Abenteuer Bus Nummer Einunddreissig.

Wer in Zürich gewohnt hat oder wohnt, der weiss um ihn. Liebt oder hasst ihn. Schätzt ihn. Verabscheut ihn. Hat Respekt vor ihm. Gruselt sich es bitz vor ihm und freut sich um sein Dasein.

Der Bus 31 in Zürich. Der Busfahren für mich zum Abenteuer macht.

Mein Bus, wage ich hier gar zu sagen. Wenn man nämlich bedenkt, dass ich ja doch erst seit ungefähr drei Jahren in Zürich unterwegs bin, wurde ich doch unübersehbar oft in Ecken der Stadt katapultiert, die mit besagter Räder-Raupe zu erreichen sind. Angefangen hatte dies, als mein Bruder in Zürich wohnte – in meiner jetzigen Wohnung. Erreichbar mit dem 31ger. Es war Liebe auf den ersten Blick. Denn als ich Landei also zum ersten Mal aus dem Aargau zu Besuch in die grosse Stadt fuhr, folgte ich seiner Anweisung: „Nimmst einfach den 31ger Bus am HB, rosarotes Schildli mit weisser Schrift, ist gut angeschrieben.“ Und daran hielt ich mich, willens, das Chaos am Hauptbahnhof zu überleben, verzweifelt fest und als ich die Haltestelle erreichte und der richtige Bus tatsächlich einfuhr, leuchtete er in einer Wolke aus Gold und Silberglanz. Ich könnte schwören, er hat mir mit einem seiner Vorderlichter zugezwinkert!

Als ich dann vor ein paar Jahren einen Zürcher kennen- und eine WeileBus 31 lang lieben lernte, was denkt ihr, welcher Bus uns zum Restaurant unseres ersten Dates führen sollte? Jawoll! Der 31ger. Als besagter junger Mann dann ein paar Wochen später umzog und ich die vertrauten Worte vernahm: „Nimmst einfach den 31ger Bus am HB…“, jubelte ich innerlich und fühlte mich gerettet aus dem wilden Ozean bunter Tramschilder, denen ich nicht traute. Als ich dann selbst nach Zürich zog, war es mir ebenso vergönnt, täglich die 31ger Linie benützen zu können und natürlich war auch die Adresse meiner damaligen Coachin an derselben Buslinie – jedoch auf der „anderen Seite“. Und meine jetzige Wohnung in Zürich, liegt wie gesagt, einmal mehr an der Linie 31.

Aber Moment, ich sagte vorhin „andere Seite“. Was heisst das? Nun, der Bus fährt einen vom HB entweder auf die „eine Seite“, den Kreis 4, durch die Gebiete der Langstrasse, und auf die „andere Seite“ zum Central, dann rechts hoch Richtung Kunsthaus und weiter zum Hegibachplatz – was doch zwei ziemlich verschiedenartige Pflaster der Stadt sind und am Hauptbahnhof andere Menschen aussteigen, als einsteigen. Aber das muss man sich selbst einmal geben. Vielleicht ist das ein nächster Familienausflug? City-sightseeing mit dem 31ger Bus.

Da der Bus mich von meiner Haustür direkt zum Bahnhof fährt, oder auch zu meinem Schwimmbad, der Hardbrücke, dem Kino, meiner Cousine, und so weiter, ist das neben dem Tram Nr. 8 wohl mein meist genutztes öffentliches Verkehrsmittel in der Stadt. Mit der Zeit kennt man Tricks und Kniffe – mein Glück ist, dass ich die Haltestelle quasi vor meiner Haustüre vorfinde, sprich: wenn ich aus dem Haus gehe und den Bus einfahren sehe, und kurz einmal einen auf rekordverdächtiges Rennpferd mache, kann ich ihn mir mit etwas Glück doch noch schnappen. Wenn er jedoch noch da steht und mich nicht hineinlässt, kann das dann jeweils Anlass für lautes Gewieher meinerseits geben und ich glaube es kam auch schon vor, dass ich den mittleren Teil eines Vorderhufes in die Luft hielt und, nun ja, freundlich hinterher winkte. Dies schreibe ich in Vergangenheitsform, weil mich mein bester Freund vor kurzen informierte, dass Busfahrer amigs nicht extra die Türen geschlossen lassen und davon fahren, trotz dem Mami mit drei brüllenden Kindern und der alten Frau, die noch verzweifelt siebenmal auf den Türknopf drücken und an die Scheibe klopfen, damit sie doch noch mit einsteigen können, was dann alle Insassen des Busses veranlasst, innerlich auszurufen, wie unhöflich das ist, dieses Häuflein Menschen da draussen in der Kälte stehen zu lassen. (Ja, ausrufen im Bus tut man selbstverständlich nur innerlich. Verwirrt vom Handy aufschauen und starren ist okay.) Mir wurde nämlich erklärt, dass die Busfahrer ein Signal an die Ampel senden, sobald sie die Türen geschlossen haben und bereit zur Weiterfahrt sind. Dann müssen sie fahren, stehenbleiben geht nicht. Stelle man sich vor, der Busfahrer würde danach der brüllenden Familie und der alten Frau doch noch Einlass gewähren und dann kann er aber nicht fahren als die Ampel auf Grün springt, weil es drei Stunden dauert, bis alle samt Kinderwagen, Nuggi und Gehstock verstaut sind, würde er ja den gesamten Fahrplan durcheinander bringen. Und wenn das jeder machen würde? Dann wäre sie dahin, die berühmte Schweizer Pünktlichkeit. War euch das bewusst?! Mir nicht. An dieser Stelle nehme ich also alle gewinkten Mittelhufe zurück und habe künftig grösstes Verständnis.

Busfahren ist wahrlich ein Abenteuer! Wie gestern zum Beispiel. Ich hatte mich mit kratzendem Hals, laufender Nase, schwarzen Augenringe um die roten Augen im weissen Gesicht und sehr müden Gliedern auf die Weltreise zur Apotheke am Hauptbahnhof gemacht, kurz eine Freundin zur heissen Schoggi getroffen und freute mich danach nur noch erschöpft auf mein Sofa und den Bus, der mich dahin transportieren sollte. Es befanden sich durchschnittlich viele Leute an der Bushaltestelle, jedoch alle unter das Dach des kleinen Bushäuschen gepresst, da es regnete. Ich liebe Bushaltestellen und das Treiben, manchmal hasse ich sie auch. Zum Beispiel, wenn drei Menschen jeweils zehn Millimeter vor, neben und hinter mir stehen, obwohl sie auf alle Seiten Platz hätten. Und alle hören Musik. Laut. Und nicht derselbe Musikstil, nein. Zum Glück kenne ich den Trick 77, und platziere mich dann ganz vorne, wo es meist viel Platz an der Haltestelle und dann auch im Bus hat, während sich hinten alle stapeln. Gestern hechtete ich also dreissig Sekunden vor der Ankunft des Busses nach vorne in den Regen, stieg alleine vorne ein und ergatterte einen Platz im leeren Viererabteil vorne rechts. Ich mag normalerweise Viererabteile nicht so, da man beim Aussteigen über gefühlt tausend Beine klettern muss, aber gestern passte es irgendwie. Zum Glück hatte dann ein Herr italienischer Herkunft, wie ich später seinen Erzählungen entnehmen sollte, eine ca. 2.30 Meter lange Stange mit einer ebenso langen Flagge dran, auf der „Avec“ stand, bei sich und platzierte diese längs vor mein Viererabteil dem Gang entlang etwa auf Höhe der Sitzlehnen, so dass ich eingesperrt war. Quasi eine Absperrung. Ich fühlte mich zuerst etwas eingeengt und fand das nicht so toll. Ich wurde dann aber schnell durch die Geschichte des Herrn abgelenkt, denn er erzählte mir, sich selbst und den paar weiteren Passagieren um uns herum dann zehn mal, dass er die Stange gestohlen habe und mit nach Italien nehme – falls er nicht erwischt würde und man ihn einsperre, worauf ein schiefer Lacher folgte. Von ihm. Ich war sehr kurz davor, den Herrn darauf hinzuweisen, dass sich vielleicht noch andere Menschen in das grösste Abteil im Bus setzen möchten, und er doch die Stange an einem anderen Ort platzieren solle (UND DASS WIR ALLE DIE GESCHICHTE NOCH EIN ELFTES MAL HÖREN WOLLEN, BITTE. UNBEDINGT.). Ich hielt jedoch inne und musste schmunzeln. Denn ICH hatte ja meinen Platz – oder meine vier Plätze. Und die anderen Passagiere schienen lieber zu stehen und sich innerlich aufzuregen, als dass sie etwas gesagt hätten. Ich hörte sie förmlich fluchen, und irgendwie sahen sie alle ein bisschen aus wie Eulen. Starren, schweigen, innerlich wettern. „Was tut der jetzt da seine Stange hin, da könnten noch drei Leute sitzen, das muss ich gleich mal der Tanja whatsappen…“ – und schon klebten die grossen Augen wieder am Bildschirm. Also breitete ich mich entspannt aus, genoss den Ehrenplatz und danke dem Herrn innerlich für den gefülhten V.I.P Platz. Dass er seine Geschichte noch weitere siebenmal erzählte, versuchte ich auszublenden. Bei der Haltestelle Militär-/Langstrasse stieg er dann aus. Ich sah leider nicht, wie er das geschafft hatte, denn das geschah alles hinter mir, und so betete ich nur, dass alle Köpfe heil geblieben waren. Die Eulen schwiegen weiterhin und blinzelten süss, als sie sich neue Beute zum Starren suchten, um dann erneut in die Welt des Internets abzutauchen.

Jaja. Solche Sachen passieren da tagtäglich. Langweilig ist das nicht. Nie. Zumindest auf der Seite des Hauptbahnhofes nicht. Die andere Seite kenne ich nicht so gut. Wenn jemand darüber berichten mag, ich freu mich!

Gute Fahrt und immer schön die Taschen, oder auch die Stangen, in der Nähe behalten!

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