Der steinige Weg, einem menschlichen Bedürfnis nachzugehen.

Ja, es ist normal heutzutage, das ist mir klar. Aber trotzdem absurd, bei dem Gedanken daran, dass es eines der natürlichsten Bedürfnisse der Menschheit ist.

Aber Tatsache ist: Willst du in einer Grossstadt, in einem überfüllten Bahnhof oder überhaupt irgendwo, wo sich sicherlich grössere Menschenmassen aufhalten, ein sauberes Klo benützen, dann setzt das das Zücken deiner Brieftasche voraus. Büsche und dergleichen hat es ja garantiert nicht in der Nähe. (Vielleicht steht das sogar im Bauplan drin? „Abroden von Büschen und Bäumen im Umkreis von einem Kilometer zur Sicherstellung der Kundschaft“.) Die Argumente verstehe ich ja auch sehr gut, es ist für Sauberkeit gesorgt und es fühlt sich so im Grossen und Ganzen recht „gut“ an, diese Klos zu benützen. Und ja, wer hat denn schon kein Kleingeld dabei, wenn er sich auf eine öffentliche Toilette wagt in einer Grosstadt wagt?

Naja, jemand wie ich, die abends mitten durch Zürich joggt, mit dem GA in der Hosentasche und dem Schlüsselbund in der Hand. Jemand wie ich, die während des Joggens ein leichtes Ziehen in der Blase wahrnimmt und irgendwann erschöpft am Bürkliplatz ankommt, die Augen nur noch nach einem Schild mit zwei lebensrettenden Buchstaben Ausschau haltend: „WC“. Da, am Schiffssteg! Ein oranges Schild kappt jedoch meine Freude an der Wurzel: „Wegen Umbau geschlossen.“ Nach einer halben Milisekunde Verzweiflung und einer weiteren Sekunde angestrengten Überlegens ist klar, wohin der Weg nun führt: Bellvue. Schnell über die Brücke joggen, kurz – aber wirklich nur kurz – die wunderschöne Züricher Abendstimmung speichern und dann den Fokus auf das Gebäude an der Tramhaltestelle richten und hoffen, dass sich da eine Toilette befindet. Und dem ist so. Hurra!

Einmal ist keinmal aber als meine Freude ein zweites Mal gekappt wird – durch die Aufschrift: „CHF 1.-“ an der Tür und weiter durch meine Erkenntnis, keinen Rappen bei mir zu tragen – wird mir leicht übel. Die Putzfrau, die ich durch die Fensterscheibe sehe, geht ahnungslos ihrer Aufgabe nach. Was nun? Soll ich mein GA oder meinen Schlüsselbund verkaufen, ein Lied singen bis mir jemand etwas Kleingeld gibt oder einfach eines üblen Todes sterben, ausgelöst durch die Explosion meiner strapazierten Blase?

Ebendiese erteilt mir einen klaren Marschbefehl und ich betrete die Räumlichkeit, geschätzt einen Quadratmillimeter an Raum, bevor mir dann die gemeine Drehtür mit Kleingeldschlitz den Weg versperrt. Ich schaue die Installation vorwurfsvoll an und habe das Gefühl, sie grinst schadenfreudig zurück. Warte nur, du… und schon will ich zum Sprung ansetzen und über sie hinüber hüpfen doch das Scheppern der Putzutensilien holt mich zurück in die Realität. Folgender Dialog erfüllt nun die vier blitzsauberen Wände der öffentlichen Toilette am Bellevue:

Ich: Entschuldigen Sie, ich sollte sehr sehr dringend auf die Toilette, bin aber hierher gejoggt und habe kein Geld dabei…
Putzfrau: Ja das ist Pech.
Ich: Allerdings… Hören sie, es ist wirklich sehr dringend und ich habe nicht daran gedacht, Kleingeld einzustecken. Können Sie eine Ausnahme machen? („Meiner Blase und ihrer Versicherung zuliebe“ spare ich mir vorerst für später auf.)
Putzfrau: Ja wissen Sie, ich darf halt nicht! Jeder kann so kommen und mir das auftischen.
(Aha. Ich erkenne ihr Dilemma. Entweder wird sie rausgeschmissen, weil sich die Regeln der Stadt nicht befolgt hat und mich durchgelassen hat, oder sie wird rausgeschmissen, weil auf dem Vorplatz jemand an einer Blasenexplosion draufgegangen ist, weil sie ihr den Zutritt zur Erlösung verwehrt hat. Eine üble Situation. Aber ich gebe nicht auf und neige mich etwas vor.)
Ich: Mir ist das absolut bewusst, ich verstehe ihre Situation und ich bin auch bereit, einen Schlüssel von mir zu hinterlegen und ihnen morgen den Franken vorbeizubringen.
Putzfrau: (Ignoriert dieses faire Angebot, wie ich finde.) Wissen Sie das letzte Mal ist mir auch eine einfach abgehauen. Ich darf das wirklich nicht, wenn das jemand herausfindet, kriege ich ein Problem.
(Ja, und ich kriege ein Problem, wenn ich nicht bald AUF DIE TOILETTE KANN!!!)
Ich: Ich weiss nicht was ich sagen soll, ich kann ihnen nur sagen, dass ich ihnen äusserst dankbar bin wenn sie für mich eine Ausnahme machen und wenn es irgendwie möglich ist, übernehme ich auch die Verantwortung dafür. Sie können mir gern auch ihren Namen sagen und wenn sie morgen hier sind, bringe ich ihnen ein kleines Dankeschön vorbei…. (Ja ist ja gut jetzt, sie hat’s glaub ich geschnallt.)

Ein Licht erscheint am Horizont als sie ihren Schlüssel zückt und sich mir nähert. Sie murmelt ca. dreissig weitere Argumente vor sich hin, während sie mir dann doch Einlass gewährt und ich renne schnell auf mein Ziel zu und feiere meinen Erfolg mit einem grossartigen Gefühl der Erlösung.

Beim Hinausgehen rufen meine Blase und ich ihr nochmals ein „Herzlichen Dank!“ zu und sie wünscht mir sogar einen schönen Abend.

In diesem Sinne: Ein Hoch auf Menschen mit einem guten Herz und einem Gespür für Ausnahmesituationen! Und ich werde das nächste Mal CHF 2.- geben, damit die öffentlichen Toiletten weiterhin so toll sauber sind.

Danke Zürich für dein Herz!

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Gefangen.

Gefangen
innerhalb der Grenzen, die ich selbst um mich herum errichte
in einer gewagten Perfektion

Gefangen
im goldenen Käfig, dessen Gitter ich stündlich
auf deren Stabilität überprüfe

Gefangen
im Gebilde von Regeln, die der doppelten Absicherung aller Regeln willen
mit weiteren Regeln versehen sind

Gefangen
in einem Palast, dessen Haupttür von aussen sowie von innen
mit tausend goldenen Schlössern versehen ist

Gefangen
in einem Weltbild, das ich mir selbst schaffe
und mir einrede, nicht dazuzugehören

Gefangen
auf dem Boden der vermeintlichen Tatsachen, auf dem ich immer wieder bäuchlings lande
nachdem ich mich mir selbst einmal mehr in den Weg gestellt habe und gestolpert bin.

Zeit um frei zu werden

geschrieben am 6.3.2011

Ein Bild spricht: „Der Stier und der fliegende Torero“

Als er sich in der Luft befand, den dumpfen Schmerz des Stosses, den ihm der Stier gnadenlos in den Hintern versetzt hatte, deutlich spürend, schien die Zeit stillzustehen. Das knirschende Geräusch, das die Hufe des Bullen beim Abbremsen erzeugten, gekoppelt mit seinem wütenden Schnauben, war direkt hinter ihm ganz klar zu vernehmen. Der Aufschrei, der sich während des Aufpralls durch die Menschenmenge gezogen hatte, klang ihm noch im Ohr.
Nun, da er irgendwo zwischen Himmel und Erde hing, wurde der Schrei von einer gebannten, erdrückenden Stille abgelöst. Er fühlte alle Augenpaare auf sich gerichtet, in einer solchen Deutlichkeit, dass er überzeugt war, er könne sie zählen ohne hinzuschauen. So intensiv, dass sie ihn mit der Hoffnung füllten, sie könnten es alle gemeinsam schaffen, ihn magisch zu bremsen, bevor er die weisse Mauer vor sich erreichen würde.

In der Ruhe, die sich nun über alles Denkbare gelegt hatte, bemerkte er den Schrei eines Kindes und wunderte sich, was wohl dessen Eltern dazu bewogen haben könnte, jenes unschuldige Geschöpf zu einem gewaltigen Kampf wie diesem mitzunehmen. Falls er ihnen später begegnen sollte, würde er sie fragen. Vorausgesetzt, er lebte dann noch. Und weiter würde er sich die leckeren Crêpes am Hafen gönnen und zwar so viele, bis er keinen Bissen mehr würde essen können. Und weiter würde er seiner Frau sagen, wie sehr er sie liebte. Und weiter würde er endlich das kleine Segelboot kaufen, das er jeden Tag am Hafen passierte. Denn jeden Tag musste er kurz innehalten, um es mit inneren Bildern zu schmücken, die das Boot, sich und seine Frau sowie tausend Sonnenuntergänge beinhalteten. Und weiter würde er den Tag, die Stunde, die Minute, die Sekunde ehren und nichts mehr aufschieben.

Dann wurde es weiss, als die Mauer so nah war, dass er sie riechen konnte. Und dann wurde es schwarz.