Zwei Ladies unterwegs.

„Weisst du noch, liebste Jutta, als wir immer da drüben unter dem grossen Baum im Schatten lagen und uns unser Leben ausmalten?“ – „Oh ja, als wäre es gestern gewesen.“ – „Und heute könnten wir wohl nicht einmal mehr aufstehen, wenn wir uns hinlegen würden.“ Die beiden alten Damen kichern, als sie an ihrem Baum am See vorbei spazieren. Sie haben sich nun seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Immer zehn Jahre. Und doch ist es, als wären sie das ganze Leben lang zusammen unterwegs gewesen. Waren sie ja auch. Gewissermassen.

Dabei waren es genau drei Jahre am Stück. Mit zwanzig. In Zürich. Jutta hatte Psychologie studiert, jedoch nach dem zweiten Semester abgebrochen und eine Lehre als Bäckerin absolviert. Anna hatte Modedesign studiert und es durchgezogen. Sie waren per Zufall in der gleichen Wohngemeinschaft gelandet, da beide Mitbewohnerinnen, die darin gewohnt hatten, abgesehen voneinander heimlich eine Nachmieterin gesucht hatten und dann gleichzeitig gegangen waren. Also wurden Anna und Jutta vor vollbrachte Tatsachen gestellt und die Weinflasche, die sie als Willkommensgeschenk erhalten hatten, war am ersten Abend, was sag ich, in der ersten halben Stunde gleich weg. Freundinnen auf den ersten Schluck sozusagen. So begann alles. Sie hatten gemeinsam ihre vermeintlich ganz grosse Liebe kennengelernt, leider war es derselbe Mann, der dummerweise mit ihnen beiden doppelspurig fahren wollte und dann halt plötzlich zwei Freundinnen weniger, dafür umso mehr Juckpulver im Jackett, Klopapier ums Auto gewickelt und Knallfrösche im Briefkasten vorfinden durfte. Jutta und Anna hielten stets zusammen, lebten, liebten, tranken viel zu viel, hassten, probierten sogar einmal Drogen und bereuten es gemeinsam. Sie wurden beste Freundinnen.

Bis Anna dann einen Job in Paris erhielt. SIe war immer schon die schöne Edle der beiden Frauen gewesen, die in die grosse weite Welt hinaus wollte. Die Welt entdecken, nein, sie erobern! Jutta war eher pummelig und machte sich nicht so viel aus ihrem Aussehen. Hauptsache bequem. Sie war traurig als Anna ging. Ihre Nachmieterin war eine Anwältin, die stur und doof war. Anna und Jutta schrieben sich regelmässig Briefe, sahen sich aber zehn Jahre lang nicht mehr.

Während Jutta noch immer in der gleichen Wohnung wohnte – unterdessen verheiratet – führte Anna eine desaströse Beziehung nach der anderen. All das erzählten sie sich, als sie sich zehn Jahre später in Berlin mehr oder weniger zufällig trafen und zusammen frühstückten. Danach ging Jutta zurück nach Zürich und Anna verliebte sich in Berlin und blieb da. Sie fand einen Job und führte fünf Jahre lang eine einigermassen konstante Beziehung mit demselben Mann.

Mitte vierzig trafen sie sich um die Weihnachtszeit herum in Zürich. Jutta war unterdessen Mutter von zwei wunderschönen Töchtern und führte ihre eigene Bäckerei. Anna war verlobt aber halbwegs bereits wieder in der Trennung und auch schon wieder neu verliebt. Leider war der Mann, wie Jutta hoffte, nicht in Zürich wohnhaft. Sondern in Helsinki. Also sendete Anna ihrem Noch-Verlobten mit einem freundlichen Brief den Ring zurück und zog nach Helsinki.

Mitte fünfzig wurde Jutta Grossmutter und Anna bekam einen Sohn und versetzte damit die halbe Welt in Staunen. Da er von ihrem Liebhaber aus Prag war, verliess sie Helsinki und begann in Bern ein neues Leben. Back to the roots, wie sie so gern sagte. All das fanden die beiden heraus beim gemeinsamen Kaffee in Aarau.

Mitte sechzig sind wir wieder am See und die beiden Ladies sitzen auf einer Bank und erinnern sich. Juttas Mann ist unterdessen gestorben. Er hatte Krebs. Sie war bis zum Schluss für ihn da. Anna’s Sohn ist ein hochbegabter Pianist und spielt bereits in diversen Orchestern mit. Mit seinem Namen wird international jongliert.

„Meine liebe Jutta. Was wäre mein Leben ohne eine so treue Freundin wie dich?“ Anna schluckt und eine Träne kullert aus ihrem rechten Auge. „Ich hätte nicht gedacht, meine Anna, dass dein „Wir sind Freundinnen auf immer und ewig“ wirklich so wahr sein würde, als du damals nach Paris abgehauen bist. Du hattest also doch recht.“ Natürlich hatte sie das. Die beiden halten sich überwältigt an den Händen und lächeln.

Sie stehen schliesslich beide behutsam auf und spazieren zurück in die Wohnung, die sie früher einmal gemeinsam bewohnt hatten und nun noch für fünf Jahre lang zusammen auf den Kopf stellen würden, bis Anne einem unerwarteten Schwächeanfall erliegen würde. Jutta würde sehr traurig sein, aber sie würde ebenso glücklich und dankbar dafür sein, dass sie so lange gemeinsam im Leben unterwegs sein durften.

Denn der Kreis hat sich geschlossen und das ist für sie das Wichtigste auf der ganzen Welt.

Danke an die heutige Titelspenderin: Tamara Rindlisbacher

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