Eine kleine Geschichte über das Selbstbewusstsein.

An einem ganz normalen Montagmorgen im Gemeinschaftsraum des teuersten Internats im Land. Es ist wirklich teuer. Die Eingangshalle erinnert an Hogwarts, verfügt aber wohl noch über einige Treppen, Türme und Zimmer mehr. Dies ist sogar nur das Mädchengebäude. Das Gebäude für die Jungs befindet sich auf der anderen Seite des Flusses. Jedes Mädchen hat einen eigenen Kühlschrank in ihrem Einzelzimmer. Die drei Klassenbesten erhalten sogar einen Fernseher, den sie zwischen 18 und 20 Uhr für eine halbe Stunde einschalten dürfen. Ein sehr teures Internat, wo die Schülerinnen und Schüler tagsüber Mathematik und Sprachen, Geografie und Geschichte büffeln und dazwischen vorzu lernen, wie das Leben funktioniert. Soeben sind alle Kühlschränke in den Zimmern der Mädchen überprüft worden. Die Leiterin und ein besonders kleines Mädchen sitzen zusammen am Tisch.

Mit grossen Augen und ungläubigem Blick schaut die sie das Mädchen an.

„Wo ist denn der Kühlschrank in deinem Zimmer?“

Sie antwortet leise, so dass die Leiterin gut zuhören muss, um sie zu verstehen. Aber das tut sie nicht bewusst. Einfach nur, weil es ihre Art ist, leise zu sein.

„Ich habe gar keinen Kühlschrank im Zimmer wie alle andern… Ich habe im grossen Gemeinschaftskühlschrank in der Küche etwas Platz gefunden… in einem kleinen Fach.“

Die Leiterin verschwindet in die Küche und öffnet den grossen Kühlschrank. Darin entdeckt sie im kleinsten Fach ganz hinten eine kleine unauffällige Box, auf der unauffällig ihr Name steht. Sie geht zurück zu ihr und packt sie an der Schulter.

„Du scheinst wirklich nichts dazugelernt zu haben, was? Darüber habt ihr doch erst gestern etwas gelesen. Es hilft dir wirklich nicht, wenn du das Opfer spielst. Ich denke du bist ein kluges Mädchen. Gerade in den Lebensfächern stellst du als Einzige immer Fragen, während die andern Unfug treiben. Aber es käme dir wohl nicht in den Sinn, etwas zu sagen, dir einen Kühlschrank zu besorgen oder mehr Platz zu schaffen? So wie alle andern das tun? Dabei waren wir doch auf einem so guten Weg, dein Selbstbewusstsein zu stärken und du vergisst einfach wieder, was es heisst „selbstbewusst“ zu sein! Was machen wir bloss mit dir!“

Die Leiterin wird nun noch eine halbe Stunde weiterreden, das weiss sie. Darum rückt sie sich die unauffällige Brille, durch deren Gläser ihre traurigen Augen riesig scheinen, auf ihrer kleinen Nase vorsichtig mit ihrem linken Zeigefinger zurecht und erhebt sich, was die Leiterin wiederum dazu veranlasst, verwirrt innezuhalten und sie diese Pause ruhig nutzen kann. Sie redet auch jetzt leise. Aber bestimmt.

„Es ist aber so, dass ich gar keinen eigenen Kühlschrank im Zimmer brauche – und genauso wenig Platz im Gemeinschaftskühlschrank benötige ich. Auch wenn das bei allen anderen so sein mag, ich bin nicht so und will so auch  nicht sein, nur weil alle andern es sind. Darum glaube ich, sehr wohl etwas gelernt zu haben über das Selbstbewusstsein.“

Als sie den Raum verlässt, bleibt die Leiterin noch eine geraume Weile schweigend sitzen.

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Ein Moment mit der fremden Frau.

Da stand sie. An einem vernebelten Dienstagmorgen um ziemlich genau fünf vor acht Uhr. Als sie zum Gleis trat, das Einzige an diesem Bahnhof, schaute sie langsam um sich. Nicht, dass sie das nicht schon millionenmal getan hätte, aber sie staunte jedes Mal aufs Neue. Es war wohl der kleinste Bahnhof der Welt. Neben einem winzigen, wohl früher einmal sattgrünen und heute grauen Unterstand mit leichtem Grünschimmer, den sich eine gespaltene Holzbank mit einem merkwürdig aussehenden alten Billet-Automaten teilte, der so viel Platz in Anspruch nahm, dass sich höchstens drei weitere Menschen im Falle eines Platzregens Unterschlupf sichern konnten – sofern es sich um kurze und schlanke Menschen handelte – befand sich eine mikrige Holzhütte. Wenn man dieses Gebilde denn auch Hütte nennen durfte. Ganz oben beim Dach hing ein Schild, dessen linker Nagel wohl schon länger das Zeitliche gesegnet hatte und man den Kopf folglich um 45 Grad nach links biegen musste, um zu erkennen, dass darauf ein vergilbter Schriftzug zu lesen sein könnte. Kiosk. Links davon ein Zigarettenautomat. Das war alles. Kein Fahrplan, kein Ticketschalter und schon gar keine Toilette, wie sie ärgerlich bemerkte.

Der kleinste Bahnhof des Universums und sie war da. Ein tiefer Atemzug und der Gedanke, dass sie nun wohl das Beste daraus zu machen hätte, liessen sie die paar wenigen Schritte zum Kiosk hinübergehen und das Angebot an Lektüre studieren. Schliesslich hatte sie einen langen Weg vor sich. Sie war ja nicht gekommen. Sie würde gehen. Für immer. Sie hatte sich noch nicht entschieden, in welche Richtung sie fahren würde. Sie würde den ersten Zug nehmen, der kam. Und das könnte dauern, denn sie hatte im Dorfladen zwischen Früchten und Gemüse, mit einer saftigen Tomate in der Hand einmal aufgeschnappt, dass die Züge hier noch immer nur dreimal pro Richtung pro Tag fahren sollen. Sei es so. Ein Wunder dass der Kiosk so früh am Morgen bereits bedient war. Nach gefühlt einer Sekunde hatte sie sich die Titelblätter der angebotenen Zeitungen, die am Kiosk zu finden waren, bereits zu Gemüte geführt und ein kleiner Kloss bildete sich im hinteren Teil ihres Rachens. Im Gegenteil zu wahrscheinlich überall, waren hier aus Platzmangel statt wie üblich mindestens zehn verschiedene lokale, fünf weitere nationale und noch etwa sieben internationale Blättern gerade einmal drei Zeitungen zum Verkauf ausgestellt. Davon die eine von gestern. Und alle regional. Merkwürdig. Sie stellte sich vor, dass die Vertreiber der internationalen und sogar der nationalen Zeitungen diesen Ort für die Auslieferungen versehentlich – oder auch nicht – übersehen hatten oder er aus Spargründen gestrichen worden war. Eine kluge Entscheidung. Eigentlich wollte sie ja alles, was mit diesem Ort und mit dieser Region im Zusammenhang stand, genau hier lassen. Alles, das sie in irgendeiner Art und Weise an das Hier erinnern könnte, sollte bleiben. Aber da sie ja ihren Kopf auch nicht da lassen konnte, hatte sie die Wahl zwischen den tausenden Gedanken, die sie einholen würden, sobald sie im Zug sitzen würde, oder einer Ablenkung in Form von einem Blättchen, das den neuesten Klatsch und Tratsch in – Moment – zwanzig, fünfzehn oder dreizehn Seiten verraten würde.

Sie kaufte sie alle. Auch die von gestern. Sie würde sie alle lesen, vergleichen und schliesslich ihr Lieblingsspiel seit sie lesen konnte daraus machen. Fehler suchen. Man könnte meinen, Journalisten müssten aus Angst vor einer Blamage ihre eigenen Fehler aufspüren, in ihren eigenen Texten, die sie eigenhändig entworfen, eigenhändig verfasst, eigenhändig als gut eingestuft und eigenhändig an die Redaktion weitergeleitet hatten. Anscheinend waren auch Journalisten nur Menschen. Früher hatte sie jeden Abend neben ihrem Vater ungeduldig gewartet bis er ihr den Teil mit Klatsch und Tratsch über dies und jenes abtrat. Er liess sich meist Zeit und nutzte die Chance, wenn sein Töchterlein schon so selten ruhig in seiner Nähe war, sie über Dinge wie Politik, Wirtschaft oder Sport zu langweilen. Sie hörte nie zu. Erst als er ihren glasigen Blick bemerkte, was oftmals eine geraume Weile dauern konnte, und sie ihm auch auf Dinge, die keine Sinn ergaben, ein freundliches Nicken schenkte, gab er nach und warf ihr mit einem Seufzen den Zeitungsteil zu. An Ort und Stelle warf sie sich dann jeweils auf den Boden, legte sich auf den Bauch und winkelte die Knie an um die Füsse in die Luft zu strecken, während sie, am immer kläglicher dreinschauenden Bleistift kauend, Fehler suchte. Und fand. Sie merkte sich die Kürzel der Verfasser besonders fehlerhafter Texte und als diese sich irgendwann auffällig oft wiederholten, legte sie sogar eine Liste an. Bald schon fand sie heraus, wer genau arbeitete und wer nicht. Sie zog Bilanzen, verglich die Resultate verschiedener Zeitungen und machte sich ein Hobby daraus, das sie bis heute immer wieder begleitete.

Der laute Krach von etwas, das sich von irgendwoher auf den Boden gestürzt haben musste, riss sie schliesslich wieder zurück in das Hier und jetzt. Es war das Kiosk Schild, dessen einziger und letzter Nagel sich von seinem Leben als Nagel verabschiedete, nachdem er mehr als ein Jahr lang für sich und seinen Nagelfreund doppelte Arbeit geleistet hatte. Das Schild war flach zu Boden gefallen.
Das war gut so, denn er holte sie wieder in die Gegenwart zurück. Da stand ihr Zug. Sie stieg ein und fuhr weg. Schade eigentlich. Gerne hätte ich gewusst, woher sie kam, die fremde Frau, und wohin sie ging.