Ein Jahr im Zeitraffer

Das Jahr. Hmm. Das Jahr, die Monate, die Wochen und die Tage. Ich weiss nicht wie es euch geht, aber mir kommt alles immer schneller vor. Früher war ein Jahr eine Ewigkeit. Heute ist es ein Fingerschnipsen. Als ich klein war, war das Jahr noch klarer unterteilt in seine Jahreszeiten. Manchmal vermisse ich die Klischees etwas. Ich erinnere mich.

Das Jahr, das im tiefen tiefen Winter beginnt, mit einer grossen Wahrscheinlichkeit, dass er weiss ist. Zumindest in meiner Erinnerung an früher. Der Winter, der ausnahmslos alles in einen dicken weissen Mantel hüllt, der der Welt einen zarten Hauch von Stille verpasst. Der Winter, der uns zwar vorgaukelt, dass alles Leben verschwunden ist, uns alle ruhig und still werden lässt, uns dann aber überrascht, indem er Schnee in einer fröhlichen Leichtigkeit auf uns herabfallen lässt. Die Schneeflocken tanzen und landen sanft auf unserer Nase. Nie ist die Welt seeliger als wenn der Schnee sie erobert hat. Er entlockt den Menschen, ob sie wollen oder nicht, ein Lachen. Die geröteten Wangen der Kinder sind Beweis genug. Die Sonne lässt den Schnee in seinem Glanz erstrahlen und es glitzert überall. Die Abende schreien nach einem Schwedenofen, in dem das Feuer herrlich knistert, nach dicken Wollsocken, die die Füsse umarmen, nach einer Tasse mit heissem Tee oder Punsch und einem Platz am Fenster, um die Märchenwelt von drinnen zu bestaunen.

Dann – schwupps – der Frühling ist da. Und der wusste früher stets genau, wenn seine Zeit reif war. Erste Sonnentage, die einen dazu auffordern, die Jacke zu öffnen, den Schal zu lichten und das Gesicht in die warmen Sonnenstrahlen zu halten, die es liebevoll streicheln und jede Zelle der Haut auf Lebendigkeit programmieren. Die Natur trinkt die Schneeresten gierig auf und es gibt Platz für neues Leben. Die Welt erwacht. Braun wird langsam grün, grün wird langsam bunt. Vögel geben der Klangkulisse frühlingshafte Frische. Tiere wollen an die Luft. Menschen noch viel mehr. Und Pflanzen schiessen geradezu aus dem Boden heraus. Herzen finden sich. Es wird warm und wärmer. Die Jacke weicht dem Pullover und der irgendwann dem T-Shirt. Eine Garderobenrevision steht an. Die Welt scheint vor Leben zu explodieren.

Der Sommer. Schweissperlen schmücken uns, die Sonne brennt gnadenlos vom strahlend blauen Himmel. Er bringt Hitze, aber auch viel Licht in unsere langen Tage. Er fordert auf, sich draussen aufzuhalten, die Schatten der Bäume zu besuchen und sich in Seen, Flüsse, Bäche, Brunnen und Pfützen zu stürzen. Er verwöhnt uns nach einer Hitzeperiode mit sommerlichen Platzregen, die alles wie frisch gewaschen erscheinen lassen. Er schenkt uns die Lust nach kühlen farbigen Getränken, nach Eis und nach Früchten. Nach bunten Kleidern, nach offenen Schuhen, nach fröhlichem Dasein. Es riecht nach Sonnencreme. Abends unterhält er uns spektakuläre Dramen mit Blitz und Donner, um am nächsten Tag erneut ganz früh am Morgen in seiner Schönheit zu strahlen.

Und dann kommt der erste Tag, der etwas kühler scheint. Nur ganz minim. Aber es ist der Tag, an dem man weiss, dass der Herbst im Anzug ist. Der Herbst, der die Welt in goldenes Licht taucht. Der die Natur ein letztes Mal zum Aufbäumen bringt, sie in ihrer Kraft erstrahlen lässt, in gelb, orange, rot. Er lockt mit warmen Sonnenstrahlen alle Welt noch einmal nach draussen, um sich mit genügend Wärme auszustatten, bevor der Winter kommt. Er treibt uns in die Berge, um das Nebelmeer von oben bewundern zu können. Er lässt die Blätter am Boden mit einem frischen Herbstwind aufwirbeln und mit uns tanzen. Und dann schläft er langsam ein und übergibt während der Einschlaf-Phase wiederum dem Winter das Zepter, der einen sanften Übergang gestaltet und die Menschen auf die kommenden Monate vorbereitet, indem sie sich mit Licht ausstatten, mit Weihnachtslichterketten. Und indem sie den Herbst noch etwas konservieren, in heissem, herrlich duftenden Tee und in süss riechenden Keksen. Und dann neigt sich das Jahr dem Ende zu.

So sah das Jahr zusammengefasst früher aus. Heute? Heute weiss man gar nichts mehr. Nicht einmal die Wetterfrösche haben Rat. Heute kann Sommer sein und morgen bereits fast Winter. Während gestern noch Frühling geherrscht hat. Der Frühling fällt seinerseits mit Pauken und Trompeten und allen auffindbaren Türen in das Haus und prügelt sich mit dem Sommer derart heftig über die Timing-Kompetenz, dass der Winter halt nochmals Vormarsch hält. Wenn dann der Sommer seinen gefühlt fünfminütigen Star-Einsatz gehabt hat, prahlt der Herbst bereits und verspricht so einiges. Doch auch da kann alles wieder anders sein. Also werden all diese Gefühle, die die einzelnen Jahreszeiten bisher ausgelöst haben, neu gemischt, wohl etwas verkürzt, dafür in beliebiger Anzahl wiederholt, je nach Laune der Natur. Alles ist nicht mehr so wie früher.

Aber eigentlich ist das ja auch ganz schön. So wird einem zumindest immer wieder bewusst, dass das Jahr, der Monat, die Woche, der Tag nur eine vermeintliche Struktur darstellt, die wir Menschen der Natur, der Zeit, gegeben haben. Dahinter steckt allerdings ganz viel mehr. So haben wir nun die Gelegenheit, diesen Rahmen über Bord zu werfen und ganz einfach von Tag zu Tag zu leben, nicht wissend, welche Laune die Natur morgen haben wird. Das reicht ja, wenn wir das morgen früh wissen.

Danke an die heutige Titelspenderin: Jennifer Duhnke

Ein Kommentar zu „Ein Jahr im Zeitraffer

  1. Als Vierjähriger dauerte für mich das Jahr sehr lang, ich erlebte sehr viel und der nächste Winter kam ewig lange nicht. Heute weiss ich, ich wartete damals ein Viertel meines Lebens auf den nächsten Winter. Es lag sehr viel zwischen diesen beiden Wintern von damals.

    Als Zwanzigjähriger musste ich nur noch den zwanzigsten Teil meines bisherigen Lebens auf den nächstgen Winter warten. Das ging rasch. Und es lag doch sehr viel an Erlebtem dazwischen.

    Heute vergehen lediglich noch knappe 1.5873 % meines bisherigen Lebens, bis es wieder Winter wird. Das geht unglaublich rasch. Man könnte meinen, es hätte zwischen diesen Wintern fast keinen Platz. – Kurz vor Wintereinbruch schaue ich in den letzten Winter zurück. In diesem sehr kleinen Teil eines einzelnen Lebens findet sehr viel seinen Platz, gar das Schönste und Wichtigste.

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