Die heilige Mütze

Nun möchte ich mit euch einen dieser Momente teilen, die so rar im Leben sind, dass man sie sich tätowieren lassen möchte. Die man heiraten möchte. Einen dieser Momente, wo man sich auf den Boden setzen muss vor lachen und fast in die Hose pinkelt. Ich weiss, man sollte ja Lustiges nicht allzu gross ankündigen, um die Erwartungen der Leser nicht zu enttäuschen am Schluss. Und Situationskomik ist vor allem für diejenigen lustig, die dabei sind.

Aber das, was jetzt gleich kommt, IST LUSTIG.

Der Held der Geschichte, der mir sehr nahe steht, hat mir die Erlaubnis gegeben, sie niederzuschreiben, unzensiert und in allen Farben zu veröffentlichen. Er bekundete, es sei ihm egal, ob er dabei anonym bleibe oder mit Namen genannt wird. Ich überlege mir dies noch, da er doch ein grosser Held darstellt, wie ich finde, und nenne ihn zwischenzeitlich einfach einmal Adam. Wie ihr später lesen werdet, ein durchaus passender Name, den er übrigens neuerdings von mir als würdigen Übernamen übergestülpt gekriegt hat.

Ich betitle die Geschichte mit: „Die heilige Mütze“

„Meine Mützen sind mir heilig“, habe ich schon mehrmals zu hören bekommen von Adam, seit ich ihn kenne. Er trägt seine Caps oft, stolz und gern. Die Mützen, die es auf seinen Kopf schaffen, wissen, dass ihnen ein Leben ewiger Treue zuteil wird. WIE heilig sie ihm sind, das weiss ich allerdings erst seit heute.

Ein ganz normaler Mittwochnachmittag. Es regnet und Adam und ich treffen uns bei ihm zu Hause, schmieren uns leckere Brote und quatschen. Plötzlich drückt die Sonne und es zieht uns hinaus. Also satteln wir seine grüne und meine Lieblings-Vespa und fahren in Richtung Aare. Wir passieren Maisfelder, die leider zu weit vom Strassenrand entfernt sind, um sie mit der ausgestreckten Hand zu streifen – so wie ich das früher mit dem Fahrrad immer getan habe und mir dabei vorgestellt habe, es seien meine Fans, die alles darum geben, meine Hand zu berühren. Naja. Egal.

Wir wollen uns also auf einen Spaziergang machen, der uns zu den Sandbänken zwischen Aarau und Schönenwerd führen soll, die jedoch nach den Regenmengen der letzten Zeit kaum noch zu finden sind. Unglaublich! Da ist einfach nur noch Wasser überall! Aber ich schweife ab, die Sandbänke spielen nämlich in der Hauptgeschichte gar keine Rolle. Als wir die Vespa abstellen, sehen wir also, dass der Wasserstand der Aare nach wie vor sehr hoch ist und wir überqueren staunend die Brücke, nach der sich dann der Fluss in zwei Teile teilt, die parallel weiterfliessen. Die Brücke, von der normalerweise um die Jahreszeit Menschen mit und ohne Schwimmreifen in das kühle Nass springen und sich gemütlich treiben lassen. „Da würde ich um kein Geld hinein springen im Moment“ sind meine Worte, als ich die Wassermassen ehrfurchtsvoll beobachte, die sich in einer hellbraunen, wilden Masse ungestüm in Richtung Aarau bewegen. Ich bleibe mitten auf der Brücke stehen und recke mein Gesicht in die wunderbare Sonne. Es riecht nach Herbst. Es ist stürmisch, ich schüttle meine Haare aus dem Gesicht und greife in der Jackentasche nach meinem Handy, um damit ein Foto zu knipsen. Ich blicke mich nach Adam um, der sich gerade in der Sonne streckt, um auch ihn auf einem Foto festzuhalten. Und dann geht alles ganz schnell.

Ich sehe gerade noch, wie der Wind Adams Mütze, ein braun-weisses Cap, eines eben dieser „heiligen“ Sorte, frech packt und der Aare in hohem Bogen zuwirft, welche sie gekonnt auffängt und sie mit den Wassermassen weiterträgt. Oje, wie schade! Für mich ist die Sache dann aber eigentlich bereits abgehakt, ich fluche kurz und winke der Mütze im Geiste noch „Auf Wiedersehen“.

Nicht so für Adam. Oh, nein. Für Adam hat das Abenteuer eben gerade begonnen. Er stellt sein Malz-Getränk an der Ecke von Brücke zu Festland ab und weg ist er. Ich sehe ich ihn nur noch rennen. Die Mütze ist im rechten der zwei Fluss-Arme gelandet und so folgt er ihr also dem rechten Ufer entlang, wo er dann irgendwo auch seinen umgebundenen Pulli abwirft, damit er schneller vorankommt. Ich denke für mich noch, dass er das vergessen kann, dies schnell einsehen und zurückkommen wird und mache mir gar nicht erst die Mühe, ihm hinterherzurennen. Die Wassermassen werden den Hut sicherlich schon verschluckt haben. Ich sammle also seine Flasche und den Pulli ein und sehe Adam von Weitem nach, wie er unbeirrt flussabwärts jagt. Dann gibt es eine kleine Biegung nach links im Fluss und er verschwindet dahinter. Aus Neugier spaziere ich auf die kleine Brücke, die über den rechten Fluss-Arm zum mittleren Inselteil führt, um einen Blick nach unten zu werfen. Und da sehe ich zu meinem Erschrecken tatsächlich einen Menschen in der oben erwähnten Biegung, der durch die Wassermassen schwimmt, etwas ergreift und sich dann wieder an den Rand zu kämpfen versucht. Ich erstarre und als ich nochmals die Strömung unter mir vorbeisausen sehe, renne ich los. In meinem Kopf läuft ein Film ab, der sich gerade zu einem Horror Film entwickelt. Hat sich Adam nun tatsächlich mitsamt den Kleidern in die Aare hinein gestürzt? Was, wenn er es nicht bis an den Rand zurück schafft? Spinnt der eigentlich? Ich sehe ihn vor meinem inneren Auge schon halbwegs ertrinken, sehe mich, die ihn in letzter Sekunde noch rettet. In der einen Hand unsere beiden Getränke und in der anderen seinen Pulli, spurte ich los. Ich rufe nach Adam und werde langsam etwas panisch. Ich pfeife, ich rufe und ich suche mit meinen Augen das Ufer ab.

Wäre ich ein TV-Heini, der nur Geld im Kopf hat, würde ich hier eine Fruchtzwerge Werbung platzieren. Da ich aber ich bin, schreibe ich einfach weiter.

Ich spiele also weiter alle möglichen Szenarien durch, als ich immer schneller renne. Plötzlich bleibe ich jedoch stehen. Nein. Nicht alle Szenarien. Nicht dieses. Denn er hängt nicht an einem Baum. Er ist auch nicht völlig durchnässt und erschöpft irgendwo am Ufer. Adam schlendert mir entgegen, auf dem geteerten Weg an der Sonne. Flussaufwärts spaziert er, seelenruhig und splitterfasernackt. Na ja nicht ganz, denn an der Stelle eines Ahornblattes trägt er seine heiss geliebte braun-weisse Mütze. Er winkt, grinst stolz und ich schnappe nach Luft, weil ich nicht glauben kann, was ich sehe. Ein nackter Mann mit der heiligen, geretteten Mütze in seiner edlen Gegend. Ein Bild, das ich wohl nie wieder aus meinem Gedächtnis löschen kann. Der Horror Film nimmt eine unerwartete Wendung hin zu einer Komödie.

Ich bin natürlich erleichtert, dass er überhaupt da vor mir steht und brauche einen Moment, um die Ereignisse der letzten paar Minuten zu verarbeiten. Und während er die trockenen Kleider am Ufer findet und sie sich erleichtert überzieht, pruste ich endlich laut los, quietsche und lache und muss mich erst einmal auf den Boden setzen, voller Unglauben, in welch skurriler Situation ich da gerade gelandet bin.

Um die Geschichte inhaltlich zu vollenden: Adam rannte tatsächlich schneller als der Hut, riss sich kurzentschlossen alle Kleider vom Leib, stürzte sich ins Wasser und kletterte etwas weiter unten wieder an das Ufer – mit seinem geretteten Hut.

Was mich angeht. Ich sass also da am Boden, lachte über das Bild in meinem Kopf, staunte über die Schnelligkeit Adams, sich sogar noch die Kleider vom Leib zu reissen, bevor er sich in die Wassermassen stürzte und in dem Moment war ich, und das bin ich auch genau jetzt wo ich diese Zeilen schreibe, einfach nur von Herzen dankbar für so, so, so wunderbar verrückte Menschen wie Adam, der sich für seine geliebte Mütze kompromisslos in reissende Flüsse wirft und nicht eher aufgibt, bis er sie gerettet hat. Und mir damit eine Erinnerung geschenkt hat, die mich unkontrolliert und laut loslachen lässt, wo immer ich bin, wenn ich nur daran denke.

:)

adam

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