Loslassen

Letzthin im Bus sass hinter mir ein Kind mit seiner Mutter – ich weiss bis heute nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Jedenfalls hat es seiner Mama von einer Geschichte erzählt, die es im Kindergarten oder in der Schule gehört hatte. Als mein Fokus auf seine Stimme fiel, war die Geschichte leider schon zu Ende. Ich hörte nur noch wie es seine Mutter belehrend wissen liess, was es daraus gelernt hatte: „Weisst du Mama, Freunde soll man nicht verletzen. Und Pflanzen sind auch Menschen.“

Ich musste mir ein Lachen verkneifen und hoffte auf mehr Weisheiten von diesem zauberhaften Stimmlein, doch die beiden verliessen Hand in Hand den Bus an der nächsten Haltestelle. Schade. Doch wie so oft im Leben, sind solche tiefgreifenden Momente, die einen innehalten lassen, die einen zum lachen, zum weinen, ja, zum fühlen bringen, auch nur da, um sie nachher wieder loszulassen.

Apropos Pflanzen, die auch Menschen sind. Menschen sind ja auch Tiere. Gewohnheitstiere. Drum wird von uns das Loslassen doch so oft als etwas Schlechtes verurteilt, oder nicht? Loslassen weckt in uns Assoziationen wie „Verlust“. „Veränderung“. „Angst“. Wenn ich loslasse, bin ich plötzlich alleine. Wenn ich loslasse, verliere ich alles, was ich mir mühsam aufgebaut habe. Wenn ich loslasse, geschehen als Folge ganz schlimme Dinge. Wenn ich eine Sache loslasse, ist sie für immer weg. Wenn ich einen geliebten Menschen loslasse, vergesse ich ihn und noch schlimmer, er vergisst mich und ist ebenso für immer weg. Würden wir also gemäss unserem lieben Gewohnheitstier alles loslassen, stünden wir wohl ziemlich schnell in einem luftleeren Raum, allein, ohne Liebe und Zuwendung, jeglichen Sinnes entledigt.

Aber lassen wir die Hüllen fallen und schälen uns aus der Haut des Gewohnheitstieres, könnten wir ja einmal ehrlich zu uns selber sein. Können wir unter Umständen nicht auch erst fliegen lernen, wenn wir loslassen? Wie kann ein junger Vogel fliegen lernen, wenn er eines Morgens nicht frisch fröhlich aus dem Nest springt, ohne recht zu wissen, was er da tut? Wie will sich ein Leben verändern, wenn wir an unserem Alltag festhalten? Wie wollen wir neuen Abenteuern Raum schaffen, wenn wir uns an alte Gewohnheiten klammern, die vielleicht diejenigen Schurken sind, die uns täglich unsere Unzufriedenheit auf dem Silbertablett servieren? Wie wollen wir vorwärts marschieren, wenn unser Rucksack grösser und schwerer ist als wir selbst?

Das Leben braucht Bewegung. Es beschenkt uns mit Situationen, Gelegenheiten und Begegnungen, reiht Moment für Moment sorgfältig aneinander, um uns zu bereichern. Was wir aus ihnen machen, ist uns überlassen. Ob wir sie einfangen wollen, sie in eine Form packen und festhalten, um sie danach umso mehr zu verlieren und um sie trauern, oder ob wir sie geniessen, ihre Einzigartigkeit erkennen und schätzen, sie frei lassen und das Schöne und Wichtige daraus für uns tief einatmen. Ob wir sie leben, lieben und bis in die letzte Millisekunde auskosten oder ob wir sie hinterfragen und verpassen, sie in ein Schema pressen und zerstören.

Loslassen heisst, etwas Neuem, das unter Umständen viel besser zu uns passt und viel schöner ist, Raum zu geben. Loslassen heisst ja sagen. Ja sagen heisst leben. Das heisst nicht, dass es immer einfach ist. Aber es lohnt sich.

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Eine Momentaufnahme.

Eine leichte Brise zerzauste ihre Haare. Wo war die Sonne auf einmal geblieben? Sie drehte sich, auf der Wiese liegend, auf den Rücken, um die gelbe Kugel am Himmel zu suchen. Alles, was sie jedoch vorfand, waren hellgraue Wolken, die sich heimlich hinter ihrem Rücken angeschlichen hatten. Sie schloss den Reissverschluss ihrer Wolljacke und zog ihren weissen, kuscheligen Schal etwas enger. Die Temperatur sank mit dem Verschwinden der natürlichsten und wunderbarsten Heizung der Welt und befand sich nun genau auf der Grenze zwischen gerade noch tragbar und leicht zu kühl. Wenn sie im einen Moment etwas fror, verflüchtigte sich dies im Nächsten wieder und die wohlige Wärme stellte sich ein, kurz bevor sie erneut durch eine leichte Gänsehaut abgelöst wurde, die nach einigen Atemzügen der Wärme wieder wich. Wohltuend, diese frische Luft.

Genau richtig eingepackt konnte sie sich ungestört wieder in ihre Lektüre vertiefen und mit dem Helden zusammen den Brief seiner Geliebten verschlingen, wobei ihr mehrmals eine kleine Träne über die Klippe des Auges entwich und auf die Wange fiel oder ihr gar ein leises Lachen entwischte. Auf der Wiese befanden sich jedoch nicht viele Menschen, die ihr Lachen hätten aufschnappen können. Ein Hippiepaar, das seit Stunden abwechslungsweise auf einer Hippiegitarre übte, auf seiner bunten Hippiedecke sitzend, einer spielte, der andere hörte zu. Ein Vater mit seinem Sohn, die eifrig um einen Fussball kämpften, nur um ihn danach wieder loszuwerden. Zweimal galt der Pass, ob gewollt oder nicht sei dahingestellt, sogar ihr und mit all ihrer Kraft kickte sie ihn liegend und erstaunlich zielsicher zu ihnen zurück, worauf sie sich überlegte, ob sie nicht eine Fussballkarriere beginnen sollte. Sie fühlte sich immer dann etwas bedroht, wenn die leuchtend grüne Jacke des Jungen sich seitlich in ihr Blickfeld schlich und lebte in der steten Erwartung, dass sie der Ball treffen könnte. Ein Flugzeug durchzog exakt über ihr die hellgraue Himmelswand und sie wunderte sich, wohin die Passagiere wohl flogen.

Der Held und seine Geliebte riefen nach ihr und fesselten sie wieder in der Zeit des zweiten Weltkrieges und sie fuhr fort, mit ihnen mit zu leiden und so verlor sie sich gänzlich und bemerkte erst im letzten Moment die Gestalt, die sich links von ihr näherte und deren Lächeln offensichtlich ihr galt. So hoffentlich auch die weisse Schachtel in seiner Hand, dachte sie, als sich ihr Blick kurz senkte und sie unumgänglich und wie ein Reflex die herrlichsten Süssigkeiten darin vermutete. Er sah gut aus. Er trug seinen braunen Wintermantel, der bei diesem Wetter gerade noch angemessen war, seine khakifarbene Schlabberhose und einfache Turnschuhe. Seine Brille schmückte sein entspannt aussehendes Gesicht und seine Haare standen wie üblich in alle Richtungen. Sie schrien fast schon nach ihrer Hand und sie beschloss heimlich, die Gelegenheit bald zu nutzen. Seine Tasche warf er mit Schwung neben ihre auf das Grün, zog seinen Mantel in Windeseile aus, legte ihn neben ihrer eigenen Manteldecke auf die Wiese und setzte sich darauf, um ihr die Schachtel mit Dessert zu übergeben, sie herzlich zu umarmen und hallo zu küssen.Voller Vorfreude beschrieb er, was sich in dem weissen Karton befand und als sie ihn öffneten, wurden alle ihre Erwartungen an süss, lecker und ungesund wahrlich übertroffen. Er ass das Meiste und sie schob sich nur zwischenzeitlich das eine oder andere Stück in den Mund.

Er legte sich schliesslich zufrieden auf den Rücken und streckte voller Verlangen seine Arme nach ihr aus, um sie herzlich in sie zu schliessen und so lag sie rechts neben ihm, ihr Kopf nahe bei seinem auf seiner Schulter ruhend, seinen rechten Arm hatte er um sie gelegt. Seine linke Hand wanderte zwischen ihrer Taille und ihrer rechten Hand, die auf seinem Bauch auf dem weichen Stoff seines schwarzen Pullovers ruhte, hin und her. Sie hob ihren Kopf und küsste ihn auf die noch süsslich schmeckenden Lippen. „Mmmh, das ist ein feines Dessert vom Dessert.“ Er schmunzelte. „Es gibt dann noch ein Dessert vom Dessert vom Dessert.“ Sie mussten lachen und lagen Stunde um Stunde gemütlich beisammen auf der Wiese und vergassen die Welt um sich herum. Sie hielten sich, redeten über wichtige Dinge, quatschten über belanglose Dinge, lachten über skurrile Dinge und fühlten sich sicher und geborgen in den Armen des anderen. Sie kannten nichts als den Moment. Die Zeit war irrelevant.

Erst als sie sich zur nahe gelegenen öffentlichen Toilette begab und ihr auf dem Weg zurück zu ihm auffiel, dass sich der Schatten des nächsten Baumes genau über das Nest der beiden gelegt hatte, war es Zeit zu gehen. Sie packten ihre sieben Sachen zusammen, zogen ergeben die Mantelkragen hoch und spazierten los. Sie setzen sich auf eine Mauer am See um den weiteren Verlauf des Abends zu besprechen. Er vermutete die Zeit und lag exakt um eine Minute daneben. Er grub seine Hand zielsicher in seine linke Manteltasche und brachte sie um zwei Gegenstände reicher zurück an die frische Seeluft. Er nahm eine Zigarette aus der orangen Schachtel, steckte sie sich in den Mund und zündete sie mit seinem weissen Feuerzeug an, wobei er mehrere Versuche benötigte und seine andere Hand schützend gegen den Wind hielt. Dann zog er tief ein und wartete, bis das Nikotin des ersten Zuges seine Wirkung zeigte.

Als ein Grüppchen lustig aussehender Menschen auf der anderen Seite des Platzes an ihnen vorbeiging, konnte er sich einen beobachtenden Kommentar nicht verkneifen, was eine Miniatur-Argumentationsreihe mit sich zog, kombiniert mit sinnlosen Reimereien und sie kugelten sich regelrecht vor Lachen. So verbrachten sie seine Zigarette lang und einige Minuten mehr mit Reimen und Lachen. Erst als wieder Ruhe eingekehrt war und ihr Fokus wieder hinaus in die Weiten des Sees wanderte, erhoben sie sich schliesslich und schlenderten Hand in Hand in den noch ungeschriebenen Abend, um ihn mit ihrer Zweisamkeit bis an den Rand und noch weiter zu füllen.

Der Spalt in der Wand.

Valerie fühlte sich glücklich, als sie auf dem Balkon ihrer neuen 4 Zimmer-Wohnung stand, mit Sicht über die ganze Stadt. Direkt auf den See, der gerade an jenem Abend in eine wunderschöne Stimmung gebettet war, so dass sie neben Glück eine Welle der Liebe, Dankbarkeit und Überwältigung spürte. Ein Gefühl, das sie schon lange nicht mehr so intensiv gefühlt hatte.

Was war sie doch für ein Glückspilz! Sie hatte alles erreicht, was sie sich erträumt hatte. Und das mit achtundzwanzig Jahren. Sie war in der Schule immer eine der besten gewesen, aber sie hatte sich dafür nie sonderlich anstrengen müssen. Sie hatte viel mehr in die Zeit mit ihren Freunden gesteckt damals. Für die Ausbildung als Kauffrau hatte sie dann etwas mehr Energie aufgewendet und sie locker als Landesbeste abgeschlossen. Sie hatte sehr schnell eine gute Stelle als Assistentin des Geschäftsführers einer grossen internationalen Firma gefunden, hatte sich nach ein paar Jahren intern einen Weg in den Marketing-Bereich gebahnt, worin sie als ausserordentlich talentiert galt, und was ihr sogar eine Weiterbildung gesichert und sie für ein Jahr nach Amerika verschlagen hatte. Dort hatte sie dann mit vierundzwanzig ihren jetzigen Ehemann kennengelernt. Martin war ebenfalls Schweizer und war für seine Anwaltskarriere für drei Jahre in New York zur gleichen Zeit. Zusammen waren sie nach Hause zurückgekehrt und hatten sich sogleich gemeinsam eine Wohnung gesucht. Vor einem Jahr dann hatten sie geheiratet und sich diese makellose und wunderschöne Wohnung geleistet, die scheinbar so perfekt zu ihnen beiden und ihrem perfekten Leben passte. Sie war wohl der glücklichste Mensch auf der Welt.

Oder?

Sie spürte an diesem schönen Abend plötzlich wieder dieses unangenehme Kribbeln in der Magengegend, gekoppelt mit einem kleinen Aussetzer ihres Herzens und einem Engegefühl um den Hals. Das kannte sie ja zum Glück, dass ihr Herz zwischendurch etwas aus der Reihe tanzte. Früher war sie überzeugt gewesen, dass es mit ihr sprach. In der letzen Zeit kam es wieder häufiger vor, dass es hüpfte. Seit einigen Wochen hatte sie nun diese komischen Gefühle. Alles hatte mit diesem Spalt in der Wand angefangen, hinter der einen Türe, die immer offen stand. Er war Martin und ihr bei der Wohnungsbesichtigung entgangen und sie war fürchterlich erschrocken, als sie ihn vor drei Wochen entdeckt hatte. Martin war nicht da gewesen. Was auch gut war. Denn was da mit ihr geschehen war, konnte nicht einmal sie selbst verstehen. Bis heute nicht. Sie war sauer geworden, dass sie ihn nicht gesehen hatte. Sie war sauer geworden, dass Martin ihn nicht gesehen hatte. Sie war traurig geworden, dass sie diese Tatsache sauer machte. Und irgendwie war sie plötzlich nicht mehr sicher, wer sie eigentlich war und fühlte sich furchtbar eingesperrt. Dem war ein fürchterlicher Tränensturz gefolgt und sie war für einen kurzen Moment völlig zusammengebrochen, bevor sie sich schnell wieder aufraffte, die verheulten Augen mit Schminke retuschierte, als Martin von seinem Arbeitstag nach Hause gekommen war. Er hatte den Spalt sogleich flicken lassen und die Sache war für ihn gegessen. Eine kleine Spur war da aber noch immer.

Und nun? Valerie wurde den Spalt nicht mehr los, er hatte sich in den vergangenen Wochen ständig ausgebreitet und sich in jegliche Bereiche ihres Lebens geschlichen. Sie wunderte sich immer öfter, ob ihr Leben wirklich so makellos war, wie sie glaubte. Sie fragte sich, ob ihr Leben das war, was sie wollte. Sie machte sich auf die Suche nach Spalten und Ritzen. Überall. Plötzlich ploppten ihre alten Freunde in Erinnerung, die sie irgendwann zwischen Karriere und Ehe vergessen hatte. Sie vermisste sie schrecklich. Klaus, ihr bester Freund, ihn hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen, aus Rücksicht zu ihrem eifersüchtigen Martin. Mit ihm hatte sie immer das Gefühl gehabt, am richtigen Ort zu sein. Mit ihm hatte sie sich frei gefühlt wie ein Vogel. Sie vermisste dieses Freiheitsgefühl. War sie glücklich in ihrer Ehe? Oder lebte sie sich vor glücklich zu sein, weil man das in ihrer Situation sein musste, wenn man schon so ein perfektes Leben in Wohlstand und Glück leben durfte? Ihre Eltern waren so stolz auf sie, dass sie so viel mehr als sie geschafft hatte. War ihr Weg nicht der logische und einzige Weg auf unserer Welt?

Aber wollte sie das überhaupt? Als kleines Mädchen hatte sie immer davon geträumt, die Welt zu verändern und ganz viel Liebe in die Welt zu bringen. Sie hatte jeden Morgen die Sonne begrüsst und abends die Sterne und den Mond, hatte die Bäume und Pflanzen gegrüsst und jedem ein Lächeln geschenkt, der eines wollte oder auch nicht. Sie hatte sich so frei gefühlt dabei. Bis ihre Mutter sie einmal ausgelacht hatte, als sie einen besonders schönen Baum im Wald umarmt hatte und ihm zugeflüstert hatte: „Ich liebe dich.“. Ihre Mutter hatte so hysterisch gelacht, dass ihr angst und bange geworden war. Sie hatte Valerie als „kleines naives Dummchen“ bezeichnet und diese hatte seitdem nie mehr eine ähnliche Äusserung gemacht, sich distanziert und sich ganz einem angepassten Leben in ihrer Familie und ihrem Umfeld gewidmet. So, wie man das halt macht. In der Schule hatte sie eigentlich nur viele Freunde gehabt, weil sie dachte, es sei wichtig, viele davon zu haben. Ausbildungen wollte sie stets gut abschliessen, um im Lebenslauf gut dazustehen. Marketing war spannend, aber sie war diesem Pfad nur gefolgt, weil sie dafür Anerkennung erhielt. Martin hatte sie nie so geliebt, wie sie als Mädchen die Bäume geliebt hatte. Oder eben Klaus, ihren Liebling.

Sie spürte den Spalt. Sie spürte, dass er sich täglich vergrösserte und öffnete. Er zog sie mit aller Macht an. Sie spürte es so sehr, dass sie sich an jemem Abend vom Balkon in die Wohnung begab, noch immer berührt von der Schönheit der Stimmung und automatisch zum Telefonhörer griff. Sie wählte intuitiv die einzige Nummer, die sie noch immer auswendig konnte.

„Klaus, hier ist Valerie. Erinnerst du dich an mich? Können wir uns treffen?“ – „Ich habe mich schon gewundert, wann du endlich anrufen würdest.“

Und dann veränderte sich ihr Leben für immer.

Danke an den heutigen Titelspender: Gerald Weber

Schreibblockade – Schreibblock ade!

Ihr habt vielleicht bemerkt (oder auch nicht), es ist momentan gerade etwas ruhig um meine Geschichten. Ob das gut ist, oder ob das schlimm ist, vermag ich selbst nicht zu beurteilen. Aber halt, eigentlich doch. Es ist durchaus schlimm – sehr sogar! Denn ich leide. Ich leide seit Tagen.

Ich stehe dazu und gebe euch nun bereitwillig eine meiner momentanen Schwächen bekannt: Ich habe eine Schreibblockade. Und zwar so richtig, ob man es glaubt oder nicht. Und es treibt mich in den Wahnsinn. Seit der letzten Geschichte, die unter meiner Lieblingskategorie „Titelspiel“ läuft, sind einige Tage vergangen und die Entwürfe für weitere Stories – ich gebe es zu, für EINEN EINZIGEN Titel – stapeln sich gefühlt zu Tausenden! Ein Wunder, dass mir mein Laptop noch nicht vom Schoss gehüpft ist um zu fliehen – so, wie ich auf den Tasten herumgehackt habe. Ein irrsinniges Huhn war ich. Ich muss doch schreiben – wie soll ich sonst leben, wenn das mein Atem ist?

Nun gut, nach einigen ausgiebigen Plantschereien im Selbstmitleid, einem engumschlungenen und heissen Tanz mit der Wut, kurz, nach einiger Zeit, um mir der Misere bewusst zu werden, kann ich jetzt endlich lösungsorientiert sein. Folglich beschäftigen mich nun zwei Fragen:

1. Was ist der Auslöser für die Schreibblockade?
2. Wie kann ich die Schreibblockade lösen?

1. Der Auslöser, da werdet ihr lachen, MUSS einer meiner Titelspender sein. Ich gratuliere ihm an dieser Stelle ganz herzlich, denn es ist tatsächlich der allerallererste Titel, den ich nicht umzusetzen schaffte bisher. Normalerweise setze ich mich hin, reflektiere kurz und beginne frisch fröhlich zu schreiben – und schwupps ist etwas entstanden. Aber dieser Titel entlockte mir genau vier Ideen, zwischen denen ich mich kaum entscheiden konnte, daraus resultierend drei halbe Geschichten und einen vollen Papierkorb mit langweiligem und unbrauchbarem Nichts. Und eine Schreibblockade. Eine der dicken und fetten Sorte. Eine, die mit dem Finger auf dich zeigt und fies und laut über dich lacht, bis sie kaum Luft bekommt und grässlich hustet. Ich bin ehrlich. Vermutlich geschah das, weil der Titelspender mir sehr nahesteht. Und weil er über „Story Telling“ wohl einige Universen mehr an Wissen aufweisen kann als ich. Also ist Respekt vor dem Titelspender der Auslöser? Herrje!
Aber sei es wie es ist, um mich selbst zu erlösen und mir gegenüber Gnade walten zu lassen, erlaube ich mir, den Titel auf einen grossen Zettel zu schreiben, diesen an meinen Spiegel zu pappen und ihn erst wegzunehmen, wenn die perfekte Story dazu entstanden ist. Ich lasse sie einen Moment lang aus, sozusagen. Neue Regel. Und ich verspreche euch, ich werde euch dann verraten, wer es war. Er erhält von mir einen Oscar. Nur schon für den grandiosen Titel!

2. Man sagt ja, man solle den Feind mit seiner eigenen Waffe schlagen. Anderseits soll man einen Kung Fu Meister nicht mit Kung Fu zu bekämpfen versuchen, sondern mit der Gabe, die man selbst erhalten hat. Welch paradoxe Angelegenheit. Was ich, zumindest ein bisschen, kann, ist: Schreiben! Hahaha, meine Damen und Herren, dies war de Witz des Tages in seiner vollen Pracht! Aber vielleicht funktioniert es ja. Vielleicht kann ich eine Schreibblockade lösen, indem ich über sie schreibe. Und seht her, was tue ich gerade? Ich schreibe! Und es sprudelt nur so aus meinen Fingern. Mein Laptop prustet fast los, so sanft liebkose und kitzle ich ihn mit liebevollen Streicheleinheiten.

Eine Leichtigkeit macht sich breit. Ich kann wieder schreiben. Und so kann ich mir die gerauften Haare wieder einpflanzen, die Delle in der Tischplatte (Ja, meine Faust ist aus stahl) wieder geradebiegen und endlich wieder mit erhobenem Kopf durch die Welt spazieren. Meine Welt, die wieder in Ordnung ist.

Und somit nehme ich das Spiel wieder auf. Und du, lieber ganz besonderer Titelspender des blockierenden Titels, wirst dich auf einen Text freuen können, der dich aus den Socken haut, irgendwann zwischen all den Texten, die nun noch folgen werden.

Ich freue mich!

Ich hab nachts die Katzen kotzen gehört

Wie sehr hat sich Viola darauf gefreut, mit ihrem Freund Felix in die Stadt zu ziehen. In die Stadt! Endlich weg vom Land, aus dem kleinen Dorf, wo jeder jeden kennt und alles über den anderen weiss, es ihm aber verschweigt und nur hinter seinem Rücken mit jemand anderem offen darüber spricht. Lustige Kommunikationsmethoden, die sie da auf dem Land haben. Und diese Stille! Viola mag ja die Stille. Zwischendurch. Für ein paar Minuten. Aber dann macht sie sie schier wahnsinnig. Und es stinkt ständig und überall nach Katzen. Denn man könnte meinen, Bedingung für die Wohnerlaubnis sei mindestens eine Katze im Haushalt. Katzen hier, Katzen da. Was Känguruhs in Australien sind, sind Katzen in Violas Heimatdorf.

Drum ist sie, kaum alt genug um alleine Zug zu fahren, immer öfter in die Städte der Region ausgewichen. Manchmal ist sie einfach in einen Zug gestiegen, in irgendeine Stadt gefahren und schliesslich dort den ganzen Tag lang herumspaziert. Die Anonymität und die konstante Geräuschkulisse der Stadt wertschätzt sie aus tiefstem Herzen. Dabei kommt sie zur Ruhe. Nicht in der Stille des Dorfes. In der Stadt ist auch nie einer, der sie auf irgendwelche Äusserlichkeiten hinweist, wie Mama zum Beispiel. „Also, ob du wirklich mit diesem kurzen Jupe unter die Leute willst? Da wird Frau Blöchlinger wieder Ohren und Augen machen! Und Herr Weber wird Gerüchte über dich verbreiten, deren Inhalt ich mir gar nicht erst vorstellen möchte.“ Ihre Mama würde es ja sowieso nicht mitkriegen, denn die Regeln der Kommunikation im Dorf sind strikt. Nicht nur der Betroffene erfährt nichts, sondern auch die nahen Angehörigen. Das hat schon zu vielen Familienkrisen geführt. Denn wird man überall mit grossen Augen angeschaut oder verstummen gar die Gespräche, wenn man Menschen passiert, dann weiss man, dass man selbst oder irgendwer in der Familie Grund für Getratsche liefert. Was zur Folge hat, dass dann Frauen ihre Ehemänner ins Verhör nehmen und aussperren, Kinder unbegründet Hausarrest erhalten und sonstiges in der Art. Ein Teufelskreis.

Aber ich schweife ab. Denn wir sind ja bei Viola, die das Stadtleben zumindest tageweise lieben gelernt hat. Und so hat sie dann schlussendlich auch Felix kennengelernt. In einem Park am See hat er sie angesprochen und auf einen Kaffee eingeladen. Im Dorf könnte man das so nie und so sagte sie spontan zu. Es hat sich dann lustigerweise herausgestellt, dass er am anderen Ende desselben Kantons wohnt, aber ebenfalls ein Landei ist und mit der selben Leidenschaft Tagesausflüge in Städte macht wie sie. Das, neben scheinbar tausend anderen Übereinstimmungen, hat sie schliesslich zusammengebracht, nachdem sie sich fünfmal getroffen haben, immer in einer anderen Stadt. Nun sind sie seit einem Jahr zusammen und haben beschlossen, gemeinsam in die Stadt zu ziehen, die in der Mitte ihrer beiden Orte liegt.

Die Reaktionen sind bisher sehr verschieden ausgefallen. Felix hat bereits alleine gewohnt, bei ihm fiel das Urteil nicht so streng aus. Einzig Warnungen, die Stadt berge gefährliche Dinge wie Drogen, Alkohol und Komsumsucht, nicht zu vergessen der ganze Smog werden ihm nachgeworfen. Er wird auch nicht besonders häufig gefragt, weshalb er denn wegziehen möchte, denn er hat ja schliesslich in der Stadt Jura studiert, so ist es gerechtfertigt, dass er auch irgendwann in die grosse weite Welt ziehen wird. Viola muss da einiges über sich ergehen lassen. Bisher hat sie nämlich bei ihren Eltern im Haus gewohnt. Sie hat zwar keine Ahnung, was das Dorf redet, und ihre Familie sowieso nicht, aber die stellt schon genug Fragen, insbesondere ihre Mutter. Sie möge Felix ja sehr, aber ob er sie nicht in die Stadt locken wolle, damit er sich als Anwalt verwirklichen kann und er jemanden an seinem Herd hat. Oder ob er sie von ihrer Familie trennen will. Oder, oder, oder.

Sie hat die Nase am Tag ihres Auszugs gestrichen voll. Das ganze Dorf steht auf der Strasse im Quartier, scheinbar besuchen alle ganz zufällig die Nachbarn und schauen auffällig unauffällig hinüber. Felix und sie rackern sich ab, ihr Bruder und seine Freundin sind netterweise extra aus dem Nachbarsort zum Helfen hergekommen. Die Eltern sind ins Wochenendhaus zwei Dörfer weiter gefahren. Als Viola eine Kiste auf den Fuss fällt, sie laut aufschreit und die gesamte Dorfbevölkerung synchron zusammenzuckt und sie vorwurfsvoll anstarrt, weiss sie, dass sie innerlich mit diesem Dorf abgeschlossen hat und lässt ihren Kragen platzen.

Sie erhebt sich, steht mitten auf die Strasse und schreit: „So. Um eure hirnverbrannten, mit Idiotie und Irrsinn geschmückten Spekulationen ein für allemal vom Tisch zu räumen: Der wahre Grund für meinen Wegzug aus diesem von zürückgebliebenen, hirnlosen Monstern bewohnten Dorf ist einfach: Es ist so STILL hier, ich werde wahnsinnig! Hört mal hin. … Es ist so still, ich habe nachts all eure Katzen kotzen gehört! Das ist der Grund! Und wisst ihr was, würde ich weiter hier wohnen, würde ich gleich mitkotzen. Nacht für Nacht. Lebt wohl.“ Stille folgt. Eine Katze kotzt an den Strassenrand. Mitten am Tag.

Es wird im Dorf niemals ein Wort über diesen Zwischenfall verloren. Die Katzen, die werden jedoch weniger und weniger und zehn Jahre später findet man keine einzige mehr von ihnen.

Danke an den heutigen Titelspender: Reto Fischer