Dann lieber nicht.

Verkäufer: Nun gut, dieses Set kostet vierhundertfünfundachzig Franken. Sie sind aus Titan und äusserst speziell. Man kann sie in matt oder glänzend kaufen, oder beides, oder jeder anders oder gemischt, oder…
Er: Und wie teuer ist dieser hier? Ist das Weissgold?
Verkäufer: Genau. Das ist Weissgold. Aber ich lege ihnen nahe, suchen sie nicht nach äußerlichen Vorstellungen. Hören sie auf ihr Herz, wenn sie ihn in der Hand halten. Lassen sie ihn mit ihrem Herzen sprechen. Fühlen sie, was er zu ihnen sagt.
Er: Ich fühle nichts.
Verkäufer: Sprechen sie zu ihm!
Er: …äh… Hallo. Ich wollte mal fragen ob…
Verkäufer: Herrje, doch nicht so! Lassen sie ihre Verlobte ans Werk. Frauen sind in solchen Dingen besser.
Sie: Da haben sie allerdings recht.
Er: Pah!
Sie: Gib her.
Er: Grins nicht so doof.
Sie: Lass mich das machen… Nun. Ich fühle ehrlich gesagt nichts.
Verkäufer: Gut, dann ist es nicht der Richtige.
Er: Wie können Sie… wie kannst du… der ist doch schön!
Sie: Wir müssen ja nicht gleich den erstbesten nehmen!
Verkäufer: Hier hätten wir eine ähnliche Form, natürlich auch rund, haha, ich meine von der Art her sehr ähnlich wie der andere. Hören sie hin. Halten sie ihn ans Ohr.
Sie: Hmmm.
Er: Und? Spricht er etwa mit dir?
Sie: Sei still!
Er: Welche Sprache spricht er denn? Chinesisch? Türkisch? Latein?
Sie: Bitte jetzt, reiss dich zusammen! Du willst doch auch, dass das alles perfekt wird! Halte deine Ungeduld also BITTE ausnahmsweise einmal etwas im Zaum!
Er: Ich? Ungeduld? Wohl kaum! Wie oft streife ich mit dir durch die Geschäfte, Stunde um Stunde, ohne dass ich irgendetwas sage, auch wenn ich schon lange durch bin mit meinen Nerven?!
Sie: Ja ja, nie etwas sagst, du schaust im Sekundentakt auf die Uhr, fragst mich ständig ob ich Hunger habe und fängst an auffällig auf deinem iPhone herumzutippen. Das nennst du nichts sagen. Sogar ein tauber Pudel würde deine Ungeduld hören, riechen und sehen können!
Verkäufer: Entschuldigung, ich will sie ja nicht unterbrechen, aber der ist es wohl auch nicht. Dieser scheint versteckte Aggressionen in ihnen beiden zu wecken. Das wäre schade, diese Energie mit in die gemeinsame Zukunft zu nehmen.
Sie: Wenn sie meinen.
Er: Wenn sie meinen.
Verkäufer: Hier mein Lieblingsset. Auf den Ringen sind in die Innenseite ganz winzig drei kleine Worte eingraviert. „Philia. Eros. Agape.“ Philia steht für die freundschaftliche und familiäre Liebe, Eros für die Liebe zwischen Mann und Frau und Agape stellt die allumfassende und bedingungslose universelle Liebe dar. Perfekt für sie beide.
Er: Oh! Wie teuer?
Verkäufer: Der ist…
Sie: Nein.
Verkäufer: Also der Preis…
Sie: NEIN.
Er: Was ist denn nun wieder los?! Der ist doch nun wirklich schön. Was soll das? Eigentlich sollte ICH das ja alles ganz kitschig finden und du als Frau ganz toll, also freu dich doch dass ich selbst Spass dabei habe!
Sie. Und genau da, mein Lieber, liegt der Grund für mein Nein. Du packst alles, aber auch alles, in irgendwelche Rahmen, Kisten, oder kleidest Menschen und Dinge in Rollen und wirfst sie achtungslos in Schubladen. Wieso sollte ich das toll finden und du kitschig? Nur weil es das Klischee so will? Und wieso findest du denn die drei Gravuren so furchtbar schön? Dass du, wenn du mit deiner Ex wieder einmal „aus Versehen“ in die Kiste hüpfst, danach auf Philia oder Eros oder Agape zurückgreifen und dir daraus irgendeine Rechtfertigung basteln kannst, damit du den Eid der Ehe nicht brichst? Am Schluss bin ich für dich wie eine Schwester und das, oder die oder der Eros zwischen ihr und dir ist einfach zu stark und du bist ein Mensch, der alle gleichsam liebt und du deshalb nicht wiederstehen kannst, f*****g Agape. ICH KANN DICH SCHON HÖREN!!!
Verkäufer. .
Er: .
Sie: .
Verkäufer: Wollen sie später wiederkommen?
Er: Äh also…
Sie: Ich glaube ja. Wir gehen.
Verkäufer: Auf Wiedersehen! Alles Gute.
Sie: Danke. Auf Wiedersehen.
Er: Auf… Nimmerwiedersehen.
Sie: Was?!
Er: Was erwartest du nach deinem Vortrag von vorhin? Ich dachte die Geschichte mit Tina wäre durch.
Sie: Ja, das ist sie auch. Ich kriegte wohl gerade leicht kühle Füsse. Entschuldige bitte.
Er: Offensichtlich ist sie das nicht.
Sie: Hm. Vielleicht.
Er: Ich weiss nicht recht. Wollen wir das wirklich?
Sie: Ich weiss nicht. Ich will doch einfach dich und das weiss ich so sicher, wie die Sonne jeden Morgen aufgeht. Aber wir hatten noch nie so viel Streit in unseren ganzen sieben Jahren wie seit der Verlobung.
Er: Und ich will dich.
Sie: Dann lieber nicht jetzt heiraten. Dann einfach du und ich.
Er: Ja dann lieber nicht. Du und ich reicht völlig. Komm wir gehen nach Hause.

                                     Danke an die heutige Titelspenderin: Tamara Burk

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