Diese Sache mit der Dankbarkeit

Wir können es manchmal nicht mehr hören, oder? „Sei dankbar, für das, was ist, und du wirst glücklich sein.“ Überall liest man, hört man, vernimmt man von der Magie der gelebten Dankbarkeit. Sie ist der ideale Lebensweg. Nur wer in Dankbarkeit lebt, wird weiterhin erfüllt mit Dingen, für die er weiter dankbar sein kann. Puh.

Aber wie zum Teufel geht das, wenn man gerade so tief im Schlamassel steckt, dass man jeden Tag neu herausfinden muss, wie das alles zu schaffen ist? Gesundheitlich, finanziell, es gibt genügend Gründe in unserer Welt, die uns in Mangeldenken stürzen, die uns zu Sorgen hinreissen und die den Negativteufelskreis füttern, so dass man Runde um Runde im Karussell der Sorgen, Ängste und Dunkelheit dreht. Wofür soll ich dankbar sein, wenn ich gerade gesundheitlich nur am kämpfen bin? Wenn mir gerade jemand ein Projekt geklaut hat? Wenn irgendwie alles harzig scheint? Wie soll ich eine dankbare Haltung einnehmen, wenn die Welt ein gefährlicher, beängstigender Ort zu sein scheint?

Im Trubel der Wintermonate habe ich mich dies oft gefragt und es gab auch die Momente, in denen ich sie dankend ablehnte, die gute Dankbarkeit, und erstmal eine Pause einlegen wollte, weil ich zwar darum WUSSTE, sie aber nicht FÜHLTE.

Eines Nachmittags im Zug wurde ich dann auf schöne Weise wieder mit ihr in Verbindung gebracht. Ich sass am Fenster und hörte von Weitem eine angenehmen Frauenstimme. „Billett Kontrolle, alli Billett bitte!“ Der Automatismus des nach der Tasche Greifens, in deren Inhalt nach dem Geldbeutel Grabens und innerhalb des Geldbeutels nach diesem kleinen Ticket Suchens, wobei wie wir das alle kennen zuerst das von gestern, vorgestern und dem letztem Jahrhundert zum Vorschein kommt, setzte ein und ein paar Minuten später hielt ich das bedruckte Zäddeli und mein Halbtax in der Hand, bereit für die Frau Kontrolleurin. Wir sind uns ja gewohnt, dass die Herren und Frauen Kontrolleure einen kurzen Blick auf das Zugbillett werfen, schweigend nicken und dann ihres Weges gehen. Selten mal huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, manchmal gibt es einen kleinen Blickkontakt, wenn sie das Foto auf dem Abo mit dem Gesicht synchronisieren. Unauffällige, ruhige Persönlichkeiten. Meinen Lieblingskontrolleur traf ich einmal, als ich mit einem (sehr gut aussehenden) Papa zweier Kinder und seinem Jungen – schlecht geschätzt etwa 7 Jahre alt – im Abteil sass. Der Kontrolleur sah schon aus wie der Nikolaus und wirkte auch so, und ich musste mich zusammenreissen, dass ich ihn nicht darum bat, sich hinzusetzen, damit ich mich auf seinen Schoss kuscheln konnte. Nun gut, der schöne Papa bat dann um ein Kinderbillett für seine beiden Zwerge und der Nikolaus durchsuchte jede Tasche dreimal und dies mit einer Engelsgeduld, dass ich wirklich fast glaubte, dass da der Nikolaus in Person stand. Als er die Kinderbillette einfach nicht finden konnte, kam der Junge etwas näher zum handsome-daddy, der neben mir sass und flüsterte gut hörbar: „Vielleicht hat er es im Oberstübli versteckt.“ worauf sowohl der Papa als auch ich ein lautes Losprusten nur mit aller Kraft unterdrücken konnten und belustigte Blicke austauschten. Der Nikolaus fand sie dann glücklicherweise doch noch und alle waren happy.

Aber ich schweife ab. Frau Kontrolleurin schritt also ihres Weges durch den Dschungel der Zugabteile und ich hörte sie immerzu etwas sagen. Von Weitem konnte ich sie nicht verstehen und wunderte mich. Eine Plaudertasche zur ADankbbwechslung? Als sie näher kam wurde mir dann plötzlich bewusst, dass sie ständig ein einziges Wort wiederholte und zwar laut und deutlich bei jedem einzelnen Passagier des Zuges. Jede Kontrolle quittierte sie mit einem freundlichen „Danke“. Ich hätte zählen sollen! So musste ich plötzlich lächeln und dachte an all diese vorgeschlagenen Dankbarkeits-Übungen. „Kleb ganz viele Zettel mit „Danke“ drauf überall in der Wohnung hin.“ oder „Sag innerlich jedem Menschen, dem du begegnest, danke.“ oder „Sei so oft du kannst dankbar und schreibe es dir jeden Abend vor dem Schlafengehen auf.“ Welch gesegneten Beruf also die Kontrolleurin plötzlich hatte in meinen Augen, da sie tagtäglich hunderte Male das Wort „Danke“ aussprach und dem Wort so ihre ganze Energie zusprach. Wie gerne hätte ich sie nun am Ärmel gezupft und sie über ihr Leben ausgequetscht. War sie glücklich? War sie sich dieser besonderen Arbeit und der wundervollen Art, wie sie sie ausführte, bewusst?

So war die Dankbarkeit plötzlich wieder in meinem Leben und was war ich dankbar dafür! Ich danke der Frau Kontrolleurin von ganzem Herzen, dass sie sie mir zurückgebracht hat und mich wieder achtsam gemacht hat. Plötzlich wurde mir auch bewusst, wie einfach Dankbarkeit ist! Es geht nicht um erzwungene Übungen! Es geht nicht um Verschleudern von gerodeten Wäldern in Form von Zetteln in der ganzen Wohnung, die man nach zwei Tagen sowieso nicht mehr bewusst wahrnimmt!

Es geht um Achtsamkeit. Es geht um Fokus. Es geht darum, in jeder Situation das Schöne zu sehen, in jeder Begegnung das Gute und in jedem Konflikt das Geschenk. Und das gibt es. Immer und überall. Es gilt nur hinzuhören, hinzufühlen, hinzusehen und im Herzen offen zu sein.

Und dann entwickelt sich ein weiterer wunderbarer Automatismus. Die Dankbarkeit. Weil sie sich dann wie von selbst einstellt und dann auch von Herzen kommt.

Danke für’s Lesen!

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