Der Spalt in der Wand.

Valerie fühlte sich glücklich, als sie auf dem Balkon ihrer neuen 4 Zimmer-Wohnung stand, mit Sicht über die ganze Stadt. Direkt auf den See, der gerade an jenem Abend in eine wunderschöne Stimmung gebettet war, so dass sie neben Glück eine Welle der Liebe, Dankbarkeit und Überwältigung spürte. Ein Gefühl, das sie schon lange nicht mehr so intensiv gefühlt hatte.

Was war sie doch für ein Glückspilz! Sie hatte alles erreicht, was sie sich erträumt hatte. Und das mit achtundzwanzig Jahren. Sie war in der Schule immer eine der besten gewesen, aber sie hatte sich dafür nie sonderlich anstrengen müssen. Sie hatte viel mehr in die Zeit mit ihren Freunden gesteckt damals. Für die Ausbildung als Kauffrau hatte sie dann etwas mehr Energie aufgewendet und sie locker als Landesbeste abgeschlossen. Sie hatte sehr schnell eine gute Stelle als Assistentin des Geschäftsführers einer grossen internationalen Firma gefunden, hatte sich nach ein paar Jahren intern einen Weg in den Marketing-Bereich gebahnt, worin sie als ausserordentlich talentiert galt, und was ihr sogar eine Weiterbildung gesichert und sie für ein Jahr nach Amerika verschlagen hatte. Dort hatte sie dann mit vierundzwanzig ihren jetzigen Ehemann kennengelernt. Martin war ebenfalls Schweizer und war für seine Anwaltskarriere für drei Jahre in New York zur gleichen Zeit. Zusammen waren sie nach Hause zurückgekehrt und hatten sich sogleich gemeinsam eine Wohnung gesucht. Vor einem Jahr dann hatten sie geheiratet und sich diese makellose und wunderschöne Wohnung geleistet, die scheinbar so perfekt zu ihnen beiden und ihrem perfekten Leben passte. Sie war wohl der glücklichste Mensch auf der Welt.

Oder?

Sie spürte an diesem schönen Abend plötzlich wieder dieses unangenehme Kribbeln in der Magengegend, gekoppelt mit einem kleinen Aussetzer ihres Herzens und einem Engegefühl um den Hals. Das kannte sie ja zum Glück, dass ihr Herz zwischendurch etwas aus der Reihe tanzte. Früher war sie überzeugt gewesen, dass es mit ihr sprach. In der letzen Zeit kam es wieder häufiger vor, dass es hüpfte. Seit einigen Wochen hatte sie nun diese komischen Gefühle. Alles hatte mit diesem Spalt in der Wand angefangen, hinter der einen Türe, die immer offen stand. Er war Martin und ihr bei der Wohnungsbesichtigung entgangen und sie war fürchterlich erschrocken, als sie ihn vor drei Wochen entdeckt hatte. Martin war nicht da gewesen. Was auch gut war. Denn was da mit ihr geschehen war, konnte nicht einmal sie selbst verstehen. Bis heute nicht. Sie war sauer geworden, dass sie ihn nicht gesehen hatte. Sie war sauer geworden, dass Martin ihn nicht gesehen hatte. Sie war traurig geworden, dass sie diese Tatsache sauer machte. Und irgendwie war sie plötzlich nicht mehr sicher, wer sie eigentlich war und fühlte sich furchtbar eingesperrt. Dem war ein fürchterlicher Tränensturz gefolgt und sie war für einen kurzen Moment völlig zusammengebrochen, bevor sie sich schnell wieder aufraffte, die verheulten Augen mit Schminke retuschierte, als Martin von seinem Arbeitstag nach Hause gekommen war. Er hatte den Spalt sogleich flicken lassen und die Sache war für ihn gegessen. Eine kleine Spur war da aber noch immer.

Und nun? Valerie wurde den Spalt nicht mehr los, er hatte sich in den vergangenen Wochen ständig ausgebreitet und sich in jegliche Bereiche ihres Lebens geschlichen. Sie wunderte sich immer öfter, ob ihr Leben wirklich so makellos war, wie sie glaubte. Sie fragte sich, ob ihr Leben das war, was sie wollte. Sie machte sich auf die Suche nach Spalten und Ritzen. Überall. Plötzlich ploppten ihre alten Freunde in Erinnerung, die sie irgendwann zwischen Karriere und Ehe vergessen hatte. Sie vermisste sie schrecklich. Klaus, ihr bester Freund, ihn hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen, aus Rücksicht zu ihrem eifersüchtigen Martin. Mit ihm hatte sie immer das Gefühl gehabt, am richtigen Ort zu sein. Mit ihm hatte sie sich frei gefühlt wie ein Vogel. Sie vermisste dieses Freiheitsgefühl. War sie glücklich in ihrer Ehe? Oder lebte sie sich vor glücklich zu sein, weil man das in ihrer Situation sein musste, wenn man schon so ein perfektes Leben in Wohlstand und Glück leben durfte? Ihre Eltern waren so stolz auf sie, dass sie so viel mehr als sie geschafft hatte. War ihr Weg nicht der logische und einzige Weg auf unserer Welt?

Aber wollte sie das überhaupt? Als kleines Mädchen hatte sie immer davon geträumt, die Welt zu verändern und ganz viel Liebe in die Welt zu bringen. Sie hatte jeden Morgen die Sonne begrüsst und abends die Sterne und den Mond, hatte die Bäume und Pflanzen gegrüsst und jedem ein Lächeln geschenkt, der eines wollte oder auch nicht. Sie hatte sich so frei gefühlt dabei. Bis ihre Mutter sie einmal ausgelacht hatte, als sie einen besonders schönen Baum im Wald umarmt hatte und ihm zugeflüstert hatte: „Ich liebe dich.“. Ihre Mutter hatte so hysterisch gelacht, dass ihr angst und bange geworden war. Sie hatte Valerie als „kleines naives Dummchen“ bezeichnet und diese hatte seitdem nie mehr eine ähnliche Äusserung gemacht, sich distanziert und sich ganz einem angepassten Leben in ihrer Familie und ihrem Umfeld gewidmet. So, wie man das halt macht. In der Schule hatte sie eigentlich nur viele Freunde gehabt, weil sie dachte, es sei wichtig, viele davon zu haben. Ausbildungen wollte sie stets gut abschliessen, um im Lebenslauf gut dazustehen. Marketing war spannend, aber sie war diesem Pfad nur gefolgt, weil sie dafür Anerkennung erhielt. Martin hatte sie nie so geliebt, wie sie als Mädchen die Bäume geliebt hatte. Oder eben Klaus, ihren Liebling.

Sie spürte den Spalt. Sie spürte, dass er sich täglich vergrösserte und öffnete. Er zog sie mit aller Macht an. Sie spürte es so sehr, dass sie sich an jemem Abend vom Balkon in die Wohnung begab, noch immer berührt von der Schönheit der Stimmung und automatisch zum Telefonhörer griff. Sie wählte intuitiv die einzige Nummer, die sie noch immer auswendig konnte.

„Klaus, hier ist Valerie. Erinnerst du dich an mich? Können wir uns treffen?“ – „Ich habe mich schon gewundert, wann du endlich anrufen würdest.“

Und dann veränderte sich ihr Leben für immer.

Danke an den heutigen Titelspender: Gerald Weber

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s