Kabarett Tagesschau!

Vorhin kam mein Mitbewohner aus seinem Zimmer und kündete an, dass er Tagesschauen lustig fände. Es bedurfte eines kurzen Moments des Innehaltens meinerseits, welches mit meinem zustimmenden Nicken abgerundet wurde. In der Tat sind Tagesschauen eine durchaus kurlige Angelegenheit! Mein Mitbewohner umschrieb sie als „zwölfminütiges Kabarett über den Tag.“ Ich ging dem noch etwas nach und erinnerte mich an die Zeiten, als ich mir selbst noch die Tagesschau zu Gemüte führte. Heute besitze ich nämlich gar keinen Fernseher mehr.

Schon als Kind habe ich mich nämlich gerne um 19:25 Uhr vor den Fernseher gesetzt, um das Familienabenteuer Tagesschau einzuleiten. Gleich nach dem Werbeblock, der mich stets zu Ratespielen animierte, erklang die pompöse Anfangsmusik, die auch meine Mutter aus dem Badezimmer auf das Sofa lockte. Vielleicht lösen solche Tagesschau-Jingles bei mir deshalb heute noch ein wohliges Gefühl aus. Es hatte fast schon etwas Rituelles. Ein Moment des Zusammenkommens. Das Tagesmekka. Dabei interessierte ich mich meist nicht so sehr für das, was erzählt wurde. Das war ja sowieso jeden Tag gleich schlimm. Diesen Filter habe ich mir irgendwann einmal installiert, weil ich fand, dass das alles immer so negativ dargestellt war und ich danach nicht mehr schlafen konnte, weil ich traurig war. Die Welt konnte doch nicht so schlimm sein, als dass man nur negative Ereignisse in eine so neutral klingende „Tages-Schau“ einband. Ich wollte aber auch nicht auf das Familienzusammensein verzichten.

Also machte ich mir die Tagesschau zur Studie. Mich interessierte, wie oft die Sprecherin oder der Sprecher seine Augen auf das Blatt, das er in seinen Händen hielt, senkte, ob die Hände zitterten, wie stark die Gesichter geschminkt waren, welche Kleider sie trugen, bzw. welchen Grauton, ob die Frisur sass, wie reibungslos die Übergänge von Studio zu Aussenkorrespondenz lief und wieder zurück. Ich hielt die peinliche Stille manchmal kaum aus, wenn bei einer Live-Schaltung eine dermassen zeitraubende Verzögerung passierte, dass weder Aussenkorrespondent noch Sprecher wusste, wer jetzt als nächstes redete und erst, nachdem beide dreimal gleichzeitig zu sprechen begonnen hatten, fanden sie ihren Rhythmus – und ich konnte wieder atmen. Diese Spannung war schlimmer als in jedem Krimi! (Anm. der Autorin: Natürlich durfte ich in dem Alter keine Krimis schauen.) Was war ich erleichtert wenn alles wieder nach Plan lief.

Ich wunderte mich, ob sie auswendig gelernt hatten, was sie zu sagen hatten und auf ihren Zetteln eigentlich gar nichts stand, litt dann aber mit, als ich realisierte, dass doch etwas da zu stehen schien und sie ein Durcheinander mit der Reihenfolge bekamen (der fiese Scherz eines Kollegen?) und bewunderte ihre Improvisationskünste, mit denen sie diese Momente überbrückten. Ich zählte die Momente, in denen ein Lächeln über das Gesicht der Sprecher huschte und war frustriert über die niedrige Quote. Ich wunderte mich, ob sie privat auch so emotionslos und grau waren, wie sie sich vor der Kamera präsentierten. Ich fragte mich, ob sie spezielle Schulungen absolviert hatten, um das Sprechen zu lernen, ohne einen Gesichtsmuskel zu verziehen. Ich hörte mir die Stimme derjenigen an, die die Bilderberichte lasen und versuchte aufgrund des Sprechorgans herauszufinden, wie nervös jemand war, wie lange schon dabei, wie alt – oft schien das sehr einfach. Ich liebte Interviews mit irgendwelchen Menschen auf den Strassen der Welt und deren überraschend gekonnte oder doch eher tolpatschige Art, zu antworten. Ich hasste das furchtbare Deutsch der Politiker schon damals und wunderte mich, ob ich das in der Schule wohl auch lernen müsste. Hochdeutsch als Hauptfach, Politikerdeutsch im Nebenfach. Ich machte mir ein Spiel daraus, die Teilnehmer am Kabarett „Tagesschau“ einzuordnen, zu etikettieren, mit Qualitäten, Charaktereigenschaften, Stärken und Schwächen auszustatten und meine Menschenkenntnis so zu vertiefen. Ich bewunderte diejenigen, die die Bilder zusammenschnitten, die den Text dazu schrieben, so dass es genau übereinstimmte. Ich war beeindruckt ob dem Orchester, das da jeden Abend vorbereitet und dem Publikum fast fehlerlos überliefert wurde. Eine wahre Kunst! Meist war ich danach inspiriert und beeindruckt ob der Breite, Tiefe und Skurrilität des menschlichen Wesens, war überwältigt von der Vielfalt der Menschengruppen, erfüllt mit Fragen über die Gefahr der Interpration solcher Neuigkeiten – ja oft wollte ich mich am liebsten danach an jeden Tisch in jedem Haushalt der Schweiz setzen um zu lauschen, wer auf welche Art und Weise das Gehörte interpretiert hat. Nur dass ich ja selbst oft gar nicht mehr wusste, was berichtet worden war.

Nach der Werbepause kam dann immer die Kirsche auf dem Sahnehäubchen: Der Wetterbericht. Das war noch vor der Zeit, als die armen Wetterfeen von Meteo auf dem Dach standen und Wind und Wetter ausgesetzt waren. Damals waren sie noch im Studio und hinter ihnen erschienen die geographischen Karten. Ich sah vor meinem inneren Auge einen müden, etwas älteren Herrn an einem Tisch mit einem Knopf sitzen, um diesen Sandwich essend zu tätigen, sobald Herr Bucheli mit dem Teil der Niederschläge/Temperaturen/Vorhersagen durch war und die nächste Ansicht an die Reihe kam. Diese lieben Wetterfrösche hatten es, so beobachtete ich das, weit schwieriger als die Sprecher in der Tagesschau. Sie mussten ihre Arbeitszeit im Stehen absolvieren und da gab es keinen Raum für Notizen – höchstens vielleicht einen Bildschirm, der sich neben der Kamera befand. So oft wie sie jedoch in Richtung Karte schauten, mussten sie die Kunst mindestens teilweise beherrschen, aus dem Stegreif die richtigen Worte zu zaubern. Ich schämte mich ein bisschen, als ich mich dabei ertappte, dass ich den Wetterbericht vor allem wegen möglichen Versprechern schaute. Wenn dann Sätze fielen wie: „Heute ist das Wetter wieder Wetter“, oder den Zuschauern „einen Abend“ gewünscht wurde, war mein Tag perfekt und ich quietschte vor Vergnügen, was meine Eltern wohl manchmal etwas an meiner Intelligenz zweifeln hat lassen. Im Kleinen liegt das Glück, oder wie sagt man so schön?

Deshalb, nach dieser kleinen Reflexion über die Aussage meines Mitbewohners kann ich ihm erst richtig und von Herzen zustimmen. Tagesschauen sind wahre Kabaretts, ein Zirkus, ein Spiel, ein Theater! Und für mich sind sie eine verzerrte, eingeschwärzte, negativ gefilterte Wiedergabe dessen, was in der Welt geschieht. Wobei das ja lange nicht alles ist. Wo bleibt alles Schöne? Ich will nämlich gern wissen, warum es lohnenswert ist, hier zu sein und nicht, wer wieder wem den Hintern versohlt hat, nur weil sein Ego zu gross ist. Und wir machen trotzdem unsere hungrigen Münder auf und fressen, was wir bekommen. Und wundern uns, wenn unsere Welt zu Grunde geht und wir mit Regenwolken über dem Kopf herumspazieren. Ich wünsche mir positive Nachrichten, oder dann bitte ein richtiges Kabarett, so mit bunten Kostümen oder so!

Damit der Mensch auch weiss, dass er nicht alles ganz so ernst nehmen soll. ;)

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