wird einem zumindest immer wieder bewusst, dass das Jahr, der Monat, die Woche, der Tag nur eine vermeintliche Struktur darstellt, die wir Menschen der Natur, der Zeit, gegeben haben. Dahinter steckt allerdings ganz viel mehr. So haben wir nun die Gelegenheit, diesen Rahmen über Bord zu werfen und ganz einfach von Tag zu Tag zu leben, nicht wissend, welche Laune die Natur morgen haben wird. Das reicht ja, wenn wir das morgen früh wissen.

Danke an die heutige Titelspenderin: Jennifer Duhnke

Manchmal frag‘ ich mich…

Manchmal frage ich mich, wie ich ganz genau hier hin gekommen bin. Hier auf das Sofa meiner Wohnung mitten in Zürich, eingekuschelt in meine Ikea-Decke. Fragst du dich das auch von Zeit zu Zeit? Gerade jetzt beispielsweise? Wie du da vor deinem Laptop sitzt, an deinen Nägeln kaust und dir zum hundertsten Mal schwörst, damit aufzuhören? Wie du an deinem Computer sitzt in deinem Trainer und verschlafen dreinguckst?

Damit ist aber noch nicht genug. Die andere Frage, die ich mir oftmals stelle und selten eine Antwort finde und wenn doch, dann sicher eine andere als gestern, oder gar vor einer Stunde: Wohin soll die Reise denn führen?

Heute plaudere ich ausnahmsweise einmal aus meinem Nähkästchen. Denn wenn ich mich selbst so anschaue:
Vor einem Jahr hatte ich einen 100 % Bürojob und wohnte alleine in einer kleinen Wohnung in Aarau. Single.

Heute wohne ich in Zürich in einer Wohngemeinschaft, bin im Management einer Improtheatergruppe tätig und tobe mich dabei und nebenbei kreativ aus. Und ja, da gibt es auch noch so einen Mann.

Und das, nachdem ich mir ein konstantes und ruhiges 2011 gewünscht hatte!

Viele Menschen fragen mich, weshalb ich denn gleich alles miteinander verändert habe. Wieso denn nicht erst einmal einen neuen Job suchen, DANN erst künden und nicht umgekehrt, und DANN vielleicht die Wohnung wechseln? Worauf meine von scheinbarer Unvernunft geprägte Antwort folgt, dass es sich irgendwie einfach richtig angefühlt hat – halt dummerweise alles zu einem ähnlichen Zeitpunkt, was will man machen. Wenn’s Zeit ist, ist’s Zeit. Was passiert ist? Das, was immer passiert: Das Leben. Ich habe lediglich versucht, auf mein Herz zu hören. Und mein Herz kann durchaus radikal sein, denn wenn die Zeit reif ist, schmeisst es mich gnadenlos zu meinen Gunsten in eine komplette Veränderungsphase hinein. Und wenn ich dann einmal eine ruhige Minute habe, wie gerade jetzt in diesem Moment, frage ich mich wieder, wie zum Teufel ich gefühlt so plötzlich schon wieder an einen anderen Ort gelangt bin und wo zum Henker die Reise nochmal genau hingeht, wenn im letzten Jahr allein so unglaublich vieles passiert ist? Wo ist mein Tourguide?!

Aber weisst du was, momentan ist mir das wurscht. Ich bin viel zu beschäftigt mit ausprobieren, spielen und leben gerade. Also Moment, ich habe natürlich meine Wünsche und Vorstellungen und auch (sich immer wieder verändernde) Ziele. Seien wir ehrlich, das Leben schubst einen automatisch in die Richtung, in die man gehört. Ob man will oder nicht. Ich glaube der Schlüssel ist das Zulassen. Man meint ja immer, man muss kämpfen, um Träume wahr werden zu lassen. Ich habe mein Leben lang immer wieder gekämpft. Das hat mich durchhalten gelehrt. Schön. Aber nun habe ich einfach einmal aufgehört damit. Weil ich begriffen habe, dass genau dann, wenn man am entspanntesten und am neugierigsten ist, oder gerade mit etwas komplett anderem beschäftigt ist, plötzlich irgendwo ein Türchen aufgeht und wenn man da hindurch geht und seine Grenzen erweitert, öffnen sich wiederum neue Türchen und Gelegenheiten stellen sich in die Reihe und wollen allesamt gepackt werden. Naja und vielleicht auch weil ich momentan einfach keine Lust zum kämpfen habe.

Dieser oben erwähnte Mann hat übrigens einmal etwas sehr Schönes zu mir gesagt. Oftmals weisst du nicht, wo du gerade stehst und weshalb. Wo du herkommst und wo du hingehst. Aber irgendwann kommt der Moment, wo du zurückblickst und erkennst, wie sich die Punkte verbinden. Wie sie den Weg zum Ziel gebahnt haben, ohne dass du es bemerkt hast.

So, genug von mir. Ich wünsche dir eine gute Reise!

Zwei Ladies unterwegs.

„Weisst du noch, liebste Jutta, als wir immer da drüben unter dem grossen Baum im Schatten lagen und uns unser Leben ausmalten?“ – „Oh ja, als wäre es gestern gewesen.“ – „Und heute könnten wir wohl nicht einmal mehr aufstehen, wenn wir uns hinlegen würden.“ Die beiden alten Damen kichern, als sie an ihrem Baum am See vorbei spazieren. Sie haben sich nun seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Immer zehn Jahre. Und doch ist es, als wären sie das ganze Leben lang zusammen unterwegs gewesen. Waren sie ja auch. Gewissermassen.

Dabei waren es genau drei Jahre am Stück. Mit zwanzig. In Zürich. Jutta hatte Psychologie studiert, jedoch nach dem zweiten Semester abgebrochen und eine Lehre als Bäckerin absolviert. Anna hatte Modedesign studiert und es durchgezogen. Sie waren per Zufall in der gleichen Wohngemeinschaft gelandet, da beide Mitbewohnerinnen, die darin gewohnt hatten, abgesehen voneinander heimlich eine Nachmieterin gesucht hatten und dann gleichzeitig gegangen waren. Also wurden Anna und Jutta vor vollbrachte Tatsachen gestellt und die Weinflasche, die sie als Willkommensgeschenk erhalten hatten, war am ersten Abend, was sag ich, in der ersten halben Stunde gleich weg. Freundinnen auf den ersten Schluck sozusagen. So begann alles. Sie hatten gemeinsam ihre vermeintlich ganz grosse Liebe kennengelernt, leider war es derselbe Mann, der dummerweise mit ihnen beiden doppelspurig fahren wollte und dann halt plötzlich zwei Freundinnen weniger, dafür umso mehr Juckpulver im Jackett, Klopapier ums Auto gewickelt und Knallfrösche im Briefkasten vorfinden durfte. Jutta und Anna hielten stets zusammen, lebten, liebten, tranken viel zu viel, hassten, probierten sogar einmal Drogen und bereuten es gemeinsam. Sie wurden beste Freundinnen.

Bis Anna dann einen Job in Paris erhielt. SIe war immer schon die schöne Edle der beiden Frauen gewesen, die in die grosse weite Welt hinaus wollte. Die Welt entdecken, nein, sie erobern! Jutta war eher pummelig und machte sich nicht so viel aus ihrem Aussehen. Hauptsache bequem. Sie war traurig als Anna ging. Ihre Nachmieterin war eine Anwältin, die stur und doof war. Anna und Jutta schrieben sich regelmässig Briefe, sahen sich aber zehn Jahre lang nicht mehr.

Während Jutta noch immer in der gleichen Wohnung wohnte – unterdessen verheiratet – führte Anna eine desaströse Beziehung nach der anderen. All das erzählten sie sich, als sie sich zehn Jahre später in Berlin mehr oder weniger zufällig trafen und zusammen frühstückten. Danach ging Jutta zurück nach Zürich und Anna verliebte sich in Berlin und blieb da. Sie fand einen Job und führte fünf Jahre lang eine einigermassen konstante Beziehung mit demselben Mann.

Mitte vierzig trafen sie sich um die Weihnachtszeit herum in Zürich. Jutta war unterdessen Mutter von zwei wunderschönen Töchtern und führte ihre eigene Bäckerei. Anna war verlobt aber halbwegs bereits wieder in der Trennung und auch schon wieder neu verliebt. Leider war der Mann, wie Jutta hoffte, nicht in Zürich wohnhaft. Sondern in Helsinki. Also sendete Anna ihrem Noch-Verlobten mit einem freundlichen Brief den Ring zurück und zog nach Helsinki.

Mitte fünfzig wurde Jutta Grossmutter und Anna bekam einen Sohn und versetzte damit die halbe Welt in Staunen. Da er von ihrem Liebhaber aus Prag war, verliess sie Helsinki und begann in Bern ein neues Leben. Back to the roots, wie sie so gern sagte. All das fanden die beiden heraus beim gemeinsamen Kaffee in Aarau.

Mitte sechzig sind wir wieder am See und die beiden Ladies sitzen auf einer Bank und erinnern sich. Juttas Mann ist unterdessen gestorben. Er hatte Krebs. Sie war bis zum Schluss für ihn da. Anna’s Sohn ist ein hochbegabter Pianist und spielt bereits in diversen Orchestern mit. Mit seinem Namen wird international jongliert.

„Meine liebe Jutta. Was wäre mein Leben ohne eine so treue Freundin wie dich?“ Anna schluckt und eine Träne kullert aus ihrem rechten Auge. „Ich hätte nicht gedacht, meine Anna, dass dein „Wir sind Freundinnen auf immer und ewig“ wirklich so wahr sein würde, als du damals nach Paris abgehauen bist. Du hattest also doch recht.“ Natürlich hatte sie das. Die beiden halten sich überwältigt an den Händen und lächeln.

Sie stehen schliesslich beide behutsam auf und spazieren zurück in die Wohnung, die sie früher einmal gemeinsam bewohnt hatten und nun noch für fünf Jahre lang zusammen auf den Kopf stellen würden, bis Anne einem unerwarteten Schwächeanfall erliegen würde. Jutta würde sehr traurig sein, aber sie würde ebenso glücklich und dankbar dafür sein, dass sie so lange gemeinsam im Leben unterwegs sein durften.

Denn der Kreis hat sich geschlossen und das ist für sie das Wichtigste auf der ganzen Welt.

Danke an die heutige Titelspenderin: Tamara Rindlisbacher

Tagesmüde.

Im Nebel seiner Schlaftrunkenheit sah er die Sonne nicht aufgehen. Er sah nicht, wie die rote Kugel langsam golden wurde und die Welt in friedliches und wunderschönes Morgenlicht tauchte. Er spürte nicht, wie sie seine Haut sanft streichelte und ihn warm umarmte und guten Morgen küsste. Er verpasste die grosse Geldnote, die direkt vor seinen Füssen lag an der Bushaltestelle. Er stand sogar halbwegs drauf. Alle, die um ihn herum standen, warteten wie hungrige Krähen, dass er sich verschieben würde und sie sich darauf stürzen könnten. Er reagierte nicht, als die Busfahrerin ihm ein strahlendes Lächeln schenkte, als er sein Ticket löste. Er hatte auch gestern nicht reagiert. Und vorgestern.  Und an den Tagen davor. Denn seit sie ihn vor einem Monat das erste Mal gesehen hatte, hatte sie ihre Schicht konsequent auf die Morgenlinie Nord-Süd gelegt. Doch er sah sie einfach nicht. Er sah nicht die Hand des kleinen Mädchens, das ihm auf dem Nebensitz einen Keks anbot, als es seinen Magen knurren hörte. Er hörte nicht ihr Lachen, das den Menschen um ihn herum ebenfalls ein Lachen entlockte. Als er ausstieg stolperte er beinahe und starke Arme hielten ihn im letzten Moment fest. Er erkannte nicht, dass es ein alter Bekannter aus der Primarschulzeit war, der damals sein bester Freund gewesen war. Er dankte kühl und ging weiter. Er übersah beim Überarbeiten seiner Mailbox die E-mail seiner Schwester, die ihn auf ein Wochenende in den Süden einladen wollte. Es lag noch ungelesen bereits im Papierkorb. Er lehnte die Einladung seines Vorgesetzten zum Mittagessen ab und würde nie erfahren, dass ein anderer das Mittagessen wahrnahm und ebenso die Stelle als neuer Abteilungsleiter, welche eigentlich für ihn gedacht gewesen wäre. Er verliess nach Feierabend sogleich das Gebäude und folgte nicht dem süssen Duft, der aus der Büroküche kam, der von einem Geburtstagskuchen ausgegangen war. Für ihn. Er hörte nicht die Stille draussen, denn unterdessen hatte es angefangen zu schneien und der Schnee verwandelte alles in eine Märchenwelt. Er sah sie nicht. Er ging nicht an sein Telefon und verpasste so die Party einer guten Freundin, auf welcher er ihrer Bekannten, Sonja, ein Glas Rotwein über ihr Kleid geschüttet hätte und sie sich beide Hals über Kopf ineinander verliebt hätten.

Er war der Tage müde. In seinen Gedanken gefangen. In seiner Überzeugung, der einsamste Mensch auf der Welt zu sein. In seiner Traurigkeit über all das Schlechte, das ihm ständig widerfuhr. An der Bushaltestelle hatten ihn ja schliesslich alle schief angeschaut, das kleine Kind hatte ihn mit seiner Quietscherei bloss nerven wollen, die Busfahrerin musste sich über ihn lustig gemacht haben, weil er noch kein Abonnement gelöst hatte für die immer gleiche Strecke und hatte ihn fies angegrinst. Dabei wünschte er sich ja, er hätte mehr Geld. Er hatte sich doch keinen Mitleidslunch mit seinem Chef antun wollen und hatte sich ausgeschlossen gefühlt, als er den süssen Duft aus der Büroküche gehört hatte und das Gelächter der anderen. Nicht einmal von seiner Schwester hatte er etwas gehört in letzter Zeit. Er fror und war der Tage müde.

So wartete er sein Leben lang Tag für Tag auf das Glück, das niemals zu kommen schien und ward der Tage müder und müder. Er wusste nicht, dass das Glück immer und überall zu finden ist, wenn man nur aufmerksam durch die Welt geht und es zulässt. Er wusste es nicht.

Danke an die heutige Titelspenderin: Tamara Burk

Früher, als ich jung war…

Früher, als ich jung war, war der Himmel ein blauer Strich am oberen Papierrand meiner selbst gemalten Zeichnung. Die Strasse draussen war ein Fluss, der nur mithilfe der gelben, extra für Fussgänger auf den Boden gemalten Bretter, zu überqueren war und das war sehr gefährlich, denn man musste sie genau treffen. Autos waren Monsterfische, Velos Pferde und Lastwagen grosse Ungeheuer. Über ihre Schatten musste man drüberhüpfen, sonst starb man. Früher, als ich jung war, setzte ich mich mit einer Rute, an der an einer Schnur eine Orange – Karotten fand ich keine – befestigt war, auf den Esel meines Onkels und wollte ihn so zum gehen bringen – so wie ich das im Comic gelesen hatte. Es gefiel ihm scheinbar nicht, denn bereits nach zehn Sekunden küsste ich den Boden. Als ich jung war, sammelten alle meine Freunde Sticker und führten ganze Stickeralben. Früher, als ich jung war, fuhren wir Rollschuh, tanzten mit dem Hulahopp-Ring und hüpften im Gummitwist. Wir gründeten einen Ganovenverein, in dem man nur mit fiesen Aufnahmeprüfungen, wie beispielsweise Ameisen essen, die Mitgliedschaft erlangte. (Anm. der Autorin: Ich flog raus, weil ich eine süsse Schmusekatze am Wegrand einer wilden Exkursion in irgendeine doofe Höhle vorzog. Ich bekam einen zweiten Versuch und musste dazu eine Stunde lang im Meerschweinchenstall sitzen.)

Früher, als ich jung war, schrieben wir Theaterstücke, gründeten einen Quaratierzirkus und waren Pferde, Clowns und Akrobaten in einem! „Circus Concanelli“, meine Damen und Herren! Wir tanzten zu Musik aus dem Kassettenrekorder und unsere Haargummis waren fast so dick wie unsere Arme – in knall pink. Die Kleidergrösse S gab es nicht, nur XL und grösser. Im Textilunterricht strickten wir fette Stirnbänder in unseren Lieblingsfarben (Meines war in Pink und leuchtend Gelb. Gestreift. Hmm…) und wir trugen sie stolz den ganzen Winter lang und länger. Wir schmierten die Badewanne mit Seife ein, um in ihr barfuss Schlittschuh zu laufen. Wir rannten um die Wette, bauten Hütten, schlugen Purzelbäume. Wir machten bevor wir dachten, fielen hin, standen auf und spielten weiter. Wir sorgten uns nicht um die Schmutzflecken auf der Hose oder die Schürfwunde am Knie.

Die Tage waren länger, die Fahrt im Stau ein Abenteuer. Wir hatten schwarzweiss Fernseher und der Gameboy der Nachbarn war cool. Super Mario olé! Wir verkauften Blumensträusse gratis, gingen mit unseren Meerschweinchen spazieren und eröffneten Restaurants im Zelt auf dem Hausplatz.

Es interessierte uns nicht, woher die Blumen und Bäume wissen, dass und wann sie wachsen und blühen müssen, wir bestaunten sie einfach und freuten uns ab ihrer Schönheit. Wir wussten nicht, dass die Lebensaufgabe der süssen kleinen Schweine beim Bauern „gemästet werden“ war, damit wir etwas zu essen im Teller hatten. Wir hatten keine Ahnung, dass es Menschen gab, die Hunger leiden. Dass man arbeiten muss und Rechnungen zahlen. Wir wussten nichts über Angst und Kriminalität. Es war uns egal, welche Hautfarbe unser Spielkamerad hatte und woher er kam. Wir waren einander böse und im nächsten Moment war alles vergeben und vergessen. Wir wussten nicht, dass es einen Ruf zu verlieren gab. Einen Status zu erreichen. Eine Karriereleiter zu erklimmen. Zum Klettern hatten wir ja Bäume. Wir spielten und lebten, hassten und liebten, weinten und lachten. Wir träumten mit der inneren Sicherheit, dass unsere Träume irgendwann wahr würden.

Früher, als ich jung war, gab es eine Welt, in der es kein gestern und kein morgen gab. Früher, als ich jung war, war das Leben ein einziges grosses Spiel.
Früher, als ich jung war, scheine ich Vorbild für mein erwachsenes und heutiges Ich gewesen zu sein.
Ich nehme es mir zu Herzen.

Und wie war eure Welt früher?

Danke an die heutige Titelspenderin: Isabel Kaspar

Dann lieber nicht.

Verkäufer: Nun gut, dieses Set kostet vierhundertfünfundachzig Franken. Sie sind aus Titan und äusserst speziell. Man kann sie in matt oder glänzend kaufen, oder beides, oder jeder anders oder gemischt, oder…
Er: Und wie teuer ist dieser hier? Ist das Weissgold?
Verkäufer: Genau. Das ist Weissgold. Aber ich lege ihnen nahe, suchen sie nicht nach äußerlichen Vorstellungen. Hören sie auf ihr Herz, wenn sie ihn in der Hand halten. Lassen sie ihn mit ihrem Herzen sprechen. Fühlen sie, was er zu ihnen sagt.
Er: Ich fühle nichts.
Verkäufer: Sprechen sie zu ihm!
Er: …äh… Hallo. Ich wollte mal fragen ob…
Verkäufer: Herrje, doch nicht so! Lassen sie ihre Verlobte ans Werk. Frauen sind in solchen Dingen besser.
Sie: Da haben sie allerdings recht.
Er: Pah!
Sie: Gib her.
Er: Grins nicht so doof.
Sie: Lass mich das machen… Nun. Ich fühle ehrlich gesagt nichts.
Verkäufer: Gut, dann ist es nicht der Richtige.
Er: Wie können Sie… wie kannst du… der ist doch schön!
Sie: Wir müssen ja nicht gleich den erstbesten nehmen!
Verkäufer: Hier hätten wir eine ähnliche Form, natürlich auch rund, haha, ich meine von der Art her sehr ähnlich wie der andere. Hören sie hin. Halten sie ihn ans Ohr.
Sie: Hmmm.
Er: Und? Spricht er etwa mit dir?
Sie: Sei still!
Er: Welche Sprache spricht er denn? Chinesisch? Türkisch? Latein?
Sie: Bitte jetzt, reiss dich zusammen! Du willst doch auch, dass das alles perfekt wird! Halte deine Ungeduld also BITTE ausnahmsweise einmal etwas im Zaum!
Er: Ich? Ungeduld? Wohl kaum! Wie oft streife ich mit dir durch die Geschäfte, Stunde um Stunde, ohne dass ich irgendetwas sage, auch wenn ich schon lange durch bin mit meinen Nerven?!
Sie: Ja ja, nie etwas sagst, du schaust im Sekundentakt auf die Uhr, fragst mich ständig ob ich Hunger habe und fängst an auffällig auf deinem iPhone herumzutippen. Das nennst du nichts sagen. Sogar ein tauber Pudel würde deine Ungeduld hören, riechen und sehen können!
Verkäufer: Entschuldigung, ich will sie ja nicht unterbrechen, aber der ist es wohl auch nicht. Dieser scheint versteckte Aggressionen in ihnen beiden zu wecken. Das wäre schade, diese Energie mit in die gemeinsame Zukunft zu nehmen.
Sie: Wenn sie meinen.
Er: Wenn sie meinen.
Verkäufer: Hier mein Lieblingsset. Auf den Ringen sind in die Innenseite ganz winzig drei kleine Worte eingraviert. „Philia. Eros. Agape.“ Philia steht für die freundschaftliche und familiäre Liebe, Eros für die Liebe zwischen Mann und Frau und Agape stellt die allumfassende und bedingungslose universelle Liebe dar. Perfekt für sie beide.
Er: Oh! Wie teuer?
Verkäufer: Der ist…
Sie: Nein.
Verkäufer: Also der Preis…
Sie: NEIN.
Er: Was ist denn nun wieder los?! Der ist doch nun wirklich schön. Was soll das? Eigentlich sollte ICH das ja alles ganz kitschig finden und du als Frau ganz toll, also freu dich doch dass ich selbst Spass dabei habe!
Sie. Und genau da, mein Lieber, liegt der Grund für mein Nein. Du packst alles, aber auch alles, in irgendwelche Rahmen, Kisten, oder kleidest Menschen und Dinge in Rollen und wirfst sie achtungslos in Schubladen. Wieso sollte ich das toll finden und du kitschig? Nur weil es das Klischee so will? Und wieso findest du denn die drei Gravuren so furchtbar schön? Dass du, wenn du mit deiner Ex wieder einmal „aus Versehen“ in die Kiste hüpfst, danach auf Philia oder Eros oder Agape zurückgreifen und dir daraus irgendeine Rechtfertigung basteln kannst, damit du den Eid der Ehe nicht brichst? Am Schluss bin ich für dich wie eine Schwester und das, oder die oder der Eros zwischen ihr und dir ist einfach zu stark und du bist ein Mensch, der alle gleichsam liebt und du deshalb nicht wiederstehen kannst, f*****g Agape. ICH KANN DICH SCHON HÖREN!!!
Verkäufer. .
Er: .
Sie: .
Verkäufer: Wollen sie später wiederkommen?
Er: Äh also…
Sie: Ich glaube ja. Wir gehen.
Verkäufer: Auf Wiedersehen! Alles Gute.
Sie: Danke. Auf Wiedersehen.
Er: Auf… Nimmerwiedersehen.
Sie: Was?!
Er: Was erwartest du nach deinem Vortrag von vorhin? Ich dachte die Geschichte mit Tina wäre durch.
Sie: Ja, das ist sie auch. Ich kriegte wohl gerade leicht kühle Füsse. Entschuldige bitte.
Er: Offensichtlich ist sie das nicht.
Sie: Hm. Vielleicht.
Er: Ich weiss nicht recht. Wollen wir das wirklich?
Sie: Ich weiss nicht. Ich will doch einfach dich und das weiss ich so sicher, wie die Sonne jeden Morgen aufgeht. Aber wir hatten noch nie so viel Streit in unseren ganzen sieben Jahren wie seit der Verlobung.
Er: Und ich will dich.
Sie: Dann lieber nicht jetzt heiraten. Dann einfach du und ich.
Er: Ja dann lieber nicht. Du und ich reicht völlig. Komm wir gehen nach Hause.

                                     Danke an die heutige Titelspenderin: Tamara Burk

Fische sind ja nichts für mich.

Als er so dahin watschelte, Maximilian der kleine Pinguin, inmitten der Masse von über tausend anderen Pinguinen, bekam er plötzlich Angst. Denn er bemerkte, dass sie alle so ziemlich gleich aussahen wie er. Das kam ihm etwas absurd vor. Es war sein erster Schultag und seine Eltern hatten ihn mit Tränen in den Augen in der Schule abgeliefert und er hatte zuerst gar nicht recht verstanden, was genau geschah und musste ebenfalls weinen. Nun hatten sie ihre erste Exkursion zum Meer um sich im Fische fangen zu üben und spazierten gemütlich plappernd über das Eis des Südpols und er nutzte die Gelegenheit, seine Mitschüler zu mustern. Alle schienen sich prächtig zu unterhalten. Nur er machte sich scheinbar darüber Gedanken, ob er wohl jemals wieder seine richtigen Eltern finden würde am Abend. Sie hatten ihm versprochen, ihn rechtzeitig abzuholen und ehrlich gesagt konnte er es auch kaum erwarten.

Doch wie zum Henker sollten sie ihn wiedererkennen wenn sie doch allesamt identisch waren? Maximilian wurde aufgrund der Tatsache sehr traurig und wusste nicht mehr, was er machen sollte. Seine Eltern hatten ihm immer das Gefühl gegeben, dass er etwas ganz Besonderes sei. Nun sah er ja, WIE besonders er war. Toll. Er suchte verzweifelt nach einer Lösung. Ausbüxen brachte wohl nichts, denn unterdessen waren sie sicherlich seit zwanzig Minuten unterwegs. Gefühlt, eine Ewigkeit. Er würde den richtigen Weg nach Hause wohl nie finden. Also musste er wohl oder übel den Tag mit der Gruppe verbringen und eine andere Strategie entwickeln. Zum Glück war er einer der intelligenteren Pinguine auf dem Planeten und so setzte er seinen Verstand weise ein. Er musste einen Weg finden, sich von den anderen zu unterscheiden. Tanzen fand er doof, das würden alle mit „Happy Feet“ in Verbindung bringen, was einfach zu schwul war.

Als sie beim Meer ankamen und die Lehrerinnen sie in drei Gruppen unterteilten, die sich abwechslungsweise der Theorie, der Trockenübung auf dem Eis und der praktischen Übung des Fischefangens annehmen sollten, hatte er die Idee.

Er weigerte sich ganz einfach mitzumachen. Die Lehrerin stutzte und fragte ihn weshalb. So etwas hatte sie in ihrer langjährigen Lehrerinnenkarriere noch nie erlebt. Er antwortete, dass Fische ja nichts für ihn seien. Auf den verwirrten Blick der Lehrerin und ihrer drei Kolleginnen hin ergänzte er: „Ich bin Vegetarier.“ So jagte er schliesslich den ganzen Tag lang alles andere als Fische, obwohl er natürlich heimlich genau beobachtete, was die andern taten, damit er später für sich üben könnte. Er wollte ja Fische essen. Aber er wollte noch viel viel mehr nach Hause zu seinen Eltern.

Und so kam es, dass Maximilian beim Rückweg an der Hand der besorgten Lehrerinnen gehen durfte, die ihn während des Tages mit allem Möglichen und Unmöglichen zu füttern versucht hatten. Er ignorierte die Blicke und Sprüche der andern. Er schnappte den ein oder anderen nachgeäfften Satz auf: „Fische sind ja nichts für mich“ – dies mit herablassenden Bewegungen kombiniert. Sollten sie doch. Sein Lächeln wickelte sich dreimal um seinen Kopf herum. Er würde dafür von seinen richtigen Eltern in die Arme genommen werden und am Abend mit ganz viel Fisch verwöhnt werden. Zur Schule gehen würde er nie mehr, damit hatte er nun abgeschlossen.

Klar ging er wieder zur Schule. Er fing auch Fische. Er war sogar Klassenbester. Und später wurde Maximilian übrigens selbst Lehrer und das erste, was er seinen Erstklässlern jeweils klarmachte war, dass jeder von ihnen etwas Besonderes sei und ihre Eltern sie am Abend wieder finden würden.

Danke an den heutigen Titelspender: Ilan Oppenheim

Reissverschlusssystem

Ich stutzte, als ich Reissverschlusssystem im Kreuzworträtsel einfüllte. Ein Wort mit sieben „s“. Tatsächlich ein Wort mit einem „sch“, einem „s“, einem „Doppel-s“, und einem „Trippel-s“. So viele Buchstaben der gleichen Sorte oder vom gleichen Buchstaben stammend in einem einzigen Wort – wie war das möglich, so nahe nebeneinander? Es mochten ja nur Gerüchte sein, aber hängen blieb dieses bei mir trotzdem: Mir ward einst gesagt, dass es ein Bewerbungsverfahren der einzelnen Buchstaben um die Integration in einem Wort gab und dieses alles andere als einfach war. Zudem wäre die Konkurrenz zwischen den gleichen Buchstaben unsäglich gross. Eine Geschichte für sich. Ich fand nur schon das Wort „Reissverschlusssystem“ verlockend genug, um dem auf den Grund zu gehen.

Also erlaubte ich mir, das „sch“, das „s“, das „Doppel-s“ und das „Trippel-s“ zu mir ins Wohnzimmer einzuladen und sie auszufragen. Jeder hatte einen eigenen Buchstabenwärter gesandt (die Buchstaben selbst hatten keine Zeit für sowas), der ihn mit Herz und Blut repräsentieren sollte, zumindest gemäss der Besuchs-Bestätigungs-E-mail. Der „s“-Wärter traf als erstes ein, alle andern kurze Zeit später. Die drei „sch“-Wärter tauchten als letztes auf, wobei sich der „Teil-c“-Wärter und „Teil-h“-Wärter stets im Hintergrund hielten. Die beiden „Doppel-s“-Wärter, die übrigens verwirrend identisch aussahen, baten mich immer wieder synchron, sie doch bitte „ß“ zu nennen und gewichteten, sie hätten jegliche Diskussionen dazu satt. Die drei „Trippel-S“-Wärter, die sich als Florian, Rudolf und Franz vorgestellt hatten, waren gesprächig und verloren sich immer wieder in ihren eigenen Plaudereien.

Ich sprach also eine Stunde lang mit ihnen über das Bewerbungsverfahren um die Integration in einem Wort. Mittlerweile bereits ein eher seltener Prozess, denn kaum einer wusste in unserer Zeit noch darüber Bescheid, da nicht mehr so häufig neue Wörter erfunden wurden. Und die Konditionen für Anglizismen wären nicht ganz so berauschend, meinte der „s“-Wärter trocken. Wörter, wie das Reissverschlusssystem, pardon Reißverschlusssystem, wären eine langwierige Geschichte, da man sich irgendwie finden musste. Schliesslich wären die „s“-Buchstaben dann immer sehr nahe beieinander und das konnte schon zu Reibereien führen. (Ich konnte feindliche Blicke zwischen den einzelnen Wärtern nicht ignorieren.) Nicht umsonst würden in der Rechtschreibung immer wieder Anpassungen vorgenommen. Sie waren sich einig, dass aus der „s“-Perspektive andere Wörter, wie zum Beispiel „Ananas“, um einiges einfacher zu besetzen wären, da hatte es wenigstens immer einen Schlichter dazwischen. Sie verloren sich etwas in einer Diskussion und Flo, Rudi und Franz jonglierten unterdessen mit Worten.

Auf meine Frage, wie sie es denn geschafft hätten, das Wort Reißverschlusssystem so gut auszustatten und so lange dabeizuhaben, wurden alle ruhig und erst der „sch“-Wärter, als er von seinen beiden Kumpels dazu aufgefordert wurde, hustete so etwas wie „Wette verloren“. Florian, Rudolf und Franz bestätigten dies kichernd und als der „s“-Wärter sich räusperte, liessen sie die „ß“-Wärter schliesslich erklären, dass sie alle einen Vertrag unterschrieben hätten, dass sobald sie sich einmal verkrachen würden, das Wort „Reißverschlusssystem“ ganz aus dem Wörterbuch gestrichen würde und von „Reissverschlussverfahren“ abgelöst, das ein Synonym zweiter Priorität darstelle, aufgrund einer kleiinen Lappalie von vor einigen Jahren.

Sie tranken nun in einer beklemmenden Stille ihren Tee aus und verliessen mein Haus, ohne dass ich noch viel mehr hätte aus ihnen herauskriegen können. Ich fühlte mich ehrlich gesagt kein bisschen schlauer als zuvor. Die Geschichte der Wortbildung schien mir ein zu grosses Mysterium, also vergass ich es und schenkte mir ein Glas Whisky ein.

Danke an die heutige Titelspenderin: Tamara Burk

Ich bewohne mich.

Sie rannte. Schnell. Und weit. Wie es der Zufall wollte, war ihr Name Lola. Ob sie deshalb rannte, wusste sie nicht. Heimlich war sie sowieso davon überzeugt, dass die Filmleute irgendwie von ihrer Rennerei erfahren haben mussten und das für irgendeinen Film verwendeten. Sie hatte ihn sich aus Prinzip nie angesehen.

Sie rannte ständig umher. Immer und überall. Von A nach B. Von  O nach W. Von Z nach X. Kreuz und quer. Sie erledigte alles, was irgendwie erledigt werden musste, im Nu. Kaum eine war so schnell wie sie. Und sie war Schulter Nummer eins für all ihre Freunde und deren Freunde und deren Freunde. Sie war Lexikon und Stadtkarte für alle.

Zu selten dachte sie dabei auch einmal an sich. Und oft fühlte sie sich alleine – obwohl sie meist unter Menschen war. Dann versuchte sie, der Einsamkeit ganz einfach davonzurennen. Doch diese war unglaublich schnell und immer wieder, immer öfter holte sie sie ein.

Lola fühlte sich nirgends richtig daheim. Sie hatte ja gar keine Zeit dazu. Ihre kleine 2-Zimmer Wohnung bestand aus ihrem Ikea-Bett, einem Sofa und gefühlt hundert Kartonboxen. Vor fünf Monaten war sie hier eingezogen nach einer schmerzlichen Trennung von ihrem Freund, also ja Ex-Freund, aber sie war nie richtig angekommen. Sie war regelrecht aus der gemeinsamen Wohnung gerannt, nachdem sie einmal einen Tag früher aus ihrem Urlaub zurückgekommen war und tausend Indizien im Flur und eine weibliche Person zu viel in ihrem gemeinsamen Bett angetroffen hatte. Bei ihm hatte sie sich daheim gefühlt. Das war ihr Zuhause gewesen. Und das war weg. Also rannte sie.

Eigentlich ohne zu wissen wohin. Und erst an diesem grauen Morgen hörte sie damit auf. Sie rannte einmal mehr mit einem unglaublich grossen Stapel Akten durch den Nebel, diesmal von T nach F und der Zeit hinterher, und spürte Blicke auf sich. Blicke von Menschen, die sie musterten. Erst ignorierte sie sie, aber irgendwann wurde es ihr doch zu dumm und sie schaute – ungeschickterweise während dem Rennen – an sich hinunter und als sie bemerkte, dass sie noch immer ihre knallgelben Plüsch-Hauslatschen trug, stolperte sie und fiel mit der Nase voran in eine Pfütze. Die Akten ebenfalls. Nass, alles unbrauchbar. Sie blieb liegen und weinte. Zum ersten Mal seit der Trennung liess sie los.

Jetzt war genug. Sie setzte sich langsam auf, wehrte freundlich die Hilfe eines Passanten ab und blieb einen Moment lang sitzen. Ihre Augen blieben an einem Plakat hängen und als sie die Zeilen las, schien die Zeit stillzustehen und sie begriff. „ICH BEWOHNE MICH“, stand da fett und rot. Ich bewohne mich. Jetzt war genug. Es war Zeit, heimzukehren.

Lola stand auf, wischte sich so gut es ging den nassen Dreck von der Hose, dann mit der schmutzigen Hand die Tränen von den Wangen und spazierte los. Bei einer Bank am Fluss setzte sie sich. Sie sass den ganzen Tag da. Sie ignorierte die Anrufe ihres Chefs – sie würde wohl schon im Flugzeug sitzen, wenn er ihr die Kündigung auf die Mailbox sprechen würde – und die ihrer Freunde ebenfalls. Freunde? Vielleicht sollte sie sich erstmal wieder um ihre Freundschaft zu sich selbst kümmern, Schulter Nummer eins für sich selbst sein. Sie weinte drei Stunden lang und als sie leer war, kaufte sie sich Pommes und ging in ihre Wohnung. Sie organisierte noch am selben Abend einen Einstellplatz für ihre Sachen und buchte online einen Flug nach Indien. One way. Fürs erste.

Und jedesmal, wenn sie auf ihrer Reise gefragt wurde, wo sie denn eigentlich wohne, deutete sie mit strahlenden Augen auf ihr Herz, wohl wissend, wo sie daheim war.

Sie rannte in ihrem Leben nie mehr. Und das Foto, das sie vor ihrem Abflug noch vom Plakat gemacht hatte, trug sie stets mit sich.

Danke an die heutige Titelspenderin: Amrei Rasch.