Ich hab nachts die Katzen kotzen gehört

Wie sehr hat sich Viola darauf gefreut, mit ihrem Freund Felix in die Stadt zu ziehen. In die Stadt! Endlich weg vom Land, aus dem kleinen Dorf, wo jeder jeden kennt und alles über den anderen weiss, es ihm aber verschweigt und nur hinter seinem Rücken mit jemand anderem offen darüber spricht. Lustige Kommunikationsmethoden, die sie da auf dem Land haben. Und diese Stille! Viola mag ja die Stille. Zwischendurch. Für ein paar Minuten. Aber dann macht sie sie schier wahnsinnig. Und es stinkt ständig und überall nach Katzen. Denn man könnte meinen, Bedingung für die Wohnerlaubnis sei mindestens eine Katze im Haushalt. Katzen hier, Katzen da. Was Känguruhs in Australien sind, sind Katzen in Violas Heimatdorf.

Drum ist sie, kaum alt genug um alleine Zug zu fahren, immer öfter in die Städte der Region ausgewichen. Manchmal ist sie einfach in einen Zug gestiegen, in irgendeine Stadt gefahren und schliesslich dort den ganzen Tag lang herumspaziert. Die Anonymität und die konstante Geräuschkulisse der Stadt wertschätzt sie aus tiefstem Herzen. Dabei kommt sie zur Ruhe. Nicht in der Stille des Dorfes. In der Stadt ist auch nie einer, der sie auf irgendwelche Äusserlichkeiten hinweist, wie Mama zum Beispiel. „Also, ob du wirklich mit diesem kurzen Jupe unter die Leute willst? Da wird Frau Blöchlinger wieder Ohren und Augen machen! Und Herr Weber wird Gerüchte über dich verbreiten, deren Inhalt ich mir gar nicht erst vorstellen möchte.“ Ihre Mama würde es ja sowieso nicht mitkriegen, denn die Regeln der Kommunikation im Dorf sind strikt. Nicht nur der Betroffene erfährt nichts, sondern auch die nahen Angehörigen. Das hat schon zu vielen Familienkrisen geführt. Denn wird man überall mit grossen Augen angeschaut oder verstummen gar die Gespräche, wenn man Menschen passiert, dann weiss man, dass man selbst oder irgendwer in der Familie Grund für Getratsche liefert. Was zur Folge hat, dass dann Frauen ihre Ehemänner ins Verhör nehmen und aussperren, Kinder unbegründet Hausarrest erhalten und sonstiges in der Art. Ein Teufelskreis.

Aber ich schweife ab. Denn wir sind ja bei Viola, die das Stadtleben zumindest tageweise lieben gelernt hat. Und so hat sie dann schlussendlich auch Felix kennengelernt. In einem Park am See hat er sie angesprochen und auf einen Kaffee eingeladen. Im Dorf könnte man das so nie und so sagte sie spontan zu. Es hat sich dann lustigerweise herausgestellt, dass er am anderen Ende desselben Kantons wohnt, aber ebenfalls ein Landei ist und mit der selben Leidenschaft Tagesausflüge in Städte macht wie sie. Das, neben scheinbar tausend anderen Übereinstimmungen, hat sie schliesslich zusammengebracht, nachdem sie sich fünfmal getroffen haben, immer in einer anderen Stadt. Nun sind sie seit einem Jahr zusammen und haben beschlossen, gemeinsam in die Stadt zu ziehen, die in der Mitte ihrer beiden Orte liegt.

Die Reaktionen sind bisher sehr verschieden ausgefallen. Felix hat bereits alleine gewohnt, bei ihm fiel das Urteil nicht so streng aus. Einzig Warnungen, die Stadt berge gefährliche Dinge wie Drogen, Alkohol und Komsumsucht, nicht zu vergessen der ganze Smog werden ihm nachgeworfen. Er wird auch nicht besonders häufig gefragt, weshalb er denn wegziehen möchte, denn er hat ja schliesslich in der Stadt Jura studiert, so ist es gerechtfertigt, dass er auch irgendwann in die grosse weite Welt ziehen wird. Viola muss da einiges über sich ergehen lassen. Bisher hat sie nämlich bei ihren Eltern im Haus gewohnt. Sie hat zwar keine Ahnung, was das Dorf redet, und ihre Familie sowieso nicht, aber die stellt schon genug Fragen, insbesondere ihre Mutter. Sie möge Felix ja sehr, aber ob er sie nicht in die Stadt locken wolle, damit er sich als Anwalt verwirklichen kann und er jemanden an seinem Herd hat. Oder ob er sie von ihrer Familie trennen will. Oder, oder, oder.

Sie hat die Nase am Tag ihres Auszugs gestrichen voll. Das ganze Dorf steht auf der Strasse im Quartier, scheinbar besuchen alle ganz zufällig die Nachbarn und schauen auffällig unauffällig hinüber. Felix und sie rackern sich ab, ihr Bruder und seine Freundin sind netterweise extra aus dem Nachbarsort zum Helfen hergekommen. Die Eltern sind ins Wochenendhaus zwei Dörfer weiter gefahren. Als Viola eine Kiste auf den Fuss fällt, sie laut aufschreit und die gesamte Dorfbevölkerung synchron zusammenzuckt und sie vorwurfsvoll anstarrt, weiss sie, dass sie innerlich mit diesem Dorf abgeschlossen hat und lässt ihren Kragen platzen.

Sie erhebt sich, steht mitten auf die Strasse und schreit: „So. Um eure hirnverbrannten, mit Idiotie und Irrsinn geschmückten Spekulationen ein für allemal vom Tisch zu räumen: Der wahre Grund für meinen Wegzug aus diesem von zürückgebliebenen, hirnlosen Monstern bewohnten Dorf ist einfach: Es ist so STILL hier, ich werde wahnsinnig! Hört mal hin. … Es ist so still, ich habe nachts all eure Katzen kotzen gehört! Das ist der Grund! Und wisst ihr was, würde ich weiter hier wohnen, würde ich gleich mitkotzen. Nacht für Nacht. Lebt wohl.“ Stille folgt. Eine Katze kotzt an den Strassenrand. Mitten am Tag.

Es wird im Dorf niemals ein Wort über diesen Zwischenfall verloren. Die Katzen, die werden jedoch weniger und weniger und zehn Jahre später findet man keine einzige mehr von ihnen.

Danke an den heutigen Titelspender: Reto Fischer

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2 Kommentare zu „Ich hab nachts die Katzen kotzen gehört

  1. Ich wohne auch in einemDorf.Nachts ist die Stille dort betrügend.Kein einziges Auto fährt in der Nacht vorbei.Als ob alleMenschen ausgewandert sind,und ich lebe allein in dem Dorf.

  2. Eine sehr schöne Geschichte!Ich lebe auch in einem stillen Dorf.Nicht ein einziges Auto fährt nachts durch meine Straße. Oft frage ich mich,ob die Menschen denn alle ausgewandert sind?

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