Engel im Regen.

Es gibt sie. Diese Tage, diese Wochen, diese Zeiten, in denen es öfter regnet, als dass die Sonne scheint. Zum Glück hat die Sonne immer wieder die Gelegenheit, ein klitzekleines bisschen aufzureissen, um uns zuzuzwinkern und uns daran zu erinnern, dass sie immer da ist. Und uns nicht vergessen hat.

In ihrer türkisfarbenen Regenjacke, den geöffneten hellblauen Regenschirm in ihrer rechten Hand, stand sie an der Bushaltestelle im Regen. Es war dunkel. Sie war selten so traurig wie an diesem Abend. Genau so gut hätte sie den Schirm schliessen können. Sie hätte den Unterschied nicht bemerkt. Sie weinte nicht gern an öffentlichen Orten. Heute war es ihr egal. Sie hatte schon geweint, als sie in den Zug nach Hause gestiegen war, sie hatte beim Umsteigen geweint und sie hörte auch jetzt nicht auf, als sie auf den Bus wartete. Warum auch? Sie tat es dem Regen gleich. So fühlte sie sich zumindest ein kleines bisschen weniger allein.

An der gegenüberliegenden Haltestelle, wo Bus und Tram in die Gegenrichtung fuhren, hielt ein Tram. Sie achtete kaum darauf und ihre Augen suchten stattdessen irgendwo nach Halt. Ausser den Regentropfen im Licht der StrassRegen.enlaterne fanden sie nichts Vielversprechendes und selbst wenn sie sich an ihnen festzuhalten versuchten, nahmen ihr die Schleier ihrer eigenen Tränen erneut den Halt und liessen sie buchstäblich im Regen stehen. Das Tram bimmelte und setzte zur Weiterfahrt an. Aus irgendeinem Grund hüpften ihre Augen von Fenster zu Fenster des vorbeirauschenden Gefährts und blieben, als wäre es die Antwort auf eine Frage, plötzlich haften. Sie blieben haften. Am Blick und am Lächeln eines jungen Mannes, das ihr galt. Nur ihr. Er sah ihr aufmunternd und ohne Umwege Mitten in das Herz hinein und schenkte ihr eine klare, unwiderstehliche Aufforderung, der sie sich nicht zu entziehen vermochte. Und ehe sie sich versah, lächelte sie. Gegen ihren eigenen Willen, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit, trotz der bleiernen Schwere ihrer Mundwinkel, lächelte sie.

Und auf einmal war alles etwas leichter. Es regnete noch immer. Sie war noch immer, wo sie war. Wie weinte noch immer. Doch sie lächelte. Dank dieser Begegnung mit einem Unbekannten, die ihr wohl mehr gab, als der Gute sich jemals vorstellen konnte.

Sie schickte ihm innerlich ein herzliches Dankeschön und wusste wieder, wie einfach es doch eigentlich war, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Wo alle ständig versuchten zu kämpfen, zu diskutieren, einander auszustechen mit guten Argumenten, wie man die Welt doch retten könnte, und dabei vergassen, dass sie die Welt retten wollten.

Dabei reicht oft nur ein Lächeln, das aufrichtig jemandem gilt, der gerade im Regen steht und weint – und eine ganze Welt ist gerettet.

Heute war ihre Welt gerettet.

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