Welcome to the real world.

Ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Ich wollte nun irgendwie nur noch sterben. Das kann doch nicht sein, dachte ich mir. Wo bin ich? Wer bin ich? Eben war ich noch in meiner Küche am Kochen, in meinem Leben, in meinen vier Wänden sicher und geborgen. Und nun? Eine Katastrophe!

Und alles nur, weil mir das Mehl ausgegangen war. Das verflixte Mehl. Warum hatte ich mich nicht einfach für Omeletten ohne Mehl entschieden? Warum musste ich immer alles, wirklich alles, was ich mir vorgenommen hatte, zu Ende führen? Manchmal, vor allem jetzt, wünschte ich mir, ich wäre etwas flexibler gewesen. Etwas? Nein, überhaupt flexibel. Dann hätte ich jetzt nicht vor dem Abgrund meines Lebens gestanden. Ich spürte die Klinge des eiskalten Messers an meiner Kehle. Soll er doch, dachte ich, soll er endlich! Ich wollte nicht mehr nachdenken! Das Mehl. Es klebte in meine Augen, brannte. Statt wie üblich links in den vierundzwanzigstunden-Shop zu gehen, um es zu kaufen, hatte ich den in Richtung rechts gewählt, weil ich da Zigaretten bekam und im andern nicht. Toll. Meine verfluchte Sucht hatte mich in den Tod gestürzt. Zumindest fast. Und nun rauchte er sie, eine nach der andern. Und der andere ebenfalls. Und blies mir den Rauch in die Nase und die mehligen Augen. Verflucht nochmal!
Hätte ich doch. Ich hatte bisher immer alle Menschen ausgelacht, die in ihrem Leben in solche „Hätte ich doch“ Momente geraten waren und hatte mir geschworen, in meinem Leben nie soweit zu kommen. Stets achtete ich darauf, immer den Moment zu leben und alles dafür zu tun, dass ich nichts bereuen würde. Bis heute.

Und ich war sogar nochmals zurück in den Shop gegangen, weil ich die Arroganz besass zu glauben, das Mehl wäre abgelaufen. Dabei hatte ich einfach meine Augen nicht offen gehabt. Den ganzen Abend schon nicht. Wahrscheinlich mein ganzes Leben nicht. Auch wenn ich es meinte. Ich war doch immer ein guter Mensch gewesen! Ich hatte mich doch strikt daran gehalten, pro Tag eine gute Tat auszuüben, einen Apfel zu essen und ein Glas Wein zu trinken! Na gut, daneben zockte ich, rauchte wie ein Loch und meine Hausbar war oft leerer als voll, weil ich die Bestände fast immer auf dem Weg vom Geschäft nach Hause getrunken hatte und ja, ich hatte auch gelegentlich belanglosen Sex mit irgendwelchen unbekannten Frauen, die ich danach nie wieder anrief und vermutlich ihre Herzen brach. Aber ich hatte doch immer mein Bestes getan?!

Ich hatte es dann nicht bis in den Shop geschafft, da mich zwei Gestalten attackiert hatten und mich mit Messer im Rücken in eine Nebengasse gezwungen hatten, wo sie mir mein dämliches abgelaufenes Mehl in den Mund gestopft und diesen mit einem Taschentuch verschlossen hatten. Ich verreckte schier und brauchte nun all meine Aufmerksamkeit, um nicht zu ersticken. Mehl überall. Was die Typen von mir wollten verstand ich nicht. Sie sprachen nicht deutsch. Hätte ich doch diesen idiotischen Spanischkurs gemacht, statt mit der Sekretärin der Schule abzuhauen. Dann hätte ich sie womöglich verstanden. Aber ob das wirklich spanisch war? Verdammt, ich wollte einfach nur noch hier weg. Ich verfluchte mich und mein Leben und alles, was ich fälschlicherweise getan hatte und ebenso fälschlicherweise nicht getan hatte. Scheisse. Ich roch den Tod schlussendlich kurz bevor er eintrat.

Dann fühlte ich einen stechenden Schmerz an meinem Hals, warmes Blut breitete sich auf meiner Brust aus und mein Hemd sog sich damit voll. Das Letzte, was ich noch mitbekam waren die Worte des einen Typen in meinem Ohr: „Welcome to the real world.“ Dann drückte er die Zigarette in meinem Ohr aus und mit meinem Schrei drang das Mehl in meine Luftröhre. Es wurde schwarz.

Als ich von meinem Körper wegschwebte, konnte ich diesen noch zucken sehen und beobachtete die beiden Typen, wie sie mir alle Kelder auszogen und einpackten. Na super, die hätten sie auch geschenkt haben können! Und dann rannten sie weg. Doch Moment! Der kleinere der beiden Typen kam nochmals zurück und deckte mich mit ein paar Zeitungen fast vorsichtig zu, die er am Boden gefunden hatte. Er hielt einen Moment inne und verschwand erst auf das Zischen seines Komplizen im Schatten der Nacht. Siehe an. Die Liebe findet auch in den düstersten Winkeln ihren Weg zu jedem Herzen, auch zu denen aus Stein.

Welcome to the real world. Und Grüsse aus dem Himmel!

Danke an die heutige Titelspenderin: Gabriela Diriwächter

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