Geschichten aus dem Alltag: „Der weisse Weise“

Sie sass in Gedanken versunken und irgendwie traurig am See und beobachtete die Möwen, die im Flug eine Art Choreografie zu kreieren schienen, die jedoch keiner weiteren Verfeinerung bedurfte, da sie einer magischen Perfektion glich. Die Schwäne schienen einen Schönheitswettbewerb abzuhalten, wohl mit dem Ziel, sich von der Aufmerksamkeit der sich am See aufhaltenden Menschen, verwöhnen zu lassen. Wie wohl am Ende des Tages die Quote ausschauen würde, hatte wohl jeder ein Stück Brot ergattern können? Die Enten mischten da fröhlich mit und die Enteriche wurden einerseits auf die Schnelligkeit in der Nahrungssuche getestet und anderseits mussten sie ihre Freundinnen verteidigen, denn da tauchte plötzlich ein ganz frecher Gigolo auf, der sie ihm wegschnappen wollte. So nicht. Sie hatte nicht gewusst, dass Enten anscheinend so besitzergreifend sein können? Neben ihr kicherten ausgelassen ein paar Teenies und überhaupt war der Ort am See mit wärmebedürftigen Menschen überfüllt. Sie versank in ihre eigenen Gedanken und bildete mit ihrer tiefen inneren Traurigkeit den ergänzenden Kontrast zur Aussenwelt. Sie wollte nicht denken. Sie wusste gar nicht in welcher Reihenfolge sie ihren Gedanken überhaupt gerecht werden konnte. Heimlich wünschte sie sich einen Rat.

Plötzlich setzte sich jemand neben sie und liess sie für einen Moment aufhorchen. Ein alter Mann, geschätzt zwischen siebzig und achzig Jahren alt, lächelte sie freundlich an und grüsste sie. Er liess sich elegant nieder und sie hoffte, seine schöne dunkelgraue Hose würde das splitternde Holz der Bank überdauern. Er war sorgfältig gekleidet. Sein Haar war schneeweiss. Er liess die Beine baumeln und lachte durch seine kecke Sonnenbrille mit den orangen Gläsern in die Sonne und dann blitzten seine Augen voller Leben in ihre Richtung.

„Was für ein schöner Tag, nicht?“ lachte er und so begann das Gespräch. Sie staunte über sein Alter, nämlich stolze zweiundneunzig Jahre. Er verbrachte fast jeden Tag am See und sprach mit jungen Menschen. Die jungen Männer waren jedoch nicht ganz so offen wie die jungen Damen. „Was will schon ein alter Sack mit einem jungen Mann reden, der ist doch vom anderen Ufer.“ Und schon schüttelte es ihn wieder vor Lachen. So langsam öffnete sie sich und wandte sich ihm neugierig zu. Er fragte nach ihrem Beruf und als sie ihm ihre Geschichte und den Gründ erzählte, weshalb sie an einem normalen Dienstagnachmittag am See sitzen konnte, meinte er, dass für ihn Zeit keine Rolle mehr spielte. Er ging nie vor Mitternacht ins Bett und am Morgen um fünf Uhr war er wieder hellwach. Das kam noch von früher, als er an der ETH studiert hatte und ein Zimmer für CHF 30.- im Monat bewohnt hatte, da hatte er doch irgendwie zu Geld kommen müssen und war in einer Kegelbahn abends angestellt. „Ich war da einmal und sah, dass der Kegeljunge seine Arbeit anscheinend nicht zuverlässig machte. Ich bot also mich selber an, ihre neue Arbeitskraft zu werden. Sie fragten mich, ob ich Erfahrung habe. Ich verneinte aber sagte, dass ich die Arbeit natürlich gut machen werde und mit meinem Willen schnell fit sein werde. Also bekam ich die Arbeit. Ganz einfach. Und als sie mir zusätzlich anboten, jeden Abend mit ihnen zu essen war ich überglücklich, denn darum hatte ich nie gebeten!“

So erzählte er ihr in einer bezaubernden Bescheidenheit von seiner Zeit an der Uni während des zweiten Weltkrieges, wie er Zürich lieben gelernt hatte – Habt ihr gewusst, dass in Zürich 1’200 Brunnen stehen? Und auf keinem einzigen steht „kein Trinkwasser“. Zürich war von 2001 – 2008 gemäss seines Wissens die angenehmste Stadt der Welt. Heute sei das Wien, doch er war sicher, dass Zürich das als erste Stadt zum zweiten mal schaffen konnte. Er kannte die Route der Street Parade, wusste, wo sich die Römer damals aufgehalten hatten und als er ihr erzählte, dass er während des Krieges dreimal für tot gehalten worden war und jedesmal wieder aufgewacht war, erstaunte sie das irgendwie nicht. Bei dieser Lebenskraft, die der Mann ausstrahlte, war das kein Wunder! Er war auch körperlich fit, früher war er einmal fast Schweizermeister geworden im Sprint, jedoch hatte er sich damals gesagt: „Wenn du drei Goldmünzen an der Wand hängen hast, hast du halt auch noch nicht gegessen.“ …und hatte sich für sein Ingenieur-Dasein entschieden, das ihn an Orte in der ganzen Welt gebracht hatte.

Sie sprachen über dies und jenes und sie fühlte sich irgendwie verstanden und erkannte, dass Zufriedenheit nicht durch Abwägen der Möglichkeiten entstehen konnte, sondern durch das Tun und das Vertrauen, dass es schon alles wird. Er sagte schliesslich etwas Schönes, was sie für sich mitnahm: „Die jungen Menschen vergessen vor lauter sich selber sehen und am Handy hängen oft etwas Wichtiges: Wenn man anderen hilft, dann wird einem auch geholfen.“ Deshalb, schloss er lächelnd ab, setzte er sich jeden Tag zu Menschen und er glaubte einfach nicht, dass es ein Zufall war, dass er meist Menschen mitten in einer Veränderung antraf. Und wenn er dann den Rat eines alten Mannes sprechen lassen durfte, war er glücklich und erfüllt.

Als er schliesslich nach einer geraumen Weile wegspaziert war nahm sie die Sonne, die Wärme, die Schwäne, die Menschen um sich herum mit einem neuen Vertrauen wahr und wunderte sich lächelnd, ob ausser ihr den „weissen Weisen“, wie er einmal von jemandem betitelt worden war, wohl sonst noch jemand gesehen hatte an diesem Nachmittag?

Falls ihn jemand kennt, Hans, den „weissen Weisen“ – sie lässt ihn von Herzen grüssen.

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