Tagesmüde.

Im Nebel seiner Schlaftrunkenheit sah er die Sonne nicht aufgehen. Er sah nicht, wie die rote Kugel langsam golden wurde und die Welt in friedliches und wunderschönes Morgenlicht tauchte. Er spürte nicht, wie sie seine Haut sanft streichelte und ihn warm umarmte und guten Morgen küsste. Er verpasste die grosse Geldnote, die direkt vor seinen Füssen lag an der Bushaltestelle. Er stand sogar halbwegs drauf. Alle, die um ihn herum standen, warteten wie hungrige Krähen, dass er sich verschieben würde und sie sich darauf stürzen könnten. Er reagierte nicht, als die Busfahrerin ihm ein strahlendes Lächeln schenkte, als er sein Ticket löste. Er hatte auch gestern nicht reagiert. Und vorgestern.  Und an den Tagen davor. Denn seit sie ihn vor einem Monat das erste Mal gesehen hatte, hatte sie ihre Schicht konsequent auf die Morgenlinie Nord-Süd gelegt. Doch er sah sie einfach nicht. Er sah nicht die Hand des kleinen Mädchens, das ihm auf dem Nebensitz einen Keks anbot, als es seinen Magen knurren hörte. Er hörte nicht ihr Lachen, das den Menschen um ihn herum ebenfalls ein Lachen entlockte. Als er ausstieg stolperte er beinahe und starke Arme hielten ihn im letzten Moment fest. Er erkannte nicht, dass es ein alter Bekannter aus der Primarschulzeit war, der damals sein bester Freund gewesen war. Er dankte kühl und ging weiter. Er übersah beim Überarbeiten seiner Mailbox die E-mail seiner Schwester, die ihn auf ein Wochenende in den Süden einladen wollte. Es lag noch ungelesen bereits im Papierkorb. Er lehnte die Einladung seines Vorgesetzten zum Mittagessen ab und würde nie erfahren, dass ein anderer das Mittagessen wahrnahm und ebenso die Stelle als neuer Abteilungsleiter, welche eigentlich für ihn gedacht gewesen wäre. Er verliess nach Feierabend sogleich das Gebäude und folgte nicht dem süssen Duft, der aus der Büroküche kam, der von einem Geburtstagskuchen ausgegangen war. Für ihn. Er hörte nicht die Stille draussen, denn unterdessen hatte es angefangen zu schneien und der Schnee verwandelte alles in eine Märchenwelt. Er sah sie nicht. Er ging nicht an sein Telefon und verpasste so die Party einer guten Freundin, auf welcher er ihrer Bekannten, Sonja, ein Glas Rotwein über ihr Kleid geschüttet hätte und sie sich beide Hals über Kopf ineinander verliebt hätten.

Er war der Tage müde. In seinen Gedanken gefangen. In seiner Überzeugung, der einsamste Mensch auf der Welt zu sein. In seiner Traurigkeit über all das Schlechte, das ihm ständig widerfuhr. An der Bushaltestelle hatten ihn ja schliesslich alle schief angeschaut, das kleine Kind hatte ihn mit seiner Quietscherei bloss nerven wollen, die Busfahrerin musste sich über ihn lustig gemacht haben, weil er noch kein Abonnement gelöst hatte für die immer gleiche Strecke und hatte ihn fies angegrinst. Dabei wünschte er sich ja, er hätte mehr Geld. Er hatte sich doch keinen Mitleidslunch mit seinem Chef antun wollen und hatte sich ausgeschlossen gefühlt, als er den süssen Duft aus der Büroküche gehört hatte und das Gelächter der anderen. Nicht einmal von seiner Schwester hatte er etwas gehört in letzter Zeit. Er fror und war der Tage müde.

So wartete er sein Leben lang Tag für Tag auf das Glück, das niemals zu kommen schien und ward der Tage müder und müder. Er wusste nicht, dass das Glück immer und überall zu finden ist, wenn man nur aufmerksam durch die Welt geht und es zulässt. Er wusste es nicht.

Danke an die heutige Titelspenderin: Tamara Burk

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