Philipp

Lieber Philipp

Komm bitte bitte zurück! Ich vermisse dich ganz schrecklich! Und nun sind es schon vier Tage. Vier unendlich lange Tage und Nächte, die ich am Fenster verbracht habe und bei jeder Bewegung, die ich draussen wahrgenommen habe, bin ich zusammengezuckt, weil ich meinte, du seist endlich wieder da. Aber nein, Schatten, Mäuse, sogar ein Elefantenbaby habe ich gesehen – obwohl mir das meine Mama einfach nicht glauben will  – draussen im Garten. Aber nie warst es du. Einfach weg. Wie kannst du?

Das Universum wird von einem riesigen schwarzen Loch umarmt, wenn du nicht bei mir bist. Ich erwache am Morgen und meine Füsse sind eiskalt. Jede Wärmflasche wird mit der Zeit kalt. Und kuschelig wie du ist sie schon gar nicht, auch wenn sie in Plüsch gepackt ist, sie kann sich ja nicht selber reinigen, so wie du das immer so sorgfältig tust, bevor du mir dein Gutenacht zuwirfst und dich friedlich auf meiner Bettdecke zusammenrollst. Nein, nach einer halben Stunde liegt der Plüsch platt und wird hart wie Beton. Mein Bett ist leer. Und mein Herz auch.

Du bist mein bester Freund! Du weisst alles von mir, all die dunklen Geheimnisse, die niemand ausser dir weiss und erst recht nicht wissen darf. Wie zum Beispiel das mit Uschi, sie darf niemals erfahren, dass ich es war, die ihr den Kaugummi in die Haare geklebt hat damals nach der Schule.

Philipp, die Striemen an meinen Händen von unserem letzten liebevollen Knatsch sind am verblassen und ich kann bei Toni so ja gar nicht mehr prahlen. Ich brauche dich doch für neue Wunden und Beweise meines schmerzhaften Heldentums!

Wo bist du? Was habe ich falsch gemacht? Fühlst du dich ausgenutzt, weil ich mich fälschlicherweise mit den Narben von dir schmücke obwohl du stärker bist als ich? Bist du deshalb weg? Habe ich dich verletzt, als du letzten Freitag so lange draussen warten musstest, weil ich zu schlaftrunken war, um zu reagieren? Wofür bestrafst du mich? Oder hast du gar eine andere kennengelernt? So eine Katze, die dir zwinkernd und schnurrend den Hof macht und deinen Geist derart verwirrt, dass du vergisst, wo du herkommst?

Komm wieder! Ich verspreche dir, ich werde dich immer pünktlich füttern. Ich verspreche dir, ich werde dich immer und so oft streicheln, wie du willst. Und wenn du auch nur für meine Mama kommst. Sie wird schon ganz verrückt, weil ich schon ganz verrückt werde.

Ach Philipp. Du fehlst. Ich gehe dich nun suchen, bis ich dich finde. Bis ich dein fröhliches, forderndes und manchmal etwas störrisches Maunzen wieder habe, dein zufriedenes und liebevolles Schnurren und einfach dich, du kuscheliges Monster.

Bis gleich also.
Liebe Grüsse, dein Klaus.

Danke an den heutigen Titelspender: Adrian Scheiber

Ein kleines Lexikon des Alltags.

Sind Sie ehemaliger selbständiger Künstler,  Schauspieler, Musiker, etc. (damit sind selbstverständlich ebenfalls  alle -innen gemeint) und haben den Schritt in die Welt des Angestelltendaseins zu einem 100% Pensum geschafft?

Herzliche Gratulation! Da haben Sie aber etwas wirklich Grosses geschafft, das Sie sich hoffentlich gut überlegt haben.

Obwohl Ihnen das Wort Alltag wohl zunächst noch fremd und unbedrohlich vorkommt wird es früher oder später ein fester Bestandteil Ihres Lebens werden. Glauben Sie mir, sie werden beste Freunde sein, verbringen sehr viel Zeit miteinander und Sie werden irgendwann Ihr ganzes Leben danach richten. Er hat gern die Hosen an, das ist eine Tatsache.

Um Ihnen den Einstieg zu erleichtern, nehmen wir Sie für die ersten Schritte in der neuen Welt gerne an der Hand mit dem grossen „kleinen Lexikon des Alltags“. Darin sind über dreitausend alltägliche Begriffe, Situationen und Gegenstände für Sie gut verständlich und vollständig neutral erklärt.

Ein kleiner kostenloser Einblick, worauf Sie sich freuen dürfen:

„Morgenstund hat Gold im Mund“: Ein Sprichwort, das Sie zu Beginn frisch und fröhlich stimmt für einen erfolgreichen Tag, zu einem späteren Zeitpunkt in Ironie umschlagen wird und irgendwann zu einer erzwungenen täglichen Affirmation werden kann.

Wecker, der: I. Instrument, das den ersten Schritt in den Tag einleitet (siehe auch –> „gezieltes Aufstehen“), um Sie pünktlich an den Arbeitsplatz zu bringen. II. ein Gegenstand, der den biologischen Rhythmus des menschlichen Körpers und der Seele bewusst aus der Bahn schleudert. (siehe auch –> „Chronische Müdigkeit“) III. Erinnerung an diverse Dinge, Termine, Deadlines.

Chronische Müdigkeit, die: Mögliche Folge eines immer gleichbleibenden Tagesablaufs. Sollte sie über längere Zeit anhalten, möchten Sie sich bitte überlegen, ob Sie die richtige Entscheidung getroffen haben.

Kantine, die: Ort, an dem firmeninterne Mitarbeiter sich um die Mittagszeit gemeinsam um die Tische scharen und das Mittagessen zu sich nehmen. Meist gestaffelt und stets anders zusammengewürfelt, so dass jeder jeden kennenlernen kann. Es wird geredet, gelästert und gejammert. Seien Sie anfangs etwas zurückhaltend, sonst könnten Sie schnell arrogant wirken. Aber nicht zu zurückhaltend, denn dies könnte wiederum zum selben Resultat führen.

Pause, die: Ein fix festgelegter Unterbruch der Arbeit, oftmals höchstens fünfzehn Minuten am Morgen und allerhöchstens fünfzehn Minuten am Nachmittag, während dem Sie sich ausgiebig erholen dürfen. Lassen Sie sich Zeit, sich daran zu gewöhnen aber seien Sie von Anfang an auf der Hut, dass Sie nicht aus Versehen zur falschen Zeit in die Pause gehen. Vielleicht könnten Sie sich den Wecker (siehe auch –> „Wecker“) stellen.

Kaffee, der: Eines Ihrer künftigen Hauptnahrungsmittel, das Sie am Leben erhält und Ihre Funktionsfähigkeit garantiert. (Alternative: –> „Redbull“)

Feierabend, der: Zeitpunkt, an dem Sie ihren PC herunterfahren, die Arbeit zur Seite legen und nach Hause fahren dürfen. Hier ist es sehr wichtig, dass Sie sich gleich von Anfang an angewöhnen, das Hirn pünktlich zu Feierabend auszuschalten. Das ist Ihre wertvolle Lebezeit. Geniessen Sie jede Sekunde davon.

Natürlich finden Sie die erweiterten und detaillierten Definitionen der oben genannten Beispiele sowie dreitausendvierhundertfünfundzwanzig weitere in der kompletten dreibändigen Version des grossen „kleinen Lexikon des Alltags“. Ein Muss für Ihr Bücherregal!

Viel Glück!

Danke an den heutigen Titelspender: Simon Gautschy

Kommt’s wirklich auf die Grösse an?

So, liebe Leserinnen, nun widmen wir uns einem ganz heissen Thema. Eine Frage, die sicherlich in vielen Weiber-Runden schon mehrmals diskutiert wurde: Kommt’s wirklich auf die Grösse an?
Aber ich muss euch gleich am Anfang enttäuschen, zumindest die 99 %, die gerade an DIE Grösse gedacht haben und sich auf einen schmutzigen und fiesen Text freuen. Nein, nein. Wir gehen zwar ins Detail. Aber nicht dort.
Liebe LesER, keine Angst also für euch, es geht nicht unter die Gürtellinie. Doch, das zwar schon. Aber nicht dort.

Während einer längeren Zugfahrt heute habe ich mir überlegt, welche äusserliche Grösse denn für uns Frauen am Mann überhaupt relevant ist. Denn hat nicht jede von uns andere Vorlieben und achtet sich nicht jede von uns auf Körperteile oder Details, die einer anderen im Traum nie auffallen würden? Grübchen. Die pulsierenden Adern auf der Stirn wenn er sich aufregt. Die Träne, die ihm aus dem Augenwinkel schlüpft wenn er gähnt. Jede tickt anders und deshalb gibt es ja meiner Meinung auch diverse äusserliche Grössen, die wir uns vor Augen führen müssen, wenn wir dieses Thema intensiv und fair diskutieren wollen.

Nehmen wir doch beispielsweise die Körpergrösse. Das Klischee will, dass er ungefähr einen halben Kopf grösser ist als sie. Achtet man sich, ist oftmals der Mann tatsächlich grösser als die Frau. Wobei das für die Mehrheit wohl eine Win-Win Situation darstellt. Die Frau, die sich nach Schutz und Geborgenheit suchend in die Arme des Mannes sinken lässt, während er sich dabei gross und stark und in der Rolle als Beschützer am richtigen Fleck fühlt. Ich kenne allerdings auch Pärchen, wo er kleiner ist als sie und sie sind mindestens genauso glücklich zusammen!

Die Hände. Nun ja. Stelle ich mir vor, mit einem Mann händchenhaltend durch die Stadt zu spazieren, dessen Hände doppelt so gross sind wie meine, würde ich mich wohl eher als kleines Mädchen mit dem Papa fühlen. Muss aber nicht sein. Kann. Dafür könnte er beispielsweise beim Anpacken im Haushalt punkten. Wobei kleine Hände die Sache umkehren können.
Die Nase. Wie die Nase eines Mannes… stopp! Da wollen wir wie gesagt nicht hin. Für mich irrelevant. Ich achte ehrlich gesagt generell selten auf die Nase, zumindest nicht im ersten Moment, da ich ein Augenmensch bin. Lieber sehe ich einem Mann tief in die Augen, als in die Nase. Aber es gibt sie scheinbar, die Nasenfrauen, die sie in ihren Formen, Längen und Grössen schubladisieren und benennen. „Er hat eher eine griechische Nase“
Abstecher unter die Gürtellinie der Erste: Die Füsse. Zum sich draufstellen und so gemeinsam in einer Umarmung herumwatscheln wie ein Pinguin sicherlich besser als wenn er Schuhgrösse 35 hat.
Okay, da ist doch noch einer: Abstecher knapp unter die Gürtellinie der Zweite: der Po. Hmm. Das ist ein Mysterium, da wir das ja irgendwie so auf den ersten Blick gar nicht erkennen können. Entweder schwimmt der Po in einer weiten Schlabberjeans und es ist unklar, wo die Poebene aufhört und der Kniebereich beginnt, oder dann scheint er erstmal grösser als er ist aufgrund der Portemonnaies, Handys und was da noch immer so Platz findet in den hinteren beiden Hosentaschen. (Da müsst ihr mal das Portemonnaie rausklauen, klappt manchmal sogar unbemerkt). Und wenn der Po dann in seinem vollen Po-Dasein ersichtlich wird ist der Zug der Relevanz bereits abgefahren.

Wir könnten noch stundenlang Körperteile aufzählen aber irgendwie würden wir uns im Kreis drehen und es ist ja doch für jede Frau eine andere Grösse, die auf irgendeine Art und Weise wichtig ist. Und seien wir ehrlich, eigentlich zählt doch vor allem die innere Grösse. Und wenn’s stimmt, dann stimmt’s einfach.

Ich bin so offen und nenne euch zum Schluss meine persönliche Grösse, auf die es definitiv ankommt: Ein ganz grosses Herz. Und glaubt mir, so einen Mann, den gibt’s.

Danke an die heutige Titelspenderin: Tanja Nicole Köbeli

Aus der Luft gegriffen

Wie sieht das bei euch aus, liebe Leser, wie oft greift ihr denn so aus der Luft? Ich kann euch sagen, bei mir gibt es keinen einzigen Tag, an dem ich nicht irgendetwas aus der Luft greife.

Naja, mich mit euch zu vergleichen ist wohl schon etwas aus der Luft gegriffen. Ich wohne nämlich, im Gegensatz zu euch, in einem Luftschloss. Mein Name ist Aerno und ich bin ein Schmetterling. Allerdings kein Gewöhnlicher, denn gewöhnliche Schmetterlinge wohnen nicht in Luftschlössern, das weiss jedes Kind. Ich sehe eigentlich auch nicht aus wie ein Schmetterling, ich bin eher ein Zwerg. Aber hier im Luftschloss kriegt jeder, der neu dazukommt eine neue Art. Es gibt Fliegen und Wespen, obwohl die Wespen sich diesen Sommer mit den Fliegen verkracht haben und deshalb alle zu euch Menschen flohen, ich hoffe sie haben euch nicht zu sehr gestört. Sie haben sich wieder versöhnt. Dann haben wir Schmetterlinge wie mich, von uns gibt es mittlerweile siebenunddreissig Stück. Die seltenste Art von allen.
Weiter gibt es fliegende Untertassen, Mücken, Vögel, Boeings, Helikopter, Raketen und noch ganz viele mehr, eigentlich jede fliegende Art, die es gibt und die es nicht gibt auf dieser Welt. Ihr Menschen kennt natürlich nie alle, es gibt zum Beispiel noch die Luftibusse, die Wolkenschrupper und die Fluglotsen. Ach ja, die Fluglotsen kennt ihr ja. Komisches Volk. Sie meinen immer, kaum schwebt man einen kurzen Moment lang auf der Stelle,
sie seien umgehend dazu verpflichtet, uns den Weg zu zeigen.
Das ist wohl ein genetischer Fehler.

Naja und bei uns im Luftschloss gibt es halt keine Möbel und Schränke, nur so als Beispiel. So müssen wir uns Teller und Besteck zum Essen aus der Luft greifen. Die Teller fliegen jeweils so zweieinhalb Meter über Luftboden und das Besteck drei bis dreieinhalb Meter, je nach Wetter. Die Löffel tendieren generell immer zu etwas höherem Flug als der Rest. Für die Teller haben wir Luftleitern, die uns helfen sie zu fangen, denn gerade ich bin als Zwerg leicht benachteiligt mit dieser Höhe. Für das Besteck stehen uns Fangnetze zur Verfügung. Das ist immer sehr lustig, weil die Messer diese je nach Winkel gleich durchschneiden und weiterfliegen. Dann hast du Pech gehabt. Aber das ganze Prozedere dient uns sowieso nur als Spiel, denn wir ernähren uns ja von Luft.

Das Leben hier im Luftschloss ist eigentlich ziemlich schön. Die einzige Gefahr stellen die Luftlöcher dar. Das ist die einzig fiese Art, die hier lebt. Die Luftlöcher sind grundsätzlich sehr friedliche Kreaturen. Sie mögen es nur nicht, wenn man sie kitzelt. Dann lassen sie dich hineinfallen und es dauert meist siebzehn Tage, bis sie dich wieder freilassen. Das ist mir in meinen vierhunderdachtundzwanzig Tagen hier erst fünfundzwanzigmal passiert. Ich bin halt eher von vorsichtiger Natur.

Jedenfallsl, solltet ihr euch zufällig in der Gegend aufhalten, kommt doch auf einen Besuch vorbei!

Danke an die heutige Titelspenderin: Olivia Gautschy

Mein Kaffee morgens um halb acht

„Er muss schwarz sein. Und stark. Da muss viel drin sein, nicht einfach nur lauwarmes Wasser. Er muss mich umhauen und auch ein wenig aus der Bahn werfen. Zumindest am Anfang. Er muss auch ein wenig lecker sein und in mir die Lust nach mehr wecken. Er soll zu mir passen. Er darf nicht einfach einer auf die Schnelle sein, sondern ich will ihn so richtig geniessen können. Er soll bei mir einen Eindruck hinterlassen. Er soll mich aus meinem Schlaf wecken. Er soll mir seine ganze Aufmerksamkeit schenken und die meinige verlangen. Er soll mich in diese „nur du und ich“ Momente versetzen und meine Welt zum strahlen bringen. Er soll mir Tag für Tag ein Lächeln in mein Gesicht zaubern.“

Das ist doch wohl nicht zuviel verlangt, denkt Nora, als sie in der Schlange steht für ihren allmorgendlichen Kaffee. Sie nutzt die Zeit, ihre berühmte Eigenschaftenliste nochmals genau zu durchdenken und revidieren. All diese Eigenschaften sollten doch zu erfüllen sein. Irgendwo auf dieser Welt muss doch ein Mann umherspazieren, der in dieses Bild passt! Der Kaffeestand scheint noch Meilen weit weg und Nora’s Koffeinpegel sinkt gefährlich tief. Sie kann einfach nicht ohne ihn, ihren Kaffee. Ihr Körper scheint sich daran gewöhnt zu haben, ihn pünktlich um halb acht zu bekommen. Lustig, dieser aufgedrängte biologische Rhythmus. Nur an eines scheint sich ihr Körper nicht gewöhnt zu haben. Ihr Singleleben. Dabei schraubt sie doch ihre Erwartungen so weit hinunter, wie sie nur kann! Ausser diese Punkte auf ihrer Liste, die kann sie nicht noch weiter einschränken. Dass sie auf Schwarze steht, ist Erfahrungssache. Dass sie noch nie mit einem schwarzen Mann zusammen war, stört sie gar nicht. Sie lebt ständig nach dem Ausschlussverfahren und das zeigt sich halt auch in der Männerwelt.

Gut, endlich ist sie zwei Meter weiter. Nur noch eine halbe Meile bis zur Erlösung. Ihre letzte Beziehung war ein langweiliger Gartenbauer, der einen Kopf kleiner war als sie, sie ohne Brille ständig verwechselte, ja er war sogar einmal zu einer anderen Frau an den Tisch gesessen im Restaurant und merkte es erst, als sie ihm rief. Es war ihm furchtbar peinlich und er stotterte den Rest des Abends, wobei sie fast eingeschlafen wäre. Sie nannte ihn im Geheimen liebevoll Maulwurfi. Jaja, wo die Liebe hinfällt. Frösche küssen kann durchaus hilfreich sein. Schliesslich weiss man dann, was man nicht will. Und er ist nun verheiratet mit einer wunderbaren Frau und hat zwei Töchter.

Irgendwann wird mein Prinz schon kommen, denkt sie und beschliesst, gar nicht mehr zu warten. Vielleicht geht es ihr ja alleine auch besser. Sie hat ja noch ihren Kaffee – da kommt sie nämlich auch schon an die Reihe. „Hell oder schwarz?“ – „Schwarz“. „Stark oder schwach?“ – „Sehr stark“. „Espresso oder gross?“ – „Gross.“ Nora muss etwas schmunzeln. Ob sie wohl ihren Traummann nach ihrem Lieblingskaffee kreiert oder umgekehrt?! „Freddie, kannst du mal bitte eben kommen? Die Maschine will nicht.“

Und dann tritt ein grosser Mann mit dunkler Haut aus der Tür zum hinteren Raum, stark gebaut mit grossen dunkelbraunen Augen, wirft sie für einen Moment komplett aus der Bahn und lässt alles um sie herum unwichtig erscheinen. Und so entlockt er ihr an jenem Freitagmorgen zum erstenmal ein strahlendes Lächeln, während er ihr Punkt halb acht ihren Kaffee überreicht.

Danke an die heutige Titelspenderin: Jennifer Duhnke

Welcome to the real world.

Ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Ich wollte nun irgendwie nur noch sterben. Das kann doch nicht sein, dachte ich mir. Wo bin ich? Wer bin ich? Eben war ich noch in meiner Küche am Kochen, in meinem Leben, in meinen vier Wänden sicher und geborgen. Und nun? Eine Katastrophe!

Und alles nur, weil mir das Mehl ausgegangen war. Das verflixte Mehl. Warum hatte ich mich nicht einfach für Omeletten ohne Mehl entschieden? Warum musste ich immer alles, wirklich alles, was ich mir vorgenommen hatte, zu Ende führen? Manchmal, vor allem jetzt, wünschte ich mir, ich wäre etwas flexibler gewesen. Etwas? Nein, überhaupt flexibel. Dann hätte ich jetzt nicht vor dem Abgrund meines Lebens gestanden. Ich spürte die Klinge des eiskalten Messers an meiner Kehle. Soll er doch, dachte ich, soll er endlich! Ich wollte nicht mehr nachdenken! Das Mehl. Es klebte in meine Augen, brannte. Statt wie üblich links in den vierundzwanzigstunden-Shop zu gehen, um es zu kaufen, hatte ich den in Richtung rechts gewählt, weil ich da Zigaretten bekam und im andern nicht. Toll. Meine verfluchte Sucht hatte mich in den Tod gestürzt. Zumindest fast. Und nun rauchte er sie, eine nach der andern. Und der andere ebenfalls. Und blies mir den Rauch in die Nase und die mehligen Augen. Verflucht nochmal!
Hätte ich doch. Ich hatte bisher immer alle Menschen ausgelacht, die in ihrem Leben in solche „Hätte ich doch“ Momente geraten waren und hatte mir geschworen, in meinem Leben nie soweit zu kommen. Stets achtete ich darauf, immer den Moment zu leben und alles dafür zu tun, dass ich nichts bereuen würde. Bis heute.

Und ich war sogar nochmals zurück in den Shop gegangen, weil ich die Arroganz besass zu glauben, das Mehl wäre abgelaufen. Dabei hatte ich einfach meine Augen nicht offen gehabt. Den ganzen Abend schon nicht. Wahrscheinlich mein ganzes Leben nicht. Auch wenn ich es meinte. Ich war doch immer ein guter Mensch gewesen! Ich hatte mich doch strikt daran gehalten, pro Tag eine gute Tat auszuüben, einen Apfel zu essen und ein Glas Wein zu trinken! Na gut, daneben zockte ich, rauchte wie ein Loch und meine Hausbar war oft leerer als voll, weil ich die Bestände fast immer auf dem Weg vom Geschäft nach Hause getrunken hatte und ja, ich hatte auch gelegentlich belanglosen Sex mit irgendwelchen unbekannten Frauen, die ich danach nie wieder anrief und vermutlich ihre Herzen brach. Aber ich hatte doch immer mein Bestes getan?!

Ich hatte es dann nicht bis in den Shop geschafft, da mich zwei Gestalten attackiert hatten und mich mit Messer im Rücken in eine Nebengasse gezwungen hatten, wo sie mir mein dämliches abgelaufenes Mehl in den Mund gestopft und diesen mit einem Taschentuch verschlossen hatten. Ich verreckte schier und brauchte nun all meine Aufmerksamkeit, um nicht zu ersticken. Mehl überall. Was die Typen von mir wollten verstand ich nicht. Sie sprachen nicht deutsch. Hätte ich doch diesen idiotischen Spanischkurs gemacht, statt mit der Sekretärin der Schule abzuhauen. Dann hätte ich sie womöglich verstanden. Aber ob das wirklich spanisch war? Verdammt, ich wollte einfach nur noch hier weg. Ich verfluchte mich und mein Leben und alles, was ich fälschlicherweise getan hatte und ebenso fälschlicherweise nicht getan hatte. Scheisse. Ich roch den Tod schlussendlich kurz bevor er eintrat.

Dann fühlte ich einen stechenden Schmerz an meinem Hals, warmes Blut breitete sich auf meiner Brust aus und mein Hemd sog sich damit voll. Das Letzte, was ich noch mitbekam waren die Worte des einen Typen in meinem Ohr: „Welcome to the real world.“ Dann drückte er die Zigarette in meinem Ohr aus und mit meinem Schrei drang das Mehl in meine Luftröhre. Es wurde schwarz.

Als ich von meinem Körper wegschwebte, konnte ich diesen noch zucken sehen und beobachtete die beiden Typen, wie sie mir alle Kelder auszogen und einpackten. Na super, die hätten sie auch geschenkt haben können! Und dann rannten sie weg. Doch Moment! Der kleinere der beiden Typen kam nochmals zurück und deckte mich mit ein paar Zeitungen fast vorsichtig zu, die er am Boden gefunden hatte. Er hielt einen Moment inne und verschwand erst auf das Zischen seines Komplizen im Schatten der Nacht. Siehe an. Die Liebe findet auch in den düstersten Winkeln ihren Weg zu jedem Herzen, auch zu denen aus Stein.

Welcome to the real world. Und Grüsse aus dem Himmel!

Danke an die heutige Titelspenderin: Gabriela Diriwächter

Neulich in der Zeitung

Helmut liebte die Besuche bei seiner Grossmutter. Zwei Sonntagnachmittage pro Monat gehörten ihr. Jedesmal wenn er den dunklen Flur des kleinen Häuschens betrat, hörte er sie bereits vorfreudig seinen Namen krächzen und wenn er dann in die Stube trat, sass sie auf ihrem bunt geblümten Sofa und strahlte ihn mit ihren grossen blauen Augen an, die leuchteten wie diejenigen eines Kindes. Dabei rutschte ihre knallrote kugelrunde Brille ein Stück auf ihrer Nase hinunter und sie musste sie mit zittrigen Händen wieder zurechtrücken. Meist sass sie schief. Vor ihr auf dem Tischchen standen stets eine dampfende Kanne mit Tee, daneben zwei Tassen und ein Teller mit Keksen. Helmut wusste nie recht, ob die Kekse überhaupt noch essbar waren. Deshalb nahm er jeweils einen, weil sie anfangs darauf achtete und steckte ihn unauffällig in die Tasche, sobald sie sich nicht mehr achtete. Für ihr Alter war sie sehr fit. Immerhin war sie neunundachzig Jahre alt, lebte noch immer in ihrem kleinen Häuschen und versorgte sich grösstenteils selbst. Hilfe mochte sie nicht. Bis fünfundsiebzig hatte sie das Sekretariat eines kleinen Montagebetriebs geführt und erst als der kinderlose Geschäftsführer gestorben war, musste sie wohl oder übel ihren Arbeitsplatz räumen.

Das und vieles aus der Vergangenheit wusste sie jedoch grösstenteils nicht mehr. Ihr Langzeitgedächtnis war nicht mehr sehr funktionstüchtig. Dafür ihr Kurzzeitgedächtnis umso mehr. Jeden Morgen verbrachte sie Stunden damit, die Zeitung von vorne bis hinten bis ins kleinste Detail durchzulesen. Für den Fall, dass Helmut das Zeitung lesen einmal vergessen hätte, würde er spätestens von seiner Grossmutter ausführlich upgedated werden. Sie würde ihn eindringlich anschauen und den Satz mit „Neulich in der Zeitung…“ beginnen. Ein Zeichen für ihn, dass er sich die nächste halbe Stunde zurücklehnen durfte. Meist schweifte er irgendwann ab.
Aber nicht heute. Denn heute erzählte seine Oma komische Geschichten. Er wunderte sich, als sie über den heissesten Sommer aller Zeiten erzählte. So warm war es nun doch nicht. Und er wunderte sich auch bei weiteren Ausführungen und fand, sie übertreibe heute sehr. Aber als sie dann aufgeregt erzählte, dass neulich in der Zeitung gestanden habe, Amerika habe einen neuen Präsidenten erhalten und dazu noch einen Schwarzen, horchte Helmut zum erstenmal auf. Er hakte nach, was seine Grossmutter verwundert und freudig dazu veranlasste, ihm die ganze Wahlstory zu erzählen und sie hörte erst auf, als Helmut sie aufforderte, ihr die Zeitung zu zeigen. Sie verwies ihn auf einen Stapel Altpapier und Helmut griff sich das oberste Exemplar. “ 21. Januar 2009″. Wie? Er nahm eine weitere Zeitung vom Stapel und dann vier weitere und auf jeder stand irgendein Datum, nur nicht das der letzten fünf Tage. Sie wusste nicht, wovon er sprach. Es sei ja immer heute in der Zeitung.

Er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Er verabschiedete sich nach den üblichen drei Stunden Plaudern von seiner Grossmama und ging nach Hause. Früh am nächsten Morgen fand er sich vor ihrem Häuschen im Auto vor und fror. Seine Autoheizung war kaputt. Zeit, dies zu ändern. Der Zeitungsjunge, der sich als bildhübsches junges Mädel herausstellte, das seine Gedanken einen Moment lang leicht zerzauste, warf die Zeitung vor die Türe und verschwand wieder. Fast zeitgleich ging beim Nachbarn das Licht an. Er konnte den Braten riechen, ja fast schmecken und wusste, dass er dem Spiel ein Ende setzen musste.

Das tat er. Es stand dann neulich in der Zeitung:
Nachbar klaut monatelang Zeitungen von alter Frau – aus Geldmangel.
Die alte Dame ahnte von nichts, als sie vierzehn Morgen lang alte Zeitungen vor ihrer Haustüre vorfand und las. Erst ihr Enkel kam dem Übel auf die Spur. Der Nachbar kann sich scheinbar kein Zeitungsabonnement leisten, wusste dafür gut genug, wo er alte Zeitungen sowie reife etwas gedächtnisschwache Damen fand. Seine alten Zeitungen vertauschte er Morgen für Morgen mit der aktuellen Ausgabe seiner Nachbarin in einer Nacht- und Nebelaktion. Es liegt nun Anzeige gegen ihn vor und ihm droht eine Busse im Wert von mehreren Jahresabonnementen. Dumm gelaufen.

Danke an die heutige Titelspenderin: Mandy John

Das klingt nach einem Blogeintrag – hier kann DEIN Titel stehen! Spiel mit!

Ich sehe mich selbst nicht als typische Bloggerin. Mein Blog ist ja auch noch ein Neugeborenes. Aber auch wenn ich mir vornehme, jeden Tag mindestens eine total originelle Story zu präsentieren, irgendwie sind da immer die Flautetage dazwischen. Ja, nun werdet ihr euch räuspern und nach den Charaktereigenschaften des von mir etikettierten „typischen Bloggers“ fragen. Nun ja, er ist wortgewandt, witzig und im Besitz eines wahnsinnig spannenden Lebens? Mutig, provokant und schnell im Kopf? Aber ob es den typischen Blogger wirklich gibt, weiss ich ja ehrlich gesagt dann doch nicht. Wenn ja, hier der Aufruf: Melde dich und belehre mich!

An Stories fehlt es mir definitiv nicht. Aber oftmals wenn für mich eine Story nach einem Blogeintrag klingt, stellen sich mir umgehend Zweifel, Selbstschutz und andere Regelbastler, Grenzenzieher und sonstige Idioten in der Art in den Weg mit Fragen wie: Ist das gut? Was könnte der, die oder alle von dir denken, wenn du über sowas schreibst? Wieviel willst du von dir persönlich preisgeben? Wie langweilig ist DAS denn?  Was ist angebracht und was ist einfach nur verzweifelter Mitteilungsdrang?

Aber ich will das nicht! Ich will schreiben. Ich will Dinge loswerden. Ja, ich habe schlicht zu viele Gedanken, als dass ich die stets für mich behalten könnte. Und ich will, dass es Geschichten, Gedichte, und Texte sind, die euch gefallen, vom Hocker hauen, zu Tränen rühren und irgendwas in eurer Welt (wenn auch nur die Nerven) berühren. Und ich will Action!

Was ist das Wichtigste Lockmittel für eine Story? Richtig, der Titel. Der muss richtig fett sein. Und dazu brauche ich EUCH.

Gestern Abend ging ich auf Titeljagd mit zwei lusitgen Wortspielkumpels. Wir hatten witzige Gesprächsthemen und öfter liess jemand von uns den Satz: „Das klingt nach einem Blogeintrag“ fallen und sie lieferten mir sogleich Titel im Sekundentakt. Beispielsweise sprachen wir darüber, was das Klo alles für Funktionen hat neben seinem Klodasein. (NEIN, das sagt nun garantiert NICHTS über meine Person aus!) Es resultierten Titel wie: „Wie Tolietten die Ehe zerstören.“ oder „Klischee WC“ oder „von A nach B mit dem AB“ oder „Das Klo – Oase der Gedanken und Entscheidungen“ So ging das weiter, den ganzen Abend lang. All diese Titel schreien doch schon nach irgendeiner Story.

Nun zu eurer Rolle in diesem Spiel. Ich hoffe ihr klebt mittlerweile am Screen. Ich will euch spannende Texte liefern. Und ich funktioniere am besten mit Druck von Aussen. Also stecken wir hier in einer Win-Win Situation: IHR liefert mir Titel. Egal was! Was euch auf dem Herzen liegt! Was euch beschäftigt! Was mich herausfordert! Öffnet ein Buch, wählt den dritten Satz auf Seite vierundvierzig! Fühlt euch frei! Alles was ich will, sind Titel. Und ich schreibe euch eure Geschichte dazu.

Euer Titel vs. meine Story. Kleines goodie: Ihr werdet namentlich erwähnt! ;-) Allen weitersagen und mitspielen!

Titel jetzt sofort an: isabellegautschy@gmail.com

Es ist Herbst.

Hallo Herbst! Meine Lieblingsjahreszeit! Wo die Welt sich in einen bunten gelb-orangen Mantel hüllt und sich eine angenehm kühle Frische breitmacht, die einen tief einatmen und innehalten lässt – bevor man singend durch die ganzen Blätter hüpft. Die letzten warmen wunderschönen Sonnentage bevor die Welt in den Winterschlaf sinkt. So sieht mein Herbst aus. Ich liebe ihn.

Aber Moment! Der Start in den Herbst in diesem Jahr ist alles andere als das. Kaum waren wir noch gefühlt mitten im Sommer, steht er eines Morgens plötzlich düster vor meiner Tür und weint. Es regnet und regnet und regnet. Wie kann man so traurig sein. Während er so vor sich hin trieft, packe ich meine Sommerschuhe nun komplett in meinen Schuhschrank, greife nach den Stiefeln und wundere mich über das Tempo.

Naja, wenigstens ist es noch zu früh für die Winterjacke und die Hoffnung auf bunte Tage ist noch gross. Für das Winter-Outfit ist es eindeutig noch zu warm denke ich und packe mich in meine hellbraune Kunstlederjacke, schmücke mich mit meinem kuscheligen Sommerschal in knalligem Pink und erlaube meiner hellgrauen Wollkappe, ihren Platz auf meinem Kopf einzunehmen. Es ist wirklich frisch draussen. Ich bin zum Nachtessen eingeladen und freue mich darauf. Die kühle Luft geniesse ich.

Ich ahne nur am Rande, dass irgendetwas anders ist.

Erst als ich am späten Abend wieder am Hauptbahnhof in Zürich ankomme, werde ich mir bewusst, was der Herbst mit seiner jämmerlichen Weinerei bei uns Menschen scheinbar anstellt! Alles ist düster! Alles ist dunkel! Alle tragen schwarz! Fast ausnahmslos. Schwarze Mäntel – und wenn nicht schwarz dann grau oder braun. Dunkle und vor allem lange Röcke und Hosen. Eine Armee der Düsterheit. Eine hinterlistige Diebschaft, die den Herbst seiner Farbe beraubt hat. Und das, kaum sind die Temperaturen unter den Gefrierpunkt von Minirock und Shorts gefallen. Wie wenn das Leben nur in den Sommermonaten Farbe verdient hätte. Unglaublich. Wie ein verwirrter Hund muss ich, der Farbklecks in der Dunkelheit, erst einmal stehenbleiben und das Bild auf mich wirken lassen. Ein Wunder, dass keiner vor Schreck hingefallen ist bei meinem Anblick – ich muss ja leuchten!

Ich rufe euch also auf, liebe Mitmenschen, gebt dem Herbst seine Farbe zurück! Vielleicht hört er dann auf zu weinen.