Neulich in der Zeitung

Helmut liebte die Besuche bei seiner Grossmutter. Zwei Sonntagnachmittage pro Monat gehörten ihr. Jedesmal wenn er den dunklen Flur des kleinen Häuschens betrat, hörte er sie bereits vorfreudig seinen Namen krächzen und wenn er dann in die Stube trat, sass sie auf ihrem bunt geblümten Sofa und strahlte ihn mit ihren grossen blauen Augen an, die leuchteten wie diejenigen eines Kindes. Dabei rutschte ihre knallrote kugelrunde Brille ein Stück auf ihrer Nase hinunter und sie musste sie mit zittrigen Händen wieder zurechtrücken. Meist sass sie schief. Vor ihr auf dem Tischchen standen stets eine dampfende Kanne mit Tee, daneben zwei Tassen und ein Teller mit Keksen. Helmut wusste nie recht, ob die Kekse überhaupt noch essbar waren. Deshalb nahm er jeweils einen, weil sie anfangs darauf achtete und steckte ihn unauffällig in die Tasche, sobald sie sich nicht mehr achtete. Für ihr Alter war sie sehr fit. Immerhin war sie neunundachzig Jahre alt, lebte noch immer in ihrem kleinen Häuschen und versorgte sich grösstenteils selbst. Hilfe mochte sie nicht. Bis fünfundsiebzig hatte sie das Sekretariat eines kleinen Montagebetriebs geführt und erst als der kinderlose Geschäftsführer gestorben war, musste sie wohl oder übel ihren Arbeitsplatz räumen.

Das und vieles aus der Vergangenheit wusste sie jedoch grösstenteils nicht mehr. Ihr Langzeitgedächtnis war nicht mehr sehr funktionstüchtig. Dafür ihr Kurzzeitgedächtnis umso mehr. Jeden Morgen verbrachte sie Stunden damit, die Zeitung von vorne bis hinten bis ins kleinste Detail durchzulesen. Für den Fall, dass Helmut das Zeitung lesen einmal vergessen hätte, würde er spätestens von seiner Grossmutter ausführlich upgedated werden. Sie würde ihn eindringlich anschauen und den Satz mit „Neulich in der Zeitung…“ beginnen. Ein Zeichen für ihn, dass er sich die nächste halbe Stunde zurücklehnen durfte. Meist schweifte er irgendwann ab.
Aber nicht heute. Denn heute erzählte seine Oma komische Geschichten. Er wunderte sich, als sie über den heissesten Sommer aller Zeiten erzählte. So warm war es nun doch nicht. Und er wunderte sich auch bei weiteren Ausführungen und fand, sie übertreibe heute sehr. Aber als sie dann aufgeregt erzählte, dass neulich in der Zeitung gestanden habe, Amerika habe einen neuen Präsidenten erhalten und dazu noch einen Schwarzen, horchte Helmut zum erstenmal auf. Er hakte nach, was seine Grossmutter verwundert und freudig dazu veranlasste, ihm die ganze Wahlstory zu erzählen und sie hörte erst auf, als Helmut sie aufforderte, ihr die Zeitung zu zeigen. Sie verwies ihn auf einen Stapel Altpapier und Helmut griff sich das oberste Exemplar. “ 21. Januar 2009″. Wie? Er nahm eine weitere Zeitung vom Stapel und dann vier weitere und auf jeder stand irgendein Datum, nur nicht das der letzten fünf Tage. Sie wusste nicht, wovon er sprach. Es sei ja immer heute in der Zeitung.

Er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Er verabschiedete sich nach den üblichen drei Stunden Plaudern von seiner Grossmama und ging nach Hause. Früh am nächsten Morgen fand er sich vor ihrem Häuschen im Auto vor und fror. Seine Autoheizung war kaputt. Zeit, dies zu ändern. Der Zeitungsjunge, der sich als bildhübsches junges Mädel herausstellte, das seine Gedanken einen Moment lang leicht zerzauste, warf die Zeitung vor die Türe und verschwand wieder. Fast zeitgleich ging beim Nachbarn das Licht an. Er konnte den Braten riechen, ja fast schmecken und wusste, dass er dem Spiel ein Ende setzen musste.

Das tat er. Es stand dann neulich in der Zeitung:
Nachbar klaut monatelang Zeitungen von alter Frau – aus Geldmangel.
Die alte Dame ahnte von nichts, als sie vierzehn Morgen lang alte Zeitungen vor ihrer Haustüre vorfand und las. Erst ihr Enkel kam dem Übel auf die Spur. Der Nachbar kann sich scheinbar kein Zeitungsabonnement leisten, wusste dafür gut genug, wo er alte Zeitungen sowie reife etwas gedächtnisschwache Damen fand. Seine alten Zeitungen vertauschte er Morgen für Morgen mit der aktuellen Ausgabe seiner Nachbarin in einer Nacht- und Nebelaktion. Es liegt nun Anzeige gegen ihn vor und ihm droht eine Busse im Wert von mehreren Jahresabonnementen. Dumm gelaufen.

Danke an die heutige Titelspenderin: Mandy John

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