Ich bewohne mich.

Sie rannte. Schnell. Und weit. Wie es der Zufall wollte, war ihr Name Lola. Ob sie deshalb rannte, wusste sie nicht. Heimlich war sie sowieso davon überzeugt, dass die Filmleute irgendwie von ihrer Rennerei erfahren haben mussten und das für irgendeinen Film verwendeten. Sie hatte ihn sich aus Prinzip nie angesehen.

Sie rannte ständig umher. Immer und überall. Von A nach B. Von  O nach W. Von Z nach X. Kreuz und quer. Sie erledigte alles, was irgendwie erledigt werden musste, im Nu. Kaum eine war so schnell wie sie. Und sie war Schulter Nummer eins für all ihre Freunde und deren Freunde und deren Freunde. Sie war Lexikon und Stadtkarte für alle.

Zu selten dachte sie dabei auch einmal an sich. Und oft fühlte sie sich alleine – obwohl sie meist unter Menschen war. Dann versuchte sie, der Einsamkeit ganz einfach davonzurennen. Doch diese war unglaublich schnell und immer wieder, immer öfter holte sie sie ein.

Lola fühlte sich nirgends richtig daheim. Sie hatte ja gar keine Zeit dazu. Ihre kleine 2-Zimmer Wohnung bestand aus ihrem Ikea-Bett, einem Sofa und gefühlt hundert Kartonboxen. Vor fünf Monaten war sie hier eingezogen nach einer schmerzlichen Trennung von ihrem Freund, also ja Ex-Freund, aber sie war nie richtig angekommen. Sie war regelrecht aus der gemeinsamen Wohnung gerannt, nachdem sie einmal einen Tag früher aus ihrem Urlaub zurückgekommen war und tausend Indizien im Flur und eine weibliche Person zu viel in ihrem gemeinsamen Bett angetroffen hatte. Bei ihm hatte sie sich daheim gefühlt. Das war ihr Zuhause gewesen. Und das war weg. Also rannte sie.

Eigentlich ohne zu wissen wohin. Und erst an diesem grauen Morgen hörte sie damit auf. Sie rannte einmal mehr mit einem unglaublich grossen Stapel Akten durch den Nebel, diesmal von T nach F und der Zeit hinterher, und spürte Blicke auf sich. Blicke von Menschen, die sie musterten. Erst ignorierte sie sie, aber irgendwann wurde es ihr doch zu dumm und sie schaute – ungeschickterweise während dem Rennen – an sich hinunter und als sie bemerkte, dass sie noch immer ihre knallgelben Plüsch-Hauslatschen trug, stolperte sie und fiel mit der Nase voran in eine Pfütze. Die Akten ebenfalls. Nass, alles unbrauchbar. Sie blieb liegen und weinte. Zum ersten Mal seit der Trennung liess sie los.

Jetzt war genug. Sie setzte sich langsam auf, wehrte freundlich die Hilfe eines Passanten ab und blieb einen Moment lang sitzen. Ihre Augen blieben an einem Plakat hängen und als sie die Zeilen las, schien die Zeit stillzustehen und sie begriff. „ICH BEWOHNE MICH“, stand da fett und rot. Ich bewohne mich. Jetzt war genug. Es war Zeit, heimzukehren.

Lola stand auf, wischte sich so gut es ging den nassen Dreck von der Hose, dann mit der schmutzigen Hand die Tränen von den Wangen und spazierte los. Bei einer Bank am Fluss setzte sie sich. Sie sass den ganzen Tag da. Sie ignorierte die Anrufe ihres Chefs – sie würde wohl schon im Flugzeug sitzen, wenn er ihr die Kündigung auf die Mailbox sprechen würde – und die ihrer Freunde ebenfalls. Freunde? Vielleicht sollte sie sich erstmal wieder um ihre Freundschaft zu sich selbst kümmern, Schulter Nummer eins für sich selbst sein. Sie weinte drei Stunden lang und als sie leer war, kaufte sie sich Pommes und ging in ihre Wohnung. Sie organisierte noch am selben Abend einen Einstellplatz für ihre Sachen und buchte online einen Flug nach Indien. One way. Fürs erste.

Und jedesmal, wenn sie auf ihrer Reise gefragt wurde, wo sie denn eigentlich wohne, deutete sie mit strahlenden Augen auf ihr Herz, wohl wissend, wo sie daheim war.

Sie rannte in ihrem Leben nie mehr. Und das Foto, das sie vor ihrem Abflug noch vom Plakat gemacht hatte, trug sie stets mit sich.

Danke an die heutige Titelspenderin: Amrei Rasch.

Ein Kommentar zu „Ich bewohne mich.

  1. Ja also …. WUNDERBAR! Wie schön. Da passiert viel, schnell (rasch :-) und zum Schluss ist es ruhig und rund. Das Blick-Auf-See-Photo dazu ist perkfekt.
    Mensch Isa, weiter so! Ich denk mir noch nen Titel aus. Das macht richtig süchtig. :-)

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