Mein Kaffee morgens um halb acht

„Er muss schwarz sein. Und stark. Da muss viel drin sein, nicht einfach nur lauwarmes Wasser. Er muss mich umhauen und auch ein wenig aus der Bahn werfen. Zumindest am Anfang. Er muss auch ein wenig lecker sein und in mir die Lust nach mehr wecken. Er soll zu mir passen. Er darf nicht einfach einer auf die Schnelle sein, sondern ich will ihn so richtig geniessen können. Er soll bei mir einen Eindruck hinterlassen. Er soll mich aus meinem Schlaf wecken. Er soll mir seine ganze Aufmerksamkeit schenken und die meinige verlangen. Er soll mich in diese „nur du und ich“ Momente versetzen und meine Welt zum strahlen bringen. Er soll mir Tag für Tag ein Lächeln in mein Gesicht zaubern.“

Das ist doch wohl nicht zuviel verlangt, denkt Nora, als sie in der Schlange steht für ihren allmorgendlichen Kaffee. Sie nutzt die Zeit, ihre berühmte Eigenschaftenliste nochmals genau zu durchdenken und revidieren. All diese Eigenschaften sollten doch zu erfüllen sein. Irgendwo auf dieser Welt muss doch ein Mann umherspazieren, der in dieses Bild passt! Der Kaffeestand scheint noch Meilen weit weg und Nora’s Koffeinpegel sinkt gefährlich tief. Sie kann einfach nicht ohne ihn, ihren Kaffee. Ihr Körper scheint sich daran gewöhnt zu haben, ihn pünktlich um halb acht zu bekommen. Lustig, dieser aufgedrängte biologische Rhythmus. Nur an eines scheint sich ihr Körper nicht gewöhnt zu haben. Ihr Singleleben. Dabei schraubt sie doch ihre Erwartungen so weit hinunter, wie sie nur kann! Ausser diese Punkte auf ihrer Liste, die kann sie nicht noch weiter einschränken. Dass sie auf Schwarze steht, ist Erfahrungssache. Dass sie noch nie mit einem schwarzen Mann zusammen war, stört sie gar nicht. Sie lebt ständig nach dem Ausschlussverfahren und das zeigt sich halt auch in der Männerwelt.

Gut, endlich ist sie zwei Meter weiter. Nur noch eine halbe Meile bis zur Erlösung. Ihre letzte Beziehung war ein langweiliger Gartenbauer, der einen Kopf kleiner war als sie, sie ohne Brille ständig verwechselte, ja er war sogar einmal zu einer anderen Frau an den Tisch gesessen im Restaurant und merkte es erst, als sie ihm rief. Es war ihm furchtbar peinlich und er stotterte den Rest des Abends, wobei sie fast eingeschlafen wäre. Sie nannte ihn im Geheimen liebevoll Maulwurfi. Jaja, wo die Liebe hinfällt. Frösche küssen kann durchaus hilfreich sein. Schliesslich weiss man dann, was man nicht will. Und er ist nun verheiratet mit einer wunderbaren Frau und hat zwei Töchter.

Irgendwann wird mein Prinz schon kommen, denkt sie und beschliesst, gar nicht mehr zu warten. Vielleicht geht es ihr ja alleine auch besser. Sie hat ja noch ihren Kaffee – da kommt sie nämlich auch schon an die Reihe. „Hell oder schwarz?“ – „Schwarz“. „Stark oder schwach?“ – „Sehr stark“. „Espresso oder gross?“ – „Gross.“ Nora muss etwas schmunzeln. Ob sie wohl ihren Traummann nach ihrem Lieblingskaffee kreiert oder umgekehrt?! „Freddie, kannst du mal bitte eben kommen? Die Maschine will nicht.“

Und dann tritt ein grosser Mann mit dunkler Haut aus der Tür zum hinteren Raum, stark gebaut mit grossen dunkelbraunen Augen, wirft sie für einen Moment komplett aus der Bahn und lässt alles um sie herum unwichtig erscheinen. Und so entlockt er ihr an jenem Freitagmorgen zum erstenmal ein strahlendes Lächeln, während er ihr Punkt halb acht ihren Kaffee überreicht.

Danke an die heutige Titelspenderin: Jennifer Duhnke

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