Eine Momentaufnahme.

Eine leichte Brise zerzauste ihre Haare. Wo war die Sonne auf einmal geblieben? Sie drehte sich, auf der Wiese liegend, auf den Rücken, um die gelbe Kugel am Himmel zu suchen. Alles, was sie jedoch vorfand, waren hellgraue Wolken, die sich heimlich hinter ihrem Rücken angeschlichen hatten. Sie schloss den Reissverschluss ihrer Wolljacke und zog ihren weissen, kuscheligen Schal etwas enger. Die Temperatur sank mit dem Verschwinden der natürlichsten und wunderbarsten Heizung der Welt und befand sich nun genau auf der Grenze zwischen gerade noch tragbar und leicht zu kühl. Wenn sie im einen Moment etwas fror, verflüchtigte sich dies im Nächsten wieder und die wohlige Wärme stellte sich ein, kurz bevor sie erneut durch eine leichte Gänsehaut abgelöst wurde, die nach einigen Atemzügen der Wärme wieder wich. Wohltuend, diese frische Luft.

Genau richtig eingepackt konnte sie sich ungestört wieder in ihre Lektüre vertiefen und mit dem Helden zusammen den Brief seiner Geliebten verschlingen, wobei ihr mehrmals eine kleine Träne über die Klippe des Auges entwich und auf die Wange fiel oder ihr gar ein leises Lachen entwischte. Auf der Wiese befanden sich jedoch nicht viele Menschen, die ihr Lachen hätten aufschnappen können. Ein Hippiepaar, das seit Stunden abwechslungsweise auf einer Hippiegitarre übte, auf seiner bunten Hippiedecke sitzend, einer spielte, der andere hörte zu. Ein Vater mit seinem Sohn, die eifrig um einen Fussball kämpften, nur um ihn danach wieder loszuwerden. Zweimal galt der Pass, ob gewollt oder nicht sei dahingestellt, sogar ihr und mit all ihrer Kraft kickte sie ihn liegend und erstaunlich zielsicher zu ihnen zurück, worauf sie sich überlegte, ob sie nicht eine Fussballkarriere beginnen sollte. Sie fühlte sich immer dann etwas bedroht, wenn die leuchtend grüne Jacke des Jungen sich seitlich in ihr Blickfeld schlich und lebte in der steten Erwartung, dass sie der Ball treffen könnte. Ein Flugzeug durchzog exakt über ihr die hellgraue Himmelswand und sie wunderte sich, wohin die Passagiere wohl flogen.

Der Held und seine Geliebte riefen nach ihr und fesselten sie wieder in der Zeit des zweiten Weltkrieges und sie fuhr fort, mit ihnen mit zu leiden und so verlor sie sich gänzlich und bemerkte erst im letzten Moment die Gestalt, die sich links von ihr näherte und deren Lächeln offensichtlich ihr galt. So hoffentlich auch die weisse Schachtel in seiner Hand, dachte sie, als sich ihr Blick kurz senkte und sie unumgänglich und wie ein Reflex die herrlichsten Süssigkeiten darin vermutete. Er sah gut aus. Er trug seinen braunen Wintermantel, der bei diesem Wetter gerade noch angemessen war, seine khakifarbene Schlabberhose und einfache Turnschuhe. Seine Brille schmückte sein entspannt aussehendes Gesicht und seine Haare standen wie üblich in alle Richtungen. Sie schrien fast schon nach ihrer Hand und sie beschloss heimlich, die Gelegenheit bald zu nutzen. Seine Tasche warf er mit Schwung neben ihre auf das Grün, zog seinen Mantel in Windeseile aus, legte ihn neben ihrer eigenen Manteldecke auf die Wiese und setzte sich darauf, um ihr die Schachtel mit Dessert zu übergeben, sie herzlich zu umarmen und hallo zu küssen.Voller Vorfreude beschrieb er, was sich in dem weissen Karton befand und als sie ihn öffneten, wurden alle ihre Erwartungen an süss, lecker und ungesund wahrlich übertroffen. Er ass das Meiste und sie schob sich nur zwischenzeitlich das eine oder andere Stück in den Mund.

Er legte sich schliesslich zufrieden auf den Rücken und streckte voller Verlangen seine Arme nach ihr aus, um sie herzlich in sie zu schliessen und so lag sie rechts neben ihm, ihr Kopf nahe bei seinem auf seiner Schulter ruhend, seinen rechten Arm hatte er um sie gelegt. Seine linke Hand wanderte zwischen ihrer Taille und ihrer rechten Hand, die auf seinem Bauch auf dem weichen Stoff seines schwarzen Pullovers ruhte, hin und her. Sie hob ihren Kopf und küsste ihn auf die noch süsslich schmeckenden Lippen. „Mmmh, das ist ein feines Dessert vom Dessert.“ Er schmunzelte. „Es gibt dann noch ein Dessert vom Dessert vom Dessert.“ Sie mussten lachen und lagen Stunde um Stunde gemütlich beisammen auf der Wiese und vergassen die Welt um sich herum. Sie hielten sich, redeten über wichtige Dinge, quatschten über belanglose Dinge, lachten über skurrile Dinge und fühlten sich sicher und geborgen in den Armen des anderen. Sie kannten nichts als den Moment. Die Zeit war irrelevant.

Erst als sie sich zur nahe gelegenen öffentlichen Toilette begab und ihr auf dem Weg zurück zu ihm auffiel, dass sich der Schatten des nächsten Baumes genau über das Nest der beiden gelegt hatte, war es Zeit zu gehen. Sie packten ihre sieben Sachen zusammen, zogen ergeben die Mantelkragen hoch und spazierten los. Sie setzen sich auf eine Mauer am See um den weiteren Verlauf des Abends zu besprechen. Er vermutete die Zeit und lag exakt um eine Minute daneben. Er grub seine Hand zielsicher in seine linke Manteltasche und brachte sie um zwei Gegenstände reicher zurück an die frische Seeluft. Er nahm eine Zigarette aus der orangen Schachtel, steckte sie sich in den Mund und zündete sie mit seinem weissen Feuerzeug an, wobei er mehrere Versuche benötigte und seine andere Hand schützend gegen den Wind hielt. Dann zog er tief ein und wartete, bis das Nikotin des ersten Zuges seine Wirkung zeigte.

Als ein Grüppchen lustig aussehender Menschen auf der anderen Seite des Platzes an ihnen vorbeiging, konnte er sich einen beobachtenden Kommentar nicht verkneifen, was eine Miniatur-Argumentationsreihe mit sich zog, kombiniert mit sinnlosen Reimereien und sie kugelten sich regelrecht vor Lachen. So verbrachten sie seine Zigarette lang und einige Minuten mehr mit Reimen und Lachen. Erst als wieder Ruhe eingekehrt war und ihr Fokus wieder hinaus in die Weiten des Sees wanderte, erhoben sie sich schliesslich und schlenderten Hand in Hand in den noch ungeschriebenen Abend, um ihn mit ihrer Zweisamkeit bis an den Rand und noch weiter zu füllen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s