…über die eigenen Grenzen hinausgehen.

Was heisst das eigentlich, über seine eigenen Grenzen zu hüpfen, ein bisschen daran zu zerren und einmal über sich selbst hinauszuwachsen?

Wenn ich mir früher bewusst vorgenommen hatte, meine eigenen Grenzen mal wieder ein gutes Stück zu weiten und dehnen und überschreiten – und über das hinauszugehen, was ich bisher kannte – dann erwartete ich meist etwas GROSSES. Ich erwartete eine EINZIGE, EINMALIGE und WICHTIGE Tat von mir, die ALLES sprengen und „AH!“s und „OH!“s von allen Seiten zur Folge haben würde. Ich erwartete, dass ich etwas KOMPLETT UNERWARTETES und total Aussergewöhnliches tun würde, aus dem Nichts und ohne Vorwarnung und damit die Welt dermassen in STAUNEN versetzen würde, dass sie für einen kurzen Moment lang EHRFÜRCHTIG die Luft anhält und mir diesen einen Augenblick schenkt. Ich erwartete Menschen, die mir auf die Schultern klopfen und mich in den Himmel hinauf LOBEN würden, die sich um mich scharen und mir ZU FÜSSEN liegen würden. Ich erwartete von mir etwas, was mir ANERKENNUNG AUF LEBENSZEIT von aussen schenken würde. Aber Moment, wieso eigentlich durch eine Tat? Kann ich das nicht auch einfach so bekommen?

Jaja und dann passiert das, was immer passiert. Das Leben.

„Sehr geehrte Frau Gautschy,

Wir haben Ihr Gesuch um Erfüllung all Ihrer Erwartungen im Bezug auf Ihr Vorhaben „Dehnen der eigenen Grenzen“ erhalten, sowie den zweiten Brief mit der Anfrage um Anerkennung auf Lebenszeit. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass beide Anliegen unsere Kriterien bei Weitem nicht erfüllen und wir sie deshalb nach einer rekordverdächtig kurzen Beratschlagung einstimmig ablehnen müssen. Wir entschuldigen uns herzlich, keine besseren Neuigkeiten für Sie zu haben und wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft.

Freundliche Grüsse,
Sekretariat Ihrer Aussenwelt.

ps. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg auf Ihrem Weg ab von Ihrer Dummheit und Naivität und raten Ihnen, gleich mit beiden Füssen auf dem Boden der Realität zu landen und mal die Lebensschule zu besuchen. Mann, sind Sie doofl!!!“

Naja. Was es heute für mich bedeutet, meine Grenzen zu dehnen?

Wenn ich einen knallroten Schal zu einem knallgrünen Pullover trage – und dazu die unpassenden knallblauen Flipflops. Wenn ich das Glas Wasser, das ein paar Tage, ein paar Nächte und ein paar tote Mücken zu lange neben meinem Bett gestanden hat, nicht brav in den Schüttstein leere, sondern auf Risiko mit Schwung durch das offene Fenster schütte. Prost! Wenn ich extra Knoblauch esse und danach die Zähne nicht putze, obwohl ich weiss, dass ich nachher noch Menschen begegne. Wenn ich jemanden anrufe, ihm meine Wut ins Ohr schreie, die viel zu viel Zeit bei mir vertan hat, mich entgegen alter Gewohnheiten erst vier Tage später entschuldige, um dann zu merken, dass die Welt sich noch immer dreht – und dass es verdammt gut getan hat! Wenn ich meinen Job kündige, ohne zu wissen was als nächstes kommt und ein Jahr später merke, dass ich es überlebt habe. Und wie! Wenn ich das erste Mal eine Weinflasche selbst zu öffnen vermag und dabei innerlich vor Stolz fast platze.

Wenn ich Dinge einmal bewusst anders tue, dabei bemerke, dass ich sie toll oder abscheulich finde und Freude daran habe, das herauszufinden. Wenn ich freudig Neues an mich heranlasse, das ich mir gestern nicht zugetraut habe und bemerke dass ich es heute kann. Wenn ich freudig Neues an mich heranlasse, das ich mir gestern nicht zugetraut habe und kläglich daran scheitere. Wenn ich etwas Altes dreihundertmal innerlich loslassen muss, bis ich ihm wirklich endgültig und mit aller Wucht den Schuh gebe. Wenn ich merke, dass die Welt voller spannender Möglickeiten steckt und ich mich frei entscheiden kann, was als Nächstes kommt. Wenn ich heute an der Kreuzung links abbiege und morgen rechts und übermorgen geradeaus weitergehe. Wenn ich falle und wieder aufstehe. Wenn ich wieder falle und wieder aufstehe.

Wenn mein Heute anders aussieht als mein Gestern. Oft vermeintlich gleich. Ähnlich bunt. Aber neu.

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