Kleider (Möbel) machen Leute.

Ich bin ja aus dieser ganzen Shopping Philosophie etwas rausgewachsen, irgendwie ist es nicht mehr so mein Ding. Brauche ich was, kaufe ich es. Wenn mich dann jemand gegen meinen Willen einen Nachmittag lang in einen Kleiderladen zwingt, während draussen die Sonne scheint, höre ich innerlich eine Uhr ticken, die mir den Sonnenuntergang verkündet und mir wird Angst und bang. Aber vielleicht ist das auch eine Ausrede, weil ich im Moment gar kein Geld für ausführliches Shopping habe.

Manchmal kann es ja auch lustig sein. Da ihre Tochter im grossen Zürich wohnt, liesse sich so en Städte-Ausflug nur zu gut mit „Lädele“ verbinden, meinte meine Mutter eines Tages und ich war einverstanden, da es tatsächlich ein paar Sachen gab, die ich brauchte. Und es regnete in Strömen. Also holte ich sie am Hauptbahnhof unter dem kitschigen Engel ab und wir steuerten die Strasse meiner Hölle an. Ja, ich meide sie, die Bahnhofstrasse, die mir 27 Jahre meines Lebens diese tolle Stadt durch ihren Ruf und ihr Gräuel-Gewand vorenthalten hat, was ich ihr noch immer nicht ganz verzeihe. Und geht es nicht noch immer vielen so? „Uh, Zürich, nein du, da sehen alle immer so wie aus dem Ei gepellt aus, aber das Lachen haben sie alle verlernt, alles ist grau und dann diese MENSCHENMASSEN!“ Nein, liebe Leute! Das ist nicht Zürich! Das ist nur sie allein: Die Bahnhofstrasse! Blöde Kuh.

Kleiderläden gibt es da ja genügend, von H&M bis zu irgendwelchen teuren Boutiquen, bei denen ich mich noch nicht einmal traue, die Schilder bis zum Schluss zu lesen. Ganz wie früher kümmerten wir uns zuerst um „meine Geschäfte“ und landeten im H&M, wo ich die paar Notwendigkeiten fand und danach erleichtert war, draussen wieder die frische (smogbeladene) Stadtluft in meine Lungen strömen zu lassen. Nun gut. Nun war sie dran.

Meine Mutter steuerte auf eines ihrer heutigen Wunschgeschäfte zu, Gutschein sei Dank. Ich nenne keine Namen. Ein Kleidergeschäft eben. Wir entliessen unsere Regenschirme vor der Türe in einen Kurzurlaub im Schirmständer und mein etwas schüchterner schwarzer „OK“ Schirm (sonst rot mit weissen Tupfen) nahm sich einen Stehplatz am Rande des Ständers, um den mit Holz-Griff versehenen edlen Kollegen die begehrten Plätze in der Mitte zu überlassen und sie nicht nass zu spritzen. Die Türe ging auf und wir landeten in einer für mich fremden Welt. Wie ein Kind spazierte ich umher, bewunderte schöne Sachen, und der Blick auf das Preis-Schild fühlte sich an wie damals, als man uns als Kind schliesslich erklärt hatte: „Nein, den Samichlaus. Gibt. Es. Nicht.“

Wir begaben uns dann in den oberen Stock, zu den Hosen. HOSEN. Nicht Möbel! Als ich nämlich feststellte, dass ich für die eine Hose genau so gut ein neues Sofa kaufen könnte, wurde mir leicht übel und ich suchte Verbündete. Die Haie (so nenne ich liebevoll die zuvorkommenden Verkäuferinnen) waren damit beschäftigt, unter anderem meine Mum zu umsorgen. Die Goldfische (Einkäuferinnen) musterten mich mit etwas kühlen, gleichgültigen Blicken. (Ja, ich weiss dass ich nicht hierhin passe, aber helft mir doch!!!) Ich suchte etwas, woran ich mich festhalten kann in dieser fremden, kalten Welt. Schliesslich stand ich vor einem Spiegel und musterte mein Spiegelbild. Ich erschrak. Als ich meinen Lieblingsrock am Morgen ausgesucht hatte, dazu passend mein neues Lieblings-Shirt aus Berlin und meinen Spiegel damit gefüttert hatte, war von ihm augenblicklich ein „Baby, du siehst unwiderstehlich aus meine Schöne!“ zurückgeschmettert worden und ich hatte es ihm geglaubt. Dieser Spiegel hier schaute zuerst nicht einmal auf, sondern kaute gelangweilt Kaugummi und schien irgendwie etwas abgelöscht. Erst als ich ihn böse anstarrte, spiegelte er mir dann doch das Loch im Rock, mein Bäuchlein unter dem Shirt, das aussah wie die grösste Düne in der Sahara, und meine Proportionen fand er… naja, köstlich. Ich hörte ihn kichern und ich wurde wütend! Denn für einen kurzen Moment glaubte ich es ihm tatsächlich und schämte mich, da in dem Laden zu stehen, furchtbar gekleidet und über die Haare wollen wir gar nicht erst sprechen. Meine Augenringe konnte ich mit einer sich anschleichenden Migräne rechtfertigen, dafür hatte sogar der gemeinste Spiegel etwas Verständnis. Und doch, ich könnte SCHWÖREN, er malte sogar diese drei Töne dunkler als sie in Wirklichkeit waren. Was haben diese Idioten bloss an sich, dass wir ihnen ungefiltert abkaufen, was sie uns liefern?!

Auf jeden Fall entfernte ich mich frustriert wieder von dem kichernden Elend. Beim Davonstapfen setzte ich alles auf mein Hinterteil und hoffte, er würde immerhin dieses lobend wertschätzen. Ich hörte nichts und stellte mir vor, dass es ihm die Sprache verschlagen hatte. Ha! Das hob meine Laune wieder um einen Millimeter an. Völlig erschöpft kam ich dann bei meiner Mutter an der Kasse an, die sich gerade erfolgreich selbst beschenkte und einen Versuch des Hais, ihr dazu noch ein Oberteil (ein TISCH) anzudrehen, gekonnt abwehrte, was den Hai süss seine Zähne zeigen und ergeben davon schwimmen liess. Ich klopfte beiden innerlich auf die Schulter, denn der Hai war definitiv einer sehr guten Verkaufs-Technik belehrt worden. Meine Mutter wiederum blieb restlos resistent, was in der heutigen suggestiven Konsum-Welt unglaublich schwierig scheint und was ich an ihr liebe. Vielleicht liegt diese Resistenz bei uns in der Familie. Zum Glück. Ich durchschaue diese Verkaufs-Tricks ja nur zu oft und zu gerne, liebe das Beobachten und sehe es in ihren Köpfen oftmals rattern. Kunde reden lassen, Frage stellen – wenn nein dann zurück zur Ausgangsposition – wenn ja, Pflock setzen und abholen – wenn nein dann blabla – wenn ja dann blabla –  und eigentlich finde ich es ganz süss. Und natürlich  ist es eine hohe Kunst, wenn man es als Kunde nicht bemerkt und man auch noch ein Stück Herz dazu geliefert kriegt. Dann finde ich das alles sogar grossartig und wünsche jedem, so toll versorgt zu werden!

Ich war einmal mehr etwas verwirrt über unsere Welt, die wir oft als so „normal“ betrachten, als ich den Laden verliess, verwirrt über diese grossen Unterschiede, bei denen die Preise von Kleidern nur einen kleinen Ast des grossen Baumes darstellen, die verschiedenen Welten, Schichten etc., die wir geschaffen haben auf DIESER EINEN WELT, wo andere Teile DIESER EINEN WELT froh sind, überhaupt etwas zum Anziehen zu haben. Und dass wir es oftmals einfach hinnehmen – ich schliesse mich da mit ein. Aber alle diese Gedanken auszuführen, die komplexen Zusammenhänge zu erörtern und zu argumentieren, würde den Rahmen sprengen und meine Toleranz wohl auch. Und den Sinn und Zweck dieses Textes.

Epilog:

Meine Mutter und ich verliessen also das Geschäft und wollten unsere Regenschirme wieder an uns nehmen. Siehe da, ihr Regenschirm war gestohlen worden. GESTOHLEN. Es war keiner mit Holzgriff, nein ganz ein Normaler! Billiger! Ein Werbegeschenk! Mein „OK“ Schirm war natürlich noch da, wer will ihn denn schon. Hoppla, na offenbar ein edler Holzgriff-Schirm, der sich kompliziert um den meinen geschlungen hatte! Die beiden hatten sich offensichtlich in eine leidenschaftliche Liaison verstrickt und ich brachte meinen kaum von ihm/ihr los und das Bild muss köstlich gewesen sein. Meine wetternde Mama, die sich möglichst unauffällig einen anderen Schirm zu ergattern versuchte, der nicht ihr gehörte, und ich, die verzweifelt kämpfte, um die beiden verliebten Schirme voneinander zu loszusagen, was nur klappte, wenn ich noch drei andere Schirme verschob und entfernte und… mein Gott es war ein einziges Schlachtfeld! Wir quietschten laut und ich fühlte mich wieder wohl in meiner Haut.

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Begegnung mit einem Engel

Ein kleines Erlebnis, das ich mit euch teilen möchte.

Meine Erkältung zwang mich heute in’s nahe gelegene Lochergut, um Nasenspray, drei Kilo Nastüechli und ein paar Wohltu-Sächeli zu besorgen. Nichts ahnend schleppte ich mich durch den Coop und versuchte, die eklige Lawine in der Nase zu behalten. (Sorry für das Bild) Was mir zum Glück gelang.

Zwischen den Regalen kreuzte sich mein Weg dann plötzlich mit dem eines etwa gleichaltrigen Afrikaners, der mit seiner bunten Mütze und seiner Musik, die aus dem Rucksack ertönte, irgendwie Sonne und Leichtigkeit ausstrahlte. Ich wusste sofort, dass wir einander etwas zu geben haben.

Manchmal spüre ich tatsächlich sofort, dass ich eine bedeutsame Begegnung haben werde, wenn sich mein Weg mit jemandem „zufällig“ kreuzt. Meine war also heute mit eben jenem Afro, der vor mir in die Abteilung mit den Pflegeprodukten einbog. Wir verloren uns wieder und schlussendlich stand er an der Kasse vor mir. Er hatte zu wenig Geld da für seine Besorgungen und die Frau an der Kasse war alles andere als lösungsorientiert, war statt dessen unfreundlich zu ihm und weigerte sich zu allem äne noch, etwas anderes als verkaugummisiertes Schweizerdeutsch zu nuscheln. Irgendwie war es ihr peinlich. Und die Schlange hinter uns wurde nicht kürzer. Blöde Situation.

Er hat dann schliesslich von mir ganz spontan die fehlenden CHF 2.70 bekommen. Er wiederum hat mir dafür gezeigt, wie einfach es ist, jemandem, dem gerade etwas fehlt, etwas von dem abzugeben, was man hat. Ausserdem hatten wir davor ein paar Worte gewechselt, ich mehr flüsternd aufgrund meines kratzenden Halses, und er hat mir – ohne es zu wissen – einen wichtigen Hinweis auf ein mich sehr beschäftigendes Thema mitgegeben, der mich berührt innehalten liess, weil es dermassen treffend war, als müsste er mich und meine Geschichte kennen. Ich wusste erst nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich entschied mich für’s schmunzeln. Zufall? Ich glaube nicht.

Viel mehr glaube ich, Engel sind eben überall, wir müssen sie nur erkennen!

Er hat sich dann dreimal von Herzen bedankt und noch angefügt, wir sehen uns sicher wieder. Und damit hat er mir ein Lächeln auf mein Gesicht gezaubert.

Die Menschen hinter mir haben mich mit grossen Eulenaugen angestarrt. Die Kassiererin stand auf, als sie mir mein Rückgeld gab, war äusserst freundlich und meinte dann: „Sie sind ja auch noch grosszügig, was?“

Ich verstand die Frage nicht ganz. Was ist so grosszügig daran, jemandem etwas zu geben, wenn es ihm fehlt und ich es zur Hand habe? Das ist doch selbstverständlich, oder nicht? Und er hat mir wahrscheinlich mit dieser Begegnung viel mehr gegeben, als ich ihm. Paradoxe Welt.

Auf jeden Fall – eine wundersame Begegnung war das. Seid offen Leuts, man weiss nie wem man „per Zufall“ so begegnet!

Young man, you made my day!

Abenteuer Bus Nummer Einunddreissig.

Wer in Zürich gewohnt hat oder wohnt, der weiss um ihn. Liebt oder hasst ihn. Schätzt ihn. Verabscheut ihn. Hat Respekt vor ihm. Gruselt sich es bitz vor ihm und freut sich um sein Dasein.

Der Bus 31 in Zürich. Der Busfahren für mich zum Abenteuer macht.

Mein Bus, wage ich hier gar zu sagen. Wenn man nämlich bedenkt, dass ich ja doch erst seit ungefähr drei Jahren in Zürich unterwegs bin, wurde ich doch unübersehbar oft in Ecken der Stadt katapultiert, die mit besagter Räder-Raupe zu erreichen sind. Angefangen hatte dies, als mein Bruder in Zürich wohnte – in meiner jetzigen Wohnung. Erreichbar mit dem 31ger. Es war Liebe auf den ersten Blick. Denn als ich Landei also zum ersten Mal aus dem Aargau zu Besuch in die grosse Stadt fuhr, folgte ich seiner Anweisung: „Nimmst einfach den 31ger Bus am HB, rosarotes Schildli mit weisser Schrift, ist gut angeschrieben.“ Und daran hielt ich mich, willens, das Chaos am Hauptbahnhof zu überleben, verzweifelt fest und als ich die Haltestelle erreichte und der richtige Bus tatsächlich einfuhr, leuchtete er in einer Wolke aus Gold und Silberglanz. Ich könnte schwören, er hat mir mit einem seiner Vorderlichter zugezwinkert!

Als ich dann vor ein paar Jahren einen Zürcher kennen- und eine WeileBus 31 lang lieben lernte, was denkt ihr, welcher Bus uns zum Restaurant unseres ersten Dates führen sollte? Jawoll! Der 31ger. Als besagter junger Mann dann ein paar Wochen später umzog und ich die vertrauten Worte vernahm: „Nimmst einfach den 31ger Bus am HB…“, jubelte ich innerlich und fühlte mich gerettet aus dem wilden Ozean bunter Tramschilder, denen ich nicht traute. Als ich dann selbst nach Zürich zog, war es mir ebenso vergönnt, täglich die 31ger Linie benützen zu können und natürlich war auch die Adresse meiner damaligen Coachin an derselben Buslinie – jedoch auf der „anderen Seite“. Und meine jetzige Wohnung in Zürich, liegt wie gesagt, einmal mehr an der Linie 31.

Aber Moment, ich sagte vorhin „andere Seite“. Was heisst das? Nun, der Bus fährt einen vom HB entweder auf die „eine Seite“, den Kreis 4, durch die Gebiete der Langstrasse, und auf die „andere Seite“ zum Central, dann rechts hoch Richtung Kunsthaus und weiter zum Hegibachplatz – was doch zwei ziemlich verschiedenartige Pflaster der Stadt sind und am Hauptbahnhof andere Menschen aussteigen, als einsteigen. Aber das muss man sich selbst einmal geben. Vielleicht ist das ein nächster Familienausflug? City-sightseeing mit dem 31ger Bus.

Da der Bus mich von meiner Haustür direkt zum Bahnhof fährt, oder auch zu meinem Schwimmbad, der Hardbrücke, dem Kino, meiner Cousine, und so weiter, ist das neben dem Tram Nr. 8 wohl mein meist genutztes öffentliches Verkehrsmittel in der Stadt. Mit der Zeit kennt man Tricks und Kniffe – mein Glück ist, dass ich die Haltestelle quasi vor meiner Haustüre vorfinde, sprich: wenn ich aus dem Haus gehe und den Bus einfahren sehe, und kurz einmal einen auf rekordverdächtiges Rennpferd mache, kann ich ihn mir mit etwas Glück doch noch schnappen. Wenn er jedoch noch da steht und mich nicht hineinlässt, kann das dann jeweils Anlass für lautes Gewieher meinerseits geben und ich glaube es kam auch schon vor, dass ich den mittleren Teil eines Vorderhufes in die Luft hielt und, nun ja, freundlich hinterher winkte. Dies schreibe ich in Vergangenheitsform, weil mich mein bester Freund vor kurzen informierte, dass Busfahrer amigs nicht extra die Türen geschlossen lassen und davon fahren, trotz dem Mami mit drei brüllenden Kindern und der alten Frau, die noch verzweifelt siebenmal auf den Türknopf drücken und an die Scheibe klopfen, damit sie doch noch mit einsteigen können, was dann alle Insassen des Busses veranlasst, innerlich auszurufen, wie unhöflich das ist, dieses Häuflein Menschen da draussen in der Kälte stehen zu lassen. (Ja, ausrufen im Bus tut man selbstverständlich nur innerlich. Verwirrt vom Handy aufschauen und starren ist okay.) Mir wurde nämlich erklärt, dass die Busfahrer ein Signal an die Ampel senden, sobald sie die Türen geschlossen haben und bereit zur Weiterfahrt sind. Dann müssen sie fahren, stehenbleiben geht nicht. Stelle man sich vor, der Busfahrer würde danach der brüllenden Familie und der alten Frau doch noch Einlass gewähren und dann kann er aber nicht fahren als die Ampel auf Grün springt, weil es drei Stunden dauert, bis alle samt Kinderwagen, Nuggi und Gehstock verstaut sind, würde er ja den gesamten Fahrplan durcheinander bringen. Und wenn das jeder machen würde? Dann wäre sie dahin, die berühmte Schweizer Pünktlichkeit. War euch das bewusst?! Mir nicht. An dieser Stelle nehme ich also alle gewinkten Mittelhufe zurück und habe künftig grösstes Verständnis.

Busfahren ist wahrlich ein Abenteuer! Wie gestern zum Beispiel. Ich hatte mich mit kratzendem Hals, laufender Nase, schwarzen Augenringe um die roten Augen im weissen Gesicht und sehr müden Gliedern auf die Weltreise zur Apotheke am Hauptbahnhof gemacht, kurz eine Freundin zur heissen Schoggi getroffen und freute mich danach nur noch erschöpft auf mein Sofa und den Bus, der mich dahin transportieren sollte. Es befanden sich durchschnittlich viele Leute an der Bushaltestelle, jedoch alle unter das Dach des kleinen Bushäuschen gepresst, da es regnete. Ich liebe Bushaltestellen und das Treiben, manchmal hasse ich sie auch. Zum Beispiel, wenn drei Menschen jeweils zehn Millimeter vor, neben und hinter mir stehen, obwohl sie auf alle Seiten Platz hätten. Und alle hören Musik. Laut. Und nicht derselbe Musikstil, nein. Zum Glück kenne ich den Trick 77, und platziere mich dann ganz vorne, wo es meist viel Platz an der Haltestelle und dann auch im Bus hat, während sich hinten alle stapeln. Gestern hechtete ich also dreissig Sekunden vor der Ankunft des Busses nach vorne in den Regen, stieg alleine vorne ein und ergatterte einen Platz im leeren Viererabteil vorne rechts. Ich mag normalerweise Viererabteile nicht so, da man beim Aussteigen über gefühlt tausend Beine klettern muss, aber gestern passte es irgendwie. Zum Glück hatte dann ein Herr italienischer Herkunft, wie ich später seinen Erzählungen entnehmen sollte, eine ca. 2.30 Meter lange Stange mit einer ebenso langen Flagge dran, auf der „Avec“ stand, bei sich und platzierte diese längs vor mein Viererabteil dem Gang entlang etwa auf Höhe der Sitzlehnen, so dass ich eingesperrt war. Quasi eine Absperrung. Ich fühlte mich zuerst etwas eingeengt und fand das nicht so toll. Ich wurde dann aber schnell durch die Geschichte des Herrn abgelenkt, denn er erzählte mir, sich selbst und den paar weiteren Passagieren um uns herum dann zehn mal, dass er die Stange gestohlen habe und mit nach Italien nehme – falls er nicht erwischt würde und man ihn einsperre, worauf ein schiefer Lacher folgte. Von ihm. Ich war sehr kurz davor, den Herrn darauf hinzuweisen, dass sich vielleicht noch andere Menschen in das grösste Abteil im Bus setzen möchten, und er doch die Stange an einem anderen Ort platzieren solle (UND DASS WIR ALLE DIE GESCHICHTE NOCH EIN ELFTES MAL HÖREN WOLLEN, BITTE. UNBEDINGT.). Ich hielt jedoch inne und musste schmunzeln. Denn ICH hatte ja meinen Platz – oder meine vier Plätze. Und die anderen Passagiere schienen lieber zu stehen und sich innerlich aufzuregen, als dass sie etwas gesagt hätten. Ich hörte sie förmlich fluchen, und irgendwie sahen sie alle ein bisschen aus wie Eulen. Starren, schweigen, innerlich wettern. „Was tut der jetzt da seine Stange hin, da könnten noch drei Leute sitzen, das muss ich gleich mal der Tanja whatsappen…“ – und schon klebten die grossen Augen wieder am Bildschirm. Also breitete ich mich entspannt aus, genoss den Ehrenplatz und danke dem Herrn innerlich für den gefülhten V.I.P Platz. Dass er seine Geschichte noch weitere siebenmal erzählte, versuchte ich auszublenden. Bei der Haltestelle Militär-/Langstrasse stieg er dann aus. Ich sah leider nicht, wie er das geschafft hatte, denn das geschah alles hinter mir, und so betete ich nur, dass alle Köpfe heil geblieben waren. Die Eulen schwiegen weiterhin und blinzelten süss, als sie sich neue Beute zum Starren suchten, um dann erneut in die Welt des Internets abzutauchen.

Jaja. Solche Sachen passieren da tagtäglich. Langweilig ist das nicht. Nie. Zumindest auf der Seite des Hauptbahnhofes nicht. Die andere Seite kenne ich nicht so gut. Wenn jemand darüber berichten mag, ich freu mich!

Gute Fahrt und immer schön die Taschen, oder auch die Stangen, in der Nähe behalten!