Geschichten aus dem Zug – Die Kunst des Essens

Ich liebe Zug fahren. Es gibt keinen schöneren Ort, um abzuschalten. Für mich ein Zeitfenster, wo ich nicht herumrennen, nicht aufräumen, nicht putzen nicht arbeiten, nicht einkaufen, mich nicht um Sachen kümmern muss. Ein faszinierendes Spektakel, einzusteigen, zu warten und wenn ich aussteige bin ich an einem ganz anderen Ort. Manchmal lese ich. Manchmal höre ich Musik. Manchmal träume ich vor mich hin. Manchmal rege ich mich auf und manchmal schlafe ich fast ein. Es gibt wohl nur eines, das ich im Zug nicht so wahnsinnig gerne tue. Essen. Ob es daran liegt, dass ich während dem Essen nicht gern mit grossen Augen aus gefühlten 10 cm Abstand beobachtet und analysiert werde oder ob es an den komplizierten Sandwiches liegt, die es am Bahnhof zu kaufen gibt, sei dahin gestellt. Weshalb sind die eigentlich immer so kompliziert überfüllt mit allem, und dazu noch völlig überteuert? Früher waren sie zwar überteuert und man musste den Inhalt fast suchen, aber man konnte sie zumindest essen. Heute ist halt die Konkurrenz gross. Wahrscheinlich alles Verhinderungstaktik der SBB? In den Arbeitsverträgen der Angestellten Sandwichmacher/-innen und -verkäufer/-innen wird wohl stehen: „Zur Sauberhaltung der Züge ist es Pflicht des Arbeitnehmers, die Sandwiches so kompliziert wie möglich zu gestalten (siehe Dokument im Anhang, da sind auf 200 Seiten einige wenige Vorschläge darauf zu finden.), so dass der Passagier a) es nicht wagt, das Sandwich im Zug überhaupt anzurühren und sich somit solidarisch gegenüber dem Putzpersonal verhält, oder b) eine solch umfangreiche Sauerei veranstaltet, dass er eine Busse erhält und so die Finanzabteilung subventioniert.“ Fraglich, ob die Brote in drei Jahren überhaupt noch in die Züge passen.Naja, mein Gegenüber scheint ein b)-Mensch zu sein. Ein auffällig attraktiver Mann, der sich zu mir in das Abteil gesetzt hat, packt aus seiner verdächtig aussehenden Papiertüte die Spitze eines Eisbergs aus und beisst herzhaft hinein. Er sitzt mir nicht direkt gegenüber, sondern schräg links – mein direktes Gegenüber sind seine schwarze schlichte Umhängetasche und seine ebenfalls schwarze Jacke, die zu seinem Wollpullover passt, der ihm ausgezeichnet steht und seine schönen braunen Augen wunderbar erstrahlen lässt und dessen Ärmel lässig hochgekrempelt sind, so dass seine schönen geschmeidigen Hände noch besser zur Geltung kommen. Hach. Ich schweife ab. Nun gut, ich wende mich der vorbeifliegenden Landschaft zu und bin in Gedanken beim Kurs, den ich gleich assistieren werde, ein neuer kleiner Nebenjob, der mir sehr viel Freude bereiten wird. Das weiss ich in dem Moment jedoch noch nicht und darum bin ich etwas nervös. Als ich mit meinem Blick wieder kurz das Innere des Zuges mustere, muss ich fast losprusten. Der gute Schönling kämpft verbissen mit seinem Sandwich und aus dem Augenwinkel sehe ich ein suizidales Salatblatt zu Boden fliegen und gefährlich nah bei meinem linken Schuh zu landen. Mein Schönling hält kurz inne und als er realisiert, dass ich scheinbar nichts gesehen habe (er kann ja nicht ahnen, dass Frau alles sieht) kämpft er weiter. Vorsichtig und möglichst unsichtbar ziehe ich den Fuss etwas näher zu mir. Brotkrumen verteilen sich überall und einige lassen sich auf eine verstrickte Liaison mit dem Wollpullover ein. Des Schönlings Mundwinkel sind voller Sauce und den Boden will ich erst gar nicht sehen. Kurz vor der nächsten Haltestelle beendet er sein Mahl und verlässt den Zug.
Ich stelle mir vor, wie ein Drittel des Sandwiches erfolgreich jubelnd im Magen empfangen wird, das zweite Drittel zwischen seinen Zähnen steckengeblieben um Freiheit schreit und das dritte Drittel sein bitteres Ende auf dem Boden im Zug gefunden hat. Beim Aussteigen kann ich mich nur angestrengt davon abhalten, kurz anzuhalten und meine Schuhsohlen nach monströsen daran hängen gebliebenen Salatblättern oder Tomatenstücken abzusuchen.
„Wie esse ich unterwegs ein kompliziertes SBB Brot, ohne aufzufallen.“ – Das wär ein Workshop wert!

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