Unsere grossen, starken Kinder

Heute Morgen sass ich bei mir um die Ecke in einem Café und gönnte mir einen Cappuccino. So einen mit viel Schaum und Schoko-Pulver obendrauf. Da in meiner Wohnung kurz vor meinem Auszug noch der Holzofen ausgewechselt wird, gähnt die Küche ziemlich leergeräumt vor sich hin und die Kaffeemaschine spuckt zwar noch Kaffee aus aber Milch gibt es keine, da ich morgen für eine Woche in die Wohnung meines besten Freundes ausweichen muss und in der Räum- und Austrinkaktion gestern wohl vergessen hatte, dass heute auch noch ein Tag ist. Aber ohne meinen morgendlichen Kaffee geht gar nichts, also kommen wir wieder zum Anfang der Geschichte. Ich genoss also die ersten paar Schlücke Kaffee, die wohlig meine Kehle hinunterflossen und mir dieses unbezahlbare Gefühl von Geborgenheit schenkten. Ich schrieb krakelige Sätze in mein Notizbuch, versuchte meine Gedanken zu ordnen, wie üblich vom einen chaotischen Haufen zum nächsten chaotischen Haufen und tauchte immer mehr ein in den Moment, hörte Menschen reden, Trams bimmeln, Fahrräder klingeln, und Geschirr auf den Nebentischen chläfelen. Ich hielt kurz inne und atmete seit Tagen zum ersten Mal tief durch und lehnte mich zurück. Wie mir ein Freund in einem E-mail gerade so schön geschrieben hatte: Eine wilde Zeit 

Eine Frauenstimme übertönte plötzlich die mehr oder weniger gleichförmige Geräuschkulisse und riss mich aus meinen Gedanken und Träumereien. Sie klang ziemlich angepisst, fast etwas hysterisch und versuchte dies in keiner Weise, zu verstecken. Ich konnte den Gedanken über das Paradox zur Schweizerischen Zurückhaltung nicht zu Ende denken, denn ich verstand sie nämlich gar nicht, was daran lag, dass sie Spanisch sprach, beziehungsweise schrie. Ich liebe die Leidenschaft in der spanischen Sprache und die Hoffnung in mir stieg, dass ich Zeugin einer angeregten Diskussion sein würde und einer wilden Wortschlacht lauschen durfte. Meine Augen suchten also die zur Stimme gehörige Person und ich erblickte das kleine Grüppchen Menschen nun ziemlich in meiner Nähe, als eine männliche Stimme ihr – nur ganz wenig leiser – antwortete. Ich spreche kein Spanisch, aber es war mir sofort klar, dass es sich um eine Krise handelte. Die Frau mit den blonden, halblangen Haaren machte mit dunklen Ringen unter den Augen einen etwas müden Eindruck. Sie trug ein rosafarbenes Shirt und eine helle Hose. Er, vermutlich ihr Mann, mit kurioser Frisur und unzähligen Tatoos an beiden Armen, die er mit seinem Muskelshirt offen präsentierte, trug eine Sonnenbrille, die seine Augen pflichtbewusst verbarg. Doch da war noch jemand dabei. Etwas versteckt, unscheinbar aber mit knallgrünen Kleidern und einer gelben Sonnenbrille geschmückt – ein Mädchen, schätzungsweise in der Anfangsphase des Teenagertums. Das Gesicht ohne Aussagekraft, irgendwie hart und etwas versteinert. Oder doch verunsichert und abwartend? Ich wusste es nicht so genau. Eine Familie also.

Ich versuchte, mich wieder auf meine Notizen zu konzentrieren, da ich die Kleinfamilie nicht bei einem Streit beobachten wollte, aber die Lautstärke der Stimmen liess mich erneut aufschrecken und meine innere Beobachterin wurde nun doch aktiviert. Ich wusste nicht, worüber sie stritten. Aber ich spürte, dass es um’s Eingemachte ging. Ihre Stimme klang vorwurfsvoll. Seine Stimme klang trotzig, etwas defensiv. Sie warf ihm möglicherweise einen Fehler vor und er versuchte nun, sich ihr zu erklären, wobei er wiederum auf Granit biss, da sie ja doch nur ihre eigene Wahrheit hören wollte. Etwa so stellte ich mir das vor. Da war eine dicke, eisige Mauer zwischen den beiden. Und vielleicht war es ein Versuch der Tochter, diese zu brechen, oder aber eine Erinnerung an ihre Anwesenheit, denn sie schlüpfte plötzlich zwischen den beiden streitenden Elternteilen hindurch und setzte sich auf die Mauer. Dasselbe taten die Eltern. Mutter, Vater, Tochter. Die Tochter passte irgendwie nicht in das Bild und ich wunderte mich, ob die Eltern es bemerken würden, wenn sie plötzlich nicht mehr Teil der Szene gewesen wäre. Sie wurden leiser und meine Aufmerksam floss zurück zu meinen Notizen. Ich schrieb weiter und liesse da Gehörte und Gesehene wieder los.

Mein Geschriebenes füllte nach und nach Seiten und ich hatte das Szenario bereits vergessen, als ihre Stimme erneut erschallte. Sie klang laut, hysterisch und offenbar hatte er ihr nun einen Grund gegeben, aufzustehen und laut einen letzten Satzknäuel in seine Richtung zu schwarten und dann mit einem lauten „Ciao!“ dramatisch abzugehen. Wäre das ein Theaterstück, hätte sie von mir Szenenapplaus bekommen.

Er rief ihr im selben Tonfall ein wütendes „Adios!“ hinterher und blieb erstmal sitzen. Ich spürte, dass er verletzt war. Hinter seiner Sonnenbrille gut versteckt, sass ein tief getroffener Mann. Er sank etwas in sich zusammen. Die Tochter sass neben ihm und ich konnte nicht genau unterscheiden, ob es Teilnahmslosigkeit war, oder ebenfalls eine Art Konsterniertheit, die sie ausstrahlte. Ich sah zum Mann und dachte so laut wie möglich: „Nimm deine Tochter in den Arm. Nimm deine Tochter in den Arm. Schau sie an. Rede mit ihr. Gib ihr ein Zeichen.“ Doch nichts dergleichen geschah. Er kämpfte eindeutig mit der Fassung.

Was dann passierte, berührte mich sehr.

Denn es war die Tochter, die ein Stück näher zu ihrem Vater rückte, ihm tröstend über seinen Arm strich, ihren Arm beschützend um seine Schultern legte und ihren Kopf sanft an sie lehnte. Er liess das ein paar Sekunden lang zu, reagierte jedoch nicht, sondern stand plötzlich auf. Er blickte unsicher in die Richtung, in der seine Frau verschwunden war und nach ein paar Augenblicken des Wartens gab er auf. Sie würde nicht zurückkommen. Vorerst. Also spazierte er davon und die Tochter musste sich etwas beeilen, um bei seinem vorgelegten Tempo mitzuhalten. So verliessen die beiden ebenfalls die Szene und das Theaterstück fand sein Ende. Der Vorhang fiel und in meinen Augen stauten sich nun Tränen an, die schliesslich über den Rand des unteren Augenlids quollen und sich den Weg über meine Wangen bahnten, um dann mutig den Sprung von meinem Gesicht in meinen Schoss zu wagen, wo sie von meinen Jeans weich empfangen wurden und in ihr Stoffleben integriert.

Unsere grossen, starken Kinder. Ich war beeindruckt. Geschockt. Berührt. Unsere grossen, starken Kinder.

In Gedanken umarmte ich die Tochter so herzlich, wie ich nur konnte und widmete mich schliesslich wieder meinen Notizen. Ein Sonnenstrahl kitzelte an meiner Nase und wie ich den letzten Schluck meines Kaffees genoss, sog die Sonne genüsslich die letzten Überreste meiner Tränen in sich auf und wir beide gingen frisch gesättigt unseres Weges.