Früher, als ich jung war…

Früher, als ich jung war, war der Himmel ein blauer Strich am oberen Papierrand meiner selbst gemalten Zeichnung. Die Strasse draussen war ein Fluss, der nur mithilfe der gelben, extra für Fussgänger auf den Boden gemalten Bretter, zu überqueren war und das war sehr gefährlich, denn man musste sie genau treffen. Autos waren Monsterfische, Velos Pferde und Lastwagen grosse Ungeheuer. Über ihre Schatten musste man drüberhüpfen, sonst starb man. Früher, als ich jung war, setzte ich mich mit einer Rute, an der an einer Schnur eine Orange – Karotten fand ich keine – befestigt war, auf den Esel meines Onkels und wollte ihn so zum gehen bringen – so wie ich das im Comic gelesen hatte. Es gefiel ihm scheinbar nicht, denn bereits nach zehn Sekunden küsste ich den Boden. Als ich jung war, sammelten alle meine Freunde Sticker und führten ganze Stickeralben. Früher, als ich jung war, fuhren wir Rollschuh, tanzten mit dem Hulahopp-Ring und hüpften im Gummitwist. Wir gründeten einen Ganovenverein, in dem man nur mit fiesen Aufnahmeprüfungen, wie beispielsweise Ameisen essen, die Mitgliedschaft erlangte. (Anm. der Autorin: Ich flog raus, weil ich eine süsse Schmusekatze am Wegrand einer wilden Exkursion in irgendeine doofe Höhle vorzog. Ich bekam einen zweiten Versuch und musste dazu eine Stunde lang im Meerschweinchenstall sitzen.)

Früher, als ich jung war, schrieben wir Theaterstücke, gründeten einen Quaratierzirkus und waren Pferde, Clowns und Akrobaten in einem! „Circus Concanelli“, meine Damen und Herren! Wir tanzten zu Musik aus dem Kassettenrekorder und unsere Haargummis waren fast so dick wie unsere Arme – in knall pink. Die Kleidergrösse S gab es nicht, nur XL und grösser. Im Textilunterricht strickten wir fette Stirnbänder in unseren Lieblingsfarben (Meines war in Pink und leuchtend Gelb. Gestreift. Hmm…) und wir trugen sie stolz den ganzen Winter lang und länger. Wir schmierten die Badewanne mit Seife ein, um in ihr barfuss Schlittschuh zu laufen. Wir rannten um die Wette, bauten Hütten, schlugen Purzelbäume. Wir machten bevor wir dachten, fielen hin, standen auf und spielten weiter. Wir sorgten uns nicht um die Schmutzflecken auf der Hose oder die Schürfwunde am Knie.

Die Tage waren länger, die Fahrt im Stau ein Abenteuer. Wir hatten schwarzweiss Fernseher und der Gameboy der Nachbarn war cool. Super Mario olé! Wir verkauften Blumensträusse gratis, gingen mit unseren Meerschweinchen spazieren und eröffneten Restaurants im Zelt auf dem Hausplatz.

Es interessierte uns nicht, woher die Blumen und Bäume wissen, dass und wann sie wachsen und blühen müssen, wir bestaunten sie einfach und freuten uns ab ihrer Schönheit. Wir wussten nicht, dass die Lebensaufgabe der süssen kleinen Schweine beim Bauern „gemästet werden“ war, damit wir etwas zu essen im Teller hatten. Wir hatten keine Ahnung, dass es Menschen gab, die Hunger leiden. Dass man arbeiten muss und Rechnungen zahlen. Wir wussten nichts über Angst und Kriminalität. Es war uns egal, welche Hautfarbe unser Spielkamerad hatte und woher er kam. Wir waren einander böse und im nächsten Moment war alles vergeben und vergessen. Wir wussten nicht, dass es einen Ruf zu verlieren gab. Einen Status zu erreichen. Eine Karriereleiter zu erklimmen. Zum Klettern hatten wir ja Bäume. Wir spielten und lebten, hassten und liebten, weinten und lachten. Wir träumten mit der inneren Sicherheit, dass unsere Träume irgendwann wahr würden.

Früher, als ich jung war, gab es eine Welt, in der es kein gestern und kein morgen gab. Früher, als ich jung war, war das Leben ein einziges grosses Spiel.
Früher, als ich jung war, scheine ich Vorbild für mein erwachsenes und heutiges Ich gewesen zu sein.
Ich nehme es mir zu Herzen.

Und wie war eure Welt früher?

Danke an die heutige Titelspenderin: Isabel Kaspar

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