Advent Advent, es brennt und rennt!

Es ist Weihnachtszeit. Alle Jahre wieder. Die Zeit, in der der Mensch die fehlende Wärme und das fehlende Tageslicht mit Diversem zu kompensieren versucht.

Erstens: Lichter. Es brennt überall. Die schreckliche (pardon) Weihnachtsbeleuchtung in der Bahnhofstrasse brennt, gut immerhin sind es unterdessen energiesparende LED Lämpchen, die in ihrer, naja, etwas geschmacks-polarisierenden Pracht herumhängen. Die grünen und violetten Lichtlein des scheusslichen Weihnachtsbaumes (par… nein, kein pardon hier) beim Sihlcity brennen sich auf brutale Art und Weise in die Netzhaut der Augen ein. Mein Holzofen brennt, also die Scheite, zum Glück nicht der Ofen. Die Backöfen laufen auf Hochtouren, die Uhren ticken und klingeln exakt rechtzeitig, damit die Plätzchen im Ofen nicht verbrennen. Kerzen zieren Kränze zieren Stubentische. Häuser, Büsche, Mauern, Meerschweinchenställe, Fenster, und so weiter und so fort, werden in bunte Lichtlein gehüllt. Es gibt nichts, das nicht geschmückt und beleuchtet werden könnte. Ich finde kein Licht schöner als Kerzenlicht. Wir hatten Zuhause immer einen Weihnachtsbaum mit echten Kerzen und am Schluss gab es Wetten, welche Kerze wohl am längsten brennt. Ich war meist daneben, aber darum geht es nicht. DAS erwärmt mein Herz. Nicht diese komischen, ultramodernen Beleuchtungs-Wahnsinns-Verrücktheiten. Die machen mich höchstens nervös wenn sie blinken. Und traurig, weil ich sie überflüssig finde und wir wissen alle, dass das Geld anders investiert werden könnte.

Zweitens: Guetsli backen. Ich sehe mich selbst nicht als grossartige Guetsli-Bäckerin. Ich habe zwar Bäcker in der Verwandschaft und ich sage euch, die sind grossartig (Bäckerei Sollberger, Gontenschwil im schönen Aargau, geht vorbei! ;-)) und dieses Talent wurde mir leider nicht in die Wiege gelegt. Meiner Mama schon. Aber auf eine sehr eigensinnige Art. So nenne ich ihre Mailänderli liebevoll Maitönder, weil sie so fett und riesig sind und noch so weich wenn sie aus dem Ofen kommen… und wenn man diese dann gleich warm isst, zerschmelzen sie fast auf der Zunge… göttlich, sage ich euch! Es lebe meine Mama! Nun habe ich aber dieses Jahr versucht, das fehlende Talent in mir etwas zu suchen und selbst, also zu zweit, vier Sorten Guetsli zu backen. Ein ganzer Sonntag ging drauf, die Küche stand danach gottseidank noch, nur eine Sorte wurde etwas dunkler als erwartet, die vergessene Küchenwaage hatten wir auch rechtzeitig noch zur Hand und wir hüpften wie Kinder in der Küche herum, weil die Kekse wohl fast zu den besten gehören, die zumindest ich je gegessen habe. Ha. Eigenlob stinkt! Mir doch wurscht, sie waren lecker. Am Abend waren wir fix und fertig. Und ein grosser Klumpen des aus der Schüssel geschmausten Teigs faulenzte in unseren Mägen. Aber es hat funktioniert. Die Weihnachtsstimmung drang durch und mein Herz lachte.

Drittens: Essen. Steht wohl im Kausalzusammenhang mit Punkt zwei. Man trifft sich mit allen sieben Teilen um alle Ecken in der Familie und Verwandtschaft und isst. Und isst. Und isst. Und wenn man nicht isst, trinkt man. Viel und ungesund. Es funktioniert. Das Herz lacht (zumindest dann noch). Keine weiteren Kommentare.

Viertens: Rennen. Es ist Geschenke-Zeit. Da sind die Kaufhäuser vollgestopft mit Dingen und Menschen, die Dinge verschenken wollen. Dinge werden geliefert, damit man sie einpacken kann, gegen Geld eintauschen, sie mitnehmen, unter einen Tannenbaum im Haus legen und sie dann wieder auspacken kann, um sie a) erfreut zu benutzen b) umzutauschen c) weiter zu verschenken d) irgendwo weit hinten in der Garage zu verstauen. Trifft b) ein, werden die Dinge wieder zurückgebracht und weil „Retouren“ meist nicht mehr verkauft werden können, auch wenn die Verpackung noch fast wie neu aussieht werden sie im schlimmsten Fall entsorgt.

Ganz ehrlich: Bei Punkt eins, zwei und Punkt drei schliesse ich mich mit ein. Aber Punkt vier? Nee! Ich mach da nicht mehr mit. Ich lehne mich viel lieber zurück und versuche, mich nicht zu übergeben, wenn ich dem Trubel zuschaue. Ich wünsche mir keine Geschenke, die jemand rennend irgendwo ersteigert hat. Ich wünsche mir Zeit mit meinen Liebsten. Etwas, das man teilen kann. Etwas Kleines, das von Herzen kommt. Eine schöne Erinnerung, die man mit in den Rest seines Lebens nehmen kann. Deshalb verschenke ich auch immer mehr solche „Dinge“. Durch Weihnachtsmärkte schlendern, Schlittschuh laufen, Guetsli backen, Filmabende bei Freunden, Musik, einen Brief, …oder einfach Zeit.

So stelle ich mir die Weihnachtszeit vor. (Bis jetzt liegt meine Genuss-Quote erstaunlich hoch.)

Und ihr?

In diesem Sinne: Frohe Festtage!

ps. ach ja, wie war das nochmals mit der Weihnachtsgeschichte…?!

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Das erste Mal

„Wann hast du zum letzten Mal etwas zum ersten Mal gemacht?“

Eine gute Frage, die ich kürzlich gelesen und innert drei Sekunden eine erschreckende Bilanz darüber gezogen habe. Wir gelangen ja in diesen Tagen so langsam zu der klischeebehafteten Zeit, wo der innere Druck steigt: Nämlich in die Zielgerade des Kalenderjahres. Ziellinie: Ende Jahr. Da, wo sichdie endlos grosse Fabrikhalle der guten Vorsätze befindet. Und da, wo die angesammelte, stets mit dem Jahresende gerechtfertigte Prokrastination stinkend vor dem glitzernden Tor in das neue, vielversprechende, so herrlich funkelnde Jahr, sitzt und Dreck frisst. Sie ist sauer und wartet auf die Möglichkeit der Vergeltung.

Wenn ich so ein bisschen auf das Jahr zurückblicke, kann ich allerdings nicht ganz alle ihre stinkenden Vorwürfe annehmen. Ein paar, ja. Aber ich bin trotzdem überzeugt, dass alles seine Zeit hat. (Ausser Steuererklärungen, und jeglicher Mist, der mit einer Deadline versehen ist. Ich. Hasse. Deadlines. Oder in einem Zitat ausgedrückt: „I love deadlines. I love the whooshing sound they make as they go by.“ (Hitchhiker’s guide to the galaxy)) Jedenfalls gibt es wohl eine Menge, was ich nicht gemacht habe und hätte tun können. Aber ich glaube auch eine Menge, was ich getan habe und hätte sein lassen können. Es ist alles eine Frage der Perspektive.

Meine Gedanken wanderten dann zu den „ersten Malen“, die man im Leben so antrifft. Erste Schritte. (leider vergessen) Erstes Wort (Gemäss meiner Mama war dies „Mapa“… ich war wohl schon früh ein Kind der Gerechtigkeit…), erster Tag im Kindergarten, erster Schultag, erster Kuss, erstes Mal, erster Freund, erste Trennung, erste Ferien ohne Eltern (*hust* in Lloret de Mar *räusper*), erster Job, erste Fahrstunde, und so weiter und so fort, die Liste ist lang. Und ich erinnerte mich an das Gefühl. Dieses ganz spezielle Gefühl, wenn man etwas zum ersten Mal schafft. Stolz. Unbändige Kraft. Als ich plötzlich schwimmen konnte. Als ich das erste gelesene Buch in’s Regal stellte. Als ich etwa mit 9 zum ersten Mal vom 7m Turm in den See sprang. Als ich die Tonleiter auf dem Klavier blind konnte. Als ich alleine mit dem Töffli an die nächste Dorf-Fete fuhr – Nachts und ohne Licht. Als ich zum ersten Mal durch die Zähne pfiff, dreimal nacheinander jonglierte, ohne die Bälle fallenzulassen, eine Flasche Wein ohne rotes Schlachtfeld öffnete, Kaffee trank und scheusslich fand, rauchte und mir die Lunge aus dem Leib hustete, den ersten eigenen Wohnungsschlüssel entgegennahm, zum ersten Mal auf der Bühne stand, das erste eigene Lied auf einer Hochzeit spielte, die erste Reise durch ein fremdes Land. Es hört nicht auf. Spürt ihr es? Dieses Kribbeln, das mit nur einem Schritt über unsere eigenen Grenzen, plötzlich da ist und uns in die Lüfte der Möglichkeiten hebt? Huere schön!

Und doch… irgendwie dünkt es mich je älter ich werde, desto weniger dicht ist die Ansiedlung der ersten Male. So scheint es zumindest. Vielleicht halten wir uns gern am Bekannten fest, um uns sicher zu fühlen. Es sind vielleicht auch eher kleine Dinge subtiler Art, mit denen wir konfrontiert werden. Das erste Mal nicht nachgeben im Gespräch mit dem Chef. Wo wir früher noch laut durch die Gegend geschrien haben, wenn wir vor Stolz schier platzten und riefen „Mami, Papi, lueg wasi gmacht han!!!!!“, behalten wir kleine erste Male, wie beispielsweise das Öffnen einer Weinflasche, immer öfter für uns um ja kein Aufsehen zu erregen vielleicht. Ja, ich war WIRKLICH stolz auf mich, als ich meine erste Weinflasche zu öffnen vermochte. Aber hätte ich dann schreiend herumrennen sollen, jedem der Anwesenden den Korken vor die Nase halten als Beweis, und ihn am Schluss jubelnd und heulend vor Glück in einer Freddie Mercury Pose in die Luft strecken? Äh. Nein.

Mein Vorsatz für das 2014 lautet also: Ganz viele erste Male. Ja, auch grosse erste Male. Und Jubeln.

Und das Schöne ist, man kann jederzeit damit anfangen. ;-) 

Ps. Die Prokrastination lässt sich übrigens mit dem Satz „Ich kümmere mich morgen um dich, versprochen!“ gerade lange genug verwirren, um über sie hinweg zu hüpfen und durch das glitzernde Tor zu rennen. Viel Glück!

Ein Hoch auf die Kinder!

Schon lustig, man meint ja, in einer „Grossstadt“ wie Zürich (sorry für die „“, aber New York City lässt grüssen), grüsse man sich nicht und sei immer anonym und ungesehen. Durchsichtig. Luft. Ein Sandkorn am Strand. Klar grüsst man sich nicht auf der Strasse, das hatte ich mir in Aarau bereits abgewöhnen müssen als ich vom Land dahin zog. Nicht so meine Cousine, die noch immer auf dem Land wohnt und in Aarau einmal lachend bei mir angekommen war, sie hätte ständig Menschen gegrüsst und sei nur komisch angeschaut worden. Jaja. Was macht jemand wie sie in Zürich? Das ist ja dann die volle Überforderung, stelle man sich vor, sie spaziere die Bahnhofstrasse durabb und grüsst jeden.

Nein, so läuft das wirklich nicht hier in Zürich. Aber es gibt doch Menschen und Menschen sind nun mal keine Einzelgänger sondern Herdentiere. Der Mensch ist auf seinesgleichen angewiesen. Auch wenn wir uns immer wieder anderes einzureden versuchen. Und so werden doch manchmal ganz belanglose, schüchterne Brücken geschlagen im fremden Dschungel des Stadtlebens, an ganz banalen Orten, wie zum Beispiel der Kasse im Coop.

So auch am Freitagabend, als ich mich nach einigen Tagen des Flachliegens endlich einmal wieder an die Luft getraut hatte und mit meiner roten, leuchtenden Schnudernase einkaufen ging. Ein paar gekonnte Griffe in die Regale und schon befand ich mich an der Kasse. Hinter mir standen eine Mutter, ihre kleine Tochter und – so glaubte ich – eine Tante oder Grosi oder Freundin der Mutter (oder noch eine Tochter? Heute weiss man ja nie) in der Schlange. Die freundliche Kassiererin faltete mir die Papiertasche auf, so dass ich fröhlich mit Einpacken beginnen konnte, während sie die Produkte wie nebenbei über den Scanner zog. Niemand sprach, jeder befand sich in seiner kleinen individuellen Blase und man hörte nur die üblichen Geräusche, das regelmässige „Biep“ des Scanners, aufspringende Kassen, Papiertaschen, Münz, übliche Sätze der Kassierer/-innen, das Schweigen der Einkäufer/-innen und die Türe, die beim Öffnen das Vorbeirauschen des Trams draussen vernehmen liess und es den Lauschenden beim Schliessen wieder nahm.

Bis plötzlich das kleine Mädchen hinter mir mit einer hoch philosophischen Frage das Eis brach, als sie ihren Blick fasziniert über das Förderband auf der Kasse gleiten liess, das gefüllt war mit bunten Früchten und diversen Esswaren. „Du Mami, wer hat eigentlich das Essen erfunden?“ Die Kassiererin, die Mutter, die Tante/Grosi/Freundin/Tochter Nr 2. und ich brachen in Gelächter aus und die Brücke stand. Ich spürte, wie sich sofort unsichtbare Fäden zu spinnen begannen, die zwischen den Herzen hin und her flogen und diese miteinander verbanden, als die Kassiererin meinte „Jesses nei, so härzig!“ und ich dann, das etwas verlegene Mädchen in Schutz nehmend, einwarf: „Das ist eine sehr gute Frage!“ worauf ich das warme Lächeln der Tante/Grosi/Freundin/Tochter Nr. 2 erntete, das sich weiter verstärkte als ich dem Töchterli dann die lustigen Disney Stickers, für die ich nun wirklich zu alt bin (ja, ich habe eine Sekunde lang gezögert), schenkte. Ui, was für ein langer Satz. Aber so ist das doch mit den Verbindungen. Ist das Eis einmal gebrochen, nimmt es kein Ende und es entsteht unumgänglich ein kleines, zerbrechliches Beziehungsnetz und jede individuelle Blase platzt und man atmet plötzlich dieselbe Luft ein. Seien wir doch mal ehrlich, liebe Grossstädterinnen und Grossstädter, so schlimm ist das nun wirklich nicht, oder? Ich fand es wunderbar. Wie früher im Dorflädeli.

Das Mädchen bekam leider keine Antwort auf ihre Frage und ich wunderte mich dann den ganzen Heimweg lang, was ich ihr als Mutter wohl für eine Antwort geben würde. „Weisch, wenn du mit Essen zum Beispiel die Früchte und das Gemüse meinst, das gibt’s einfach so, das hat der/die da oben mit dem / ohne den weissen Bart erfunden. Das kann man im Garten selber pflanzen, oder von den Bäumen pflücken. So was Gesundes könnten wir Menschen wohl gar nicht erfinden. Wir haben den ganzen ungesunden Mist erfunden, von dem wir uns einreden, dass er uns gut tut und gesundheitsfördernd ist, damit wir bequem leben können und die Mächtigen ihr Geld machen damit. So läuft das auf unserer Welt.“ Hm. Oder dann doch: „Das ist so jemand wie der Samichlaus und der Osterhase, die da irgendwo im Süden ein Häuschen haben, wo sie die Esswaren basteln, blablabla…“ Ja, da wäre ich gern noch Mäuschen gewesen.

Was ich dem Töchterli und allen Kindern dieser Welt jedoch an’s Herz legen möchte: Bitte hört NIE auf zu fragen! Auch nicht, wenn der ganze Coop lacht! Denn eure Fragen sind berechtigt, klug und wichtig, sie bringen unsere erwachsenen Köpfchen durcheinander und das ist gut so! Und sie bringen Menschen zusammen!

Dafür sei euch herzlichst gedankt!