Ein Hoch auf die Kinder!

Schon lustig, man meint ja, in einer „Grossstadt“ wie Zürich (sorry für die „“, aber New York City lässt grüssen), grüsse man sich nicht und sei immer anonym und ungesehen. Durchsichtig. Luft. Ein Sandkorn am Strand. Klar grüsst man sich nicht auf der Strasse, das hatte ich mir in Aarau bereits abgewöhnen müssen als ich vom Land dahin zog. Nicht so meine Cousine, die noch immer auf dem Land wohnt und in Aarau einmal lachend bei mir angekommen war, sie hätte ständig Menschen gegrüsst und sei nur komisch angeschaut worden. Jaja. Was macht jemand wie sie in Zürich? Das ist ja dann die volle Überforderung, stelle man sich vor, sie spaziere die Bahnhofstrasse durabb und grüsst jeden.

Nein, so läuft das wirklich nicht hier in Zürich. Aber es gibt doch Menschen und Menschen sind nun mal keine Einzelgänger sondern Herdentiere. Der Mensch ist auf seinesgleichen angewiesen. Auch wenn wir uns immer wieder anderes einzureden versuchen. Und so werden doch manchmal ganz belanglose, schüchterne Brücken geschlagen im fremden Dschungel des Stadtlebens, an ganz banalen Orten, wie zum Beispiel der Kasse im Coop.

So auch am Freitagabend, als ich mich nach einigen Tagen des Flachliegens endlich einmal wieder an die Luft getraut hatte und mit meiner roten, leuchtenden Schnudernase einkaufen ging. Ein paar gekonnte Griffe in die Regale und schon befand ich mich an der Kasse. Hinter mir standen eine Mutter, ihre kleine Tochter und – so glaubte ich – eine Tante oder Grosi oder Freundin der Mutter (oder noch eine Tochter? Heute weiss man ja nie) in der Schlange. Die freundliche Kassiererin faltete mir die Papiertasche auf, so dass ich fröhlich mit Einpacken beginnen konnte, während sie die Produkte wie nebenbei über den Scanner zog. Niemand sprach, jeder befand sich in seiner kleinen individuellen Blase und man hörte nur die üblichen Geräusche, das regelmässige „Biep“ des Scanners, aufspringende Kassen, Papiertaschen, Münz, übliche Sätze der Kassierer/-innen, das Schweigen der Einkäufer/-innen und die Türe, die beim Öffnen das Vorbeirauschen des Trams draussen vernehmen liess und es den Lauschenden beim Schliessen wieder nahm.

Bis plötzlich das kleine Mädchen hinter mir mit einer hoch philosophischen Frage das Eis brach, als sie ihren Blick fasziniert über das Förderband auf der Kasse gleiten liess, das gefüllt war mit bunten Früchten und diversen Esswaren. „Du Mami, wer hat eigentlich das Essen erfunden?“ Die Kassiererin, die Mutter, die Tante/Grosi/Freundin/Tochter Nr 2. und ich brachen in Gelächter aus und die Brücke stand. Ich spürte, wie sich sofort unsichtbare Fäden zu spinnen begannen, die zwischen den Herzen hin und her flogen und diese miteinander verbanden, als die Kassiererin meinte „Jesses nei, so härzig!“ und ich dann, das etwas verlegene Mädchen in Schutz nehmend, einwarf: „Das ist eine sehr gute Frage!“ worauf ich das warme Lächeln der Tante/Grosi/Freundin/Tochter Nr. 2 erntete, das sich weiter verstärkte als ich dem Töchterli dann die lustigen Disney Stickers, für die ich nun wirklich zu alt bin (ja, ich habe eine Sekunde lang gezögert), schenkte. Ui, was für ein langer Satz. Aber so ist das doch mit den Verbindungen. Ist das Eis einmal gebrochen, nimmt es kein Ende und es entsteht unumgänglich ein kleines, zerbrechliches Beziehungsnetz und jede individuelle Blase platzt und man atmet plötzlich dieselbe Luft ein. Seien wir doch mal ehrlich, liebe Grossstädterinnen und Grossstädter, so schlimm ist das nun wirklich nicht, oder? Ich fand es wunderbar. Wie früher im Dorflädeli.

Das Mädchen bekam leider keine Antwort auf ihre Frage und ich wunderte mich dann den ganzen Heimweg lang, was ich ihr als Mutter wohl für eine Antwort geben würde. „Weisch, wenn du mit Essen zum Beispiel die Früchte und das Gemüse meinst, das gibt’s einfach so, das hat der/die da oben mit dem / ohne den weissen Bart erfunden. Das kann man im Garten selber pflanzen, oder von den Bäumen pflücken. So was Gesundes könnten wir Menschen wohl gar nicht erfinden. Wir haben den ganzen ungesunden Mist erfunden, von dem wir uns einreden, dass er uns gut tut und gesundheitsfördernd ist, damit wir bequem leben können und die Mächtigen ihr Geld machen damit. So läuft das auf unserer Welt.“ Hm. Oder dann doch: „Das ist so jemand wie der Samichlaus und der Osterhase, die da irgendwo im Süden ein Häuschen haben, wo sie die Esswaren basteln, blablabla…“ Ja, da wäre ich gern noch Mäuschen gewesen.

Was ich dem Töchterli und allen Kindern dieser Welt jedoch an’s Herz legen möchte: Bitte hört NIE auf zu fragen! Auch nicht, wenn der ganze Coop lacht! Denn eure Fragen sind berechtigt, klug und wichtig, sie bringen unsere erwachsenen Köpfchen durcheinander und das ist gut so! Und sie bringen Menschen zusammen!

Dafür sei euch herzlichst gedankt!

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