Das erste Mal

„Wann hast du zum letzten Mal etwas zum ersten Mal gemacht?“

Eine gute Frage, die ich kürzlich gelesen und innert drei Sekunden eine erschreckende Bilanz darüber gezogen habe. Wir gelangen ja in diesen Tagen so langsam zu der klischeebehafteten Zeit, wo der innere Druck steigt: Nämlich in die Zielgerade des Kalenderjahres. Ziellinie: Ende Jahr. Da, wo sichdie endlos grosse Fabrikhalle der guten Vorsätze befindet. Und da, wo die angesammelte, stets mit dem Jahresende gerechtfertigte Prokrastination stinkend vor dem glitzernden Tor in das neue, vielversprechende, so herrlich funkelnde Jahr, sitzt und Dreck frisst. Sie ist sauer und wartet auf die Möglichkeit der Vergeltung.

Wenn ich so ein bisschen auf das Jahr zurückblicke, kann ich allerdings nicht ganz alle ihre stinkenden Vorwürfe annehmen. Ein paar, ja. Aber ich bin trotzdem überzeugt, dass alles seine Zeit hat. (Ausser Steuererklärungen, und jeglicher Mist, der mit einer Deadline versehen ist. Ich. Hasse. Deadlines. Oder in einem Zitat ausgedrückt: „I love deadlines. I love the whooshing sound they make as they go by.“ (Hitchhiker’s guide to the galaxy)) Jedenfalls gibt es wohl eine Menge, was ich nicht gemacht habe und hätte tun können. Aber ich glaube auch eine Menge, was ich getan habe und hätte sein lassen können. Es ist alles eine Frage der Perspektive.

Meine Gedanken wanderten dann zu den „ersten Malen“, die man im Leben so antrifft. Erste Schritte. (leider vergessen) Erstes Wort (Gemäss meiner Mama war dies „Mapa“… ich war wohl schon früh ein Kind der Gerechtigkeit…), erster Tag im Kindergarten, erster Schultag, erster Kuss, erstes Mal, erster Freund, erste Trennung, erste Ferien ohne Eltern (*hust* in Lloret de Mar *räusper*), erster Job, erste Fahrstunde, und so weiter und so fort, die Liste ist lang. Und ich erinnerte mich an das Gefühl. Dieses ganz spezielle Gefühl, wenn man etwas zum ersten Mal schafft. Stolz. Unbändige Kraft. Als ich plötzlich schwimmen konnte. Als ich das erste gelesene Buch in’s Regal stellte. Als ich etwa mit 9 zum ersten Mal vom 7m Turm in den See sprang. Als ich die Tonleiter auf dem Klavier blind konnte. Als ich alleine mit dem Töffli an die nächste Dorf-Fete fuhr – Nachts und ohne Licht. Als ich zum ersten Mal durch die Zähne pfiff, dreimal nacheinander jonglierte, ohne die Bälle fallenzulassen, eine Flasche Wein ohne rotes Schlachtfeld öffnete, Kaffee trank und scheusslich fand, rauchte und mir die Lunge aus dem Leib hustete, den ersten eigenen Wohnungsschlüssel entgegennahm, zum ersten Mal auf der Bühne stand, das erste eigene Lied auf einer Hochzeit spielte, die erste Reise durch ein fremdes Land. Es hört nicht auf. Spürt ihr es? Dieses Kribbeln, das mit nur einem Schritt über unsere eigenen Grenzen, plötzlich da ist und uns in die Lüfte der Möglichkeiten hebt? Huere schön!

Und doch… irgendwie dünkt es mich je älter ich werde, desto weniger dicht ist die Ansiedlung der ersten Male. So scheint es zumindest. Vielleicht halten wir uns gern am Bekannten fest, um uns sicher zu fühlen. Es sind vielleicht auch eher kleine Dinge subtiler Art, mit denen wir konfrontiert werden. Das erste Mal nicht nachgeben im Gespräch mit dem Chef. Wo wir früher noch laut durch die Gegend geschrien haben, wenn wir vor Stolz schier platzten und riefen „Mami, Papi, lueg wasi gmacht han!!!!!“, behalten wir kleine erste Male, wie beispielsweise das Öffnen einer Weinflasche, immer öfter für uns um ja kein Aufsehen zu erregen vielleicht. Ja, ich war WIRKLICH stolz auf mich, als ich meine erste Weinflasche zu öffnen vermochte. Aber hätte ich dann schreiend herumrennen sollen, jedem der Anwesenden den Korken vor die Nase halten als Beweis, und ihn am Schluss jubelnd und heulend vor Glück in einer Freddie Mercury Pose in die Luft strecken? Äh. Nein.

Mein Vorsatz für das 2014 lautet also: Ganz viele erste Male. Ja, auch grosse erste Male. Und Jubeln.

Und das Schöne ist, man kann jederzeit damit anfangen. ;-) 

Ps. Die Prokrastination lässt sich übrigens mit dem Satz „Ich kümmere mich morgen um dich, versprochen!“ gerade lange genug verwirren, um über sie hinweg zu hüpfen und durch das glitzernde Tor zu rennen. Viel Glück!

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