Loslassen

Letzthin im Bus sass hinter mir ein Kind mit seiner Mutter – ich weiss bis heute nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Jedenfalls hat es seiner Mama von einer Geschichte erzählt, die es im Kindergarten oder in der Schule gehört hatte. Als mein Fokus auf seine Stimme fiel, war die Geschichte leider schon zu Ende. Ich hörte nur noch wie es seine Mutter belehrend wissen liess, was es daraus gelernt hatte: „Weisst du Mama, Freunde soll man nicht verletzen. Und Pflanzen sind auch Menschen.“

Ich musste mir ein Lachen verkneifen und hoffte auf mehr Weisheiten von diesem zauberhaften Stimmlein, doch die beiden verliessen Hand in Hand den Bus an der nächsten Haltestelle. Schade. Doch wie so oft im Leben, sind solche tiefgreifenden Momente, die einen innehalten lassen, die einen zum lachen, zum weinen, ja, zum fühlen bringen, auch nur da, um sie nachher wieder loszulassen.

Apropos Pflanzen, die auch Menschen sind. Menschen sind ja auch Tiere. Gewohnheitstiere. Drum wird von uns das Loslassen doch so oft als etwas Schlechtes verurteilt, oder nicht? Loslassen weckt in uns Assoziationen wie „Verlust“. „Veränderung“. „Angst“. Wenn ich loslasse, bin ich plötzlich alleine. Wenn ich loslasse, verliere ich alles, was ich mir mühsam aufgebaut habe. Wenn ich loslasse, geschehen als Folge ganz schlimme Dinge. Wenn ich eine Sache loslasse, ist sie für immer weg. Wenn ich einen geliebten Menschen loslasse, vergesse ich ihn und noch schlimmer, er vergisst mich und ist ebenso für immer weg. Würden wir also gemäss unserem lieben Gewohnheitstier alles loslassen, stünden wir wohl ziemlich schnell in einem luftleeren Raum, allein, ohne Liebe und Zuwendung, jeglichen Sinnes entledigt.

Aber lassen wir die Hüllen fallen und schälen uns aus der Haut des Gewohnheitstieres, könnten wir ja einmal ehrlich zu uns selber sein. Können wir unter Umständen nicht auch erst fliegen lernen, wenn wir loslassen? Wie kann ein junger Vogel fliegen lernen, wenn er eines Morgens nicht frisch fröhlich aus dem Nest springt, ohne recht zu wissen, was er da tut? Wie will sich ein Leben verändern, wenn wir an unserem Alltag festhalten? Wie wollen wir neuen Abenteuern Raum schaffen, wenn wir uns an alte Gewohnheiten klammern, die vielleicht diejenigen Schurken sind, die uns täglich unsere Unzufriedenheit auf dem Silbertablett servieren? Wie wollen wir vorwärts marschieren, wenn unser Rucksack grösser und schwerer ist als wir selbst?

Das Leben braucht Bewegung. Es beschenkt uns mit Situationen, Gelegenheiten und Begegnungen, reiht Moment für Moment sorgfältig aneinander, um uns zu bereichern. Was wir aus ihnen machen, ist uns überlassen. Ob wir sie einfangen wollen, sie in eine Form packen und festhalten, um sie danach umso mehr zu verlieren und um sie trauern, oder ob wir sie geniessen, ihre Einzigartigkeit erkennen und schätzen, sie frei lassen und das Schöne und Wichtige daraus für uns tief einatmen. Ob wir sie leben, lieben und bis in die letzte Millisekunde auskosten oder ob wir sie hinterfragen und verpassen, sie in ein Schema pressen und zerstören.

Loslassen heisst, etwas Neuem, das unter Umständen viel besser zu uns passt und viel schöner ist, Raum zu geben. Loslassen heisst ja sagen. Ja sagen heisst leben. Das heisst nicht, dass es immer einfach ist. Aber es lohnt sich.

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Ein Kommentar zu „Loslassen

  1. Ich kann oder muss loslassen, was ich festgehalten habe, an dem ich mich festgehalten habe oder was mich festgehalten hat. Wenn es in irgendeiner Form mit Besitz verbunden ist, wird es meist schmerzen. Mit Liebe ohne Besitzansprüche verbunden, sollte das Loslassen eigentlich aus der Liebe heraus schmerzlos möglich sein. Und doch – wenn ich es mir überlege – wird das nur selten eintreffen. Weil die selbstlose Liebe als Voraussetzung dazu sehr schwierig zu erreichen ist. Es stellt sich die Frage, ob ich dem Schmerz des Loslassens auszuweichen vermag, sei es, indem ich mich nie an etwas, an jemandem halte, mich nie halten lasse und keine tiefere, verbindliche Bindung zulasse, oberflächlich bleibe oder das Leben mit andern an mir vorbei gehen lasse oder es schaffe, lediglich im Jetzt zu leben.
    Der Verzicht auf verbindliche, tiefe Nähe ist mir zu gross. Denn diese ist mir ein sehr wichtiger, entscheidender Teil eines lebenswerten Lebens und nur im Moment zu leben, das schaffe ich wahrscheinlich nicht.
    So bleibt mir das Bewusstsein möglicher Schmerzen des Loslassens. Der Zauber der verbindlichen Nähe sagt mir, es ist immer lohnenswert. Die Hoffnung auf dauerhafte, starke Nähe , die keine Schmerzen verursacht reist mit.
    – Danke für den Gedankenanstoss. –

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