Herr Schönling vs. Gummitiere

Kürzlich stieg ich bei der Hardbrücke in den Zug nach Aarau ein und erwischte einen dieser Doppelstöcker, die mit einen Zwischenstock in der Nähe der Türe ausgestattet sind, wo zwei Viererabteile und ein kleines Zweierabteil zu finden sind. Also zehn den Raum gut nutzende Sitze. Weder erste noch zweite Klasse, wenn ihr mich fragt. Wie wenn man im Treppenhaus sitzen würde. Aber ihr fragt mich ja nicht, also erzähle ich einfach weiter. Ich setzte mich also in eines der beiden Treppenhausabteile, vorwärts und am Fenster. Mir gegenüber, jedoch auf dem Sitz am Gang, sass eine Augenweide eines männlichen Wesens. So viel gebündelte Schönheit, dachte ich, MUSS doch einen Haken haben. Na warten wir einmal ab.

Ich nahm mein iPhone und machte mich daran, meinem besten Freund auf ein rätselhaftes Bild zu antworten – eine Eigenschaft an ihm, die ich an manchen Tagen sehr liebe und an anderen verfluche, denn dann geht es natürlich darum, herauszufinden, was er mir damit sagen will – zum Beispiel mit der fotografierten Seite eines Buches – und er weiss um meine Ungeduld und manchmal macht mich das dann einfach echli hässig. Unterdessen habe ich gelernt und schicke dann amigs ein zusammenhangloses Bild zurück und er wirft sich in die aktive Rätselrunde, um mein Rätsel zu lösen. (in diesem Fall ein abfotografierter Schein eines nicht abgeholten Einschreibens von der Post. Wer verschickt schon Einschreiben über die Weihnachtszeit, wenn man eh fast nie zu Hause ist?!) Egal. Während wir also hin und her spekulierten, beobachtete ich im Augenwinkel den Schönling. Er hatte seinen Laptop auf dem Schoss und tippte mit der Adler-Technik irgendetwas hinein, während er sein Dinosaurier-Handy in der Hand hielt und fluchte. Ein weiteres Handy lag neben ihm auf dem Sitz, ebenso aus der Dinosaurier-Reihe stammend, und wartete darauf, dass die SIM Karte vom einen zum anderen gewechselt wurde. War dies erledigt, wurden die Handys in die Jackentaschen versorgt, der Laptop zugeklappt und in seine Tasche gepackt. So ein Säckli, das man oben auf beiden Seiten zuziehen kann und es – wenn man denn will – am Rücken tragen kann. Diese sind ja wieder voll in. Früher hatte ich so ein Turnsäckli.

Nun gut. Er griff zur Tüte mit den Gummi-Schleckzeug-Sachen, die als letztes Utensil neben ihm auf dem Sitz thronte, und schob sich ein Tier in den Mund. Womit sich auch der Haken in voller Lautstärke, unüberhörbar präsentierte. Er schmatzte. Er SCHMATZTE. Er schmatzte so laut, dass ich dachte, ich hätte ein Hörgerät und es zu laut eingestellt. Nein, natürlich habe ich kein Hörgerät. Ich schluckte leer und wagte einen Blick zu den wenigen anderen Menschen im Viererabteil auf der anderen Seite des Ganges. Ich sah Ekel, gemischt mit Amüsement auf ihren Gesichtern, eine Frau tippte wild in ihr Handy und ich war überzeugt dass sie dies gerade auf irgendein Netzwerk lud. Derweil schmatzte er weiter, schob sich Gummitier um Gummitier in seine Mundhöhle und gab gedankenverloren Geräusche von sich, schaute um sich, machte sich unglaublich breit für seine perfekte und wunderbare, auf den ersten Blick in einer schönen Mischung zwischen zierlich und männlich geformte, Figur, und ich erschrak, als er plötzlich den Laptop wieder aus dem Turnsäckli packte, ihn öffnete und zehn Sekunden später wieder versorgte. Dies wiederholte sich dann alle zwei Minuten. Die Handlungen liefen eher schnell und zackig ab und erst nach dem dritten Mal hörte ich auf, mich zu erschrecken. Als die Gummitiere ausgestorben waren und er die Verpackung entsorgt hatte, begann die nächste Geräuschekulisse. Er atmete laut, ja röchelte fast. Es war für mich klar, dass er auf irgendetwas wartete. Auf eine Antwort. Deshalb klappte er immer wieder den Laptop auf und fluchte, als er ihn wieder zu klappte uuuuuund dann musste er wieder atmen, gaaaaaanz laut. Als er dann noch begann, nervös und im 16/32 Takt mit dem linken Knie zu wippen, wurde ich auch langsam etwas kribbelig und versuchte mich damit abzulenken, meinen besten Freund über das Drama zu informieren. Herr Schönling lieferte mir Nachschub in Rekordzeit und ich kam mit tippen kaum hinterher. Denn plötzlich bekam der Arme auch noch den Schluckauf, der seine Atem-Autobahn in unregelmässigen Abständen unterbrach und ihn quasi in die Luft hüpfen liess. Jesses. Schmatzen ist ja das eine. Das könnte man ja noch regulieren, wenn man wüsste, dass man es täte. Atmung und Hicksi sind ja dann doch eher natürliche Vorgänge, die zum Körper gehören und ich sage ja selbst immer: „Was raus muss, muss raus.“ Sei dies ein Rülps, ein Atemstoss aus dem Hinterstübli oder ja, halt auch schnuufe und hicksen.

Meine innere Analytikerin stellte ziemlich schnell eine Diagnose. Aha. Angestaute Wut, klarer Fall von passiv-agressivem Verhalten. Da will etwas raus und stattdessen drückt er es mit Gummitieren noch weiter in die Magengegend, jesses werden die da unten eine verrückte Party feiern! Kein Wunder hat er da einen lauten Atem und Hicksi, unterstüzt durch ein wippendes Bein! Mein bester Freund reagierte auf meinen Diagnosebericht mit etwa fünfzehn Smileys, jene, die beim lachen noch weinen und empfahl mir eine Karriere als Detektivin. Ich antwortete, dass nein, da ich ja dann ständig solche üblen Rätsel lösen musste, mit denen er mich ja auch schon ab und an fütterte.

Die Geräuschekulisse des Herrn Schönling stabilisierte sich dann allmählich etwas, das Bein wippte weiter, die Atemgeräusche waren nach wie vor grenzwertig und sein Blick wanderte nervös nach links und nach rechts und nach hinten und wieder nach vorne und es glich dem nervösen Tanz einer ungeduldigen und hungrigen Taube. Ich beruhigte mich langsam und atmete durch, war aber auf der Hut für Erweiterungen der Geräuschevielfalt – aber es blieb ruhig und erst nachdem er sich drei Haltstellen lang an seinem Turnsäckli festgehalten hatte und der Zug erneut hielt, entschied er sich urplötzlich, doch noch aufzuspringen und ich zuckte zusammen, da dies so schnell geschah als hätte er sich aus dem hier und jetzt einfach weg gebeamt.

Nach diesem letzten Schock kehrten endlich wieder Ruhe und Entspannung ein. Eine Weile dachte ich noch darüber nach, wie viel Raum manche Menschen einnehmen, ohne dass es ihnen wahrscheinlich bewusst ist. Darüber, wie oft wir wohl Dinge tun, von denen wir nicht wissen, dass wir sie tun. Oder wie laut wir sie tun. Und jemanden zu sehen, der, ohne sich darum zu kümmern was seine Mitmenschen denken, in voller Lautstärke seine Gummitiere zermalmte, löste wohl auch ein Stück Neid aus, denn wünscht sich schlussendlich nicht jeder, so sein zu können wie er ist? Mitsamt schmatzen und röcheln? Mir scheint manchmal, dass wir verlernt haben, laut zu sein. Und ist dann jemand laut, finden wir es urgrusig. Ich ja auch. Uns selbst zu sein, mit der ganzen Geräuschekulisse, für die unser Körper nun mal natürlicherweise gebaut ist, ist nicht anständig.

Als die Landschaft des schönen Aargaus so an mir vorbeizog, verblassten die Gedanken langsam und als ich in Aarau ankam war ich erfüllt von der Geräuschekulisse der Musik in meinen Ohren

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