Zukunftskaffee

Du kennt diese Momente sicherlich auch, wenn du am Küchentisch gemütlich eine Tasse Kaffee schlürfst, eigentlich ganz zufrieden mit deinem Leben. Denn du hast einen ordentlichen Job, daneben genügend Freizeit für Hobbies und Freunde und eine schöne Wohnung. Und doch meldet sich meist in genau diesen Momenten dieses Gefühl. Ein Ziehen in der Magengegend. Zuerst nur so leicht, dass es einfach zu ignorieren ist. Das tue ich zum Beispiel dann ganz gern. Bis es etwas stärker wird und als es schliesslich nach Aufmerksamkeit schreit und pausenlos an der Türe klingelt, nämlich während besagter Tasse Kaffee in der Küche, muss ich wohl oder übel die Wohnungstüre öffnen und es herein lassen.

Es setzt sich ganz schön zielstrebig zu mir an den Tisch. „Na, du siehst aber zufrieden aus!“ grinst es und schaut mir direkt in die Augen. Ich würde ihm jetzt schon am liebsten die Fresse polieren. Ich versuche, mich auf die Tasse Kaffee zu konzentrieren. „Kriege ich auch eine Tasse?“ fragt das Gefühl nun und ich mache ihm einen Kaffee, übertrieben langsam, in der Hoffnung dass das Gefühl in Eile sei und weitere Termine wahrnehmen möchte. „Ich habe Zeit“, meint es, als ob es meine Gedanken lesen könnte. Natürlich hat es Zeit. Über meinem Kopf bildet sich eine dunkle Gewitterwolke. Mir schwant Übles. „Zucker? Milch?“ – „Schwarz.“ Ich stelle dem Gefühl die Tasse vor die Nase und meide den Blickkontakt. Ich setze mich hin und schlürfe weiter an meinem Kaffee, der mir nur noch halb so gut schmeckt wie noch vor zehn Minuten. „So, dann lass uns doch mal über dich sprechen“, sagt das Gefühl und irgendwie wird mir schlecht. „Warum?“ frage ich und es blitzt über mir aus dem nun fast schwarzen Wolkenturm. Hoffentlich kommt da kein Regen raus, ich möchte meinen Kaffee unverdünnt geniessen. Ich behalte meine Tasse im Blickfeld. „Du sahst eben so zufrieden aus, dass ich mich wundere was deine nächsten Pläne sind. Na?“ Ich schweige und denke einen Moment lang nach. Das Gefühl entschuldigt sich kurz und verschwindet auf die Toilette.

Jetzt wäre meine Gelegenheit. Soll ich aufstehen und davonrennen? Ich könnte aus der Tür und einfach weg und nie mehr wiederkommen! Oder aus dem Zimmerfenster. Ich überlege, wo ich meinen Geldbeutel liegen habe, wo mein Handy, zu wem ich fahren könnte, wen ich im Ausland kenne und ob ich es schaffe, innerhalb der nächsten drei Minuten meine sieben Sachen zu packen und zu verschwinden. Und schon höre ich die Spülung. Mist. Ich frage mich, warum ich unbedingt fliehen will und seufze tief. Natürlich weiss ich nicht, was meine nächsten Pläne sind und wenn ich ganz ehrlich bin, dann will ich auch auf dem bequemen Gaul der Planlosigkeit sitzen bleiben. Nur ein bisschen noch. So zwei drei Jahre?
Vielleicht lässt das Gefühl ja mit sich verhandeln. Ich könnte ihm Geld anbieten, oder meine Wohnung. Oder sonst etwas, was mir Zeit schenkt und womit ich das bevorstehende Gespräch um ein paar Jahre hinausschieben könnte. Was wohl so ein Gefühl gern hat? Essen? Oder eine Uhr? Mein Mitbewohner hat irgendwo eine herumliegen, die könnte ich ihm doch schenken – der merkt das sicher nicht. Oder noch besser, ich könnte das Gefühl zu ihm schicken, da wäre seine Erfolgsquote sicher besser, die kriegen ja sicherlich Umsatzbeteiligungen in der Branche…

Und schon sitzt das Gefühl wieder an meinem Tisch und nippt ruhig an seinem Kaffee. Ich wage einen Blick in seine Augen und es lächelt mich an. „Na, bist du endlich bereit?“ – „äh… nein..!?“ Ich schaue wieder weg. „Na, das habe ich auch nicht erwartet.“, lächelt es. Jetzt weiss ich gar nicht mehr, was ich darauf sagen soll und es donnert mächtig aus der Wolke über meinem Kopf. Also geht es eigentlich noch, solch eine abwertende Aussage zu machen! Blöd bin ich nun ganz sicher nicht! Und schon gar nicht langsam! Herrje, muss ich mich dem Thema denn nun wirklich stellen? Ich will doch gar nicht. Das heisst, eigentlich ist das nicht ganz korrekt. Ich will ja schon. Ich weiss es einfach wirklich nicht. Ich weiss nicht was ich will. Ich weiss nicht, wohin mein Weg führen soll. Ich bewundere Menschen, die eine Zielstrebigkeit an den Tag legen, als wüssten sie schon vor der Geburt, was aus ihnen einmal wird. Menschen, die etwas Neues erfinden, eine Musikerkarriere hinlegen, geborene Schreiner sind, Bücher schreiben oder als Lehrer ihr Glück finden und kompromisslos ihren Traum dessen, was sie glücklich macht und was sie gut können, leben. Ich wünsche mir, ich hätte EINE Leidenschaft, die mein Leben so dominiert, dass ich nicht mit diesem elend nervigen Gefühl hier an einem Tisch sitzen müsste! Ich kann ein paar Sachen ziemlich okay aber ich verzettle mich ständig, weil ich mich nicht entscheiden kann und morgen das, was ich heute noch als Ziel sah, bereits ersetzt und vergessen habe um übermorgen wieder etwas Neues zu finden. Schlimmer als ein junger Hund. Fokus ist nicht meine Stärke. Vielleicht gibt es irgend eine Karriere im Zerstreutheitsmanagement? „Wie entkomme ich der geordneten Einfachheit“. Darin wäre ich gut. Profi. Gewinnerin aller existierenden Preise. Ich höre ständig „mach doch einfach dies, tu doch das.“ Das mache ich ja auch. Heute dies. Morgen das. Lustig ist das ja schon. Aber wohin das führt, weiss irgendwie niemand. Oder?

„Musst du denn jetzt in diesem Moment wissen, wohin dich das alles führt, was du so machst?“ fragt mich das Gefühl und holt mich aus meinen Gedanken zurück in die Realität. Verblüfft starre ich es an und bevor ich etwas sagen kann, ergreift es das Wort: „Natürlich kann ich deine Gedanken lesen, was hast du denn gedacht.“ Es grinst. Blöde Kuh, denke ich. Und es grinst noch breiter. „Vielleicht reicht es, dass du einfach weiterhin das tust, was dir Freude bereitet. Heute dies, morgen das. Vielleicht ist dein Weg keine gerade Autobahn. Vielleicht ist dein Weg einer, der sich durch Täler und über Berge schlängelt. Manchmal musst du ihn vielleicht auch suchen oder es gibt noch gar keinen und dann musst du ihn dir halt machen. Aber es ist deiner! Und irgendwo kannst du zurückblicken und weißt genau, warum du an jener Abbiegung links gegangen bist und warum dein Weg so ist wie er ist und du ihn manchmal als ziellos empfunden hast. Vertrau darauf und geh einfach weiter.“ Ich schaue dem Gefühl nun in die Augen und es ist gar nicht mehr so gefährlich, wie am Anfang, nein eigentlich wirkt es ganz freundlich. „Hm. Und ich dachte, du gehst nicht bevor ich dir einen Plan präsentiere…“ Das Gefühl lacht schallend und meint: „Pläne sind gut, aber noch wichtiger ist, dass Taten da sind. Du kannst noch so lange Pläne schmieden, wenn du sie nicht umsetzt sind sie wertlos. Ich wollte dich nur daran erinnern.“

Bevor ich eine kluge Antwort formulieren kann, bedankt sich das Gefühl für den Kaffee, steht auf und geht. Ja, und dann ist es wirklich einfach wieder weg. Zumindest für den Moment. Die sind ja so zuverlässig und laden sich stets erneut selbst zum Kaffee ein. Wie viel es wohl für diesen Besuch verdient? Vielleicht wäre das auch eine Richtung, die ich einschlagen könnte… „Diplomiertes zukunftsorientiertes Ziehen im Magen“. „Master of Zukunftskaffee“. Oder so. Wir werden sehen. Einen Schritt vor den andern.

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