Tag der offenen Altstadt

Ein normaler Mittwochabend im Dezember, es ist Winterzeit und kalt. Mit meinem Besten spaziere ich dick eingepackt durch die Altstadt von Aarau, wohlgenährt von einem legendären Burger aus dem Falken. Wir spazieren zur Kirche, lassen die frische Winterluft an meinem Lieblingsplatz einmal tief in die Lungen strömen und nehmen von da die steile Treppe links hinunter, was zwar ein kleiner Umweg bedeutet, jedoch Teil meiner Lieblingsroute ist und so schlängeln wir uns gemächlich durch die Gassen. Dabei müssen wir ständig aufpassen, dass wir uns nicht gegenseitig immer wieder auf die Füsse treten oder einander seitlich rammen. Ja, wir mögen uns, wirklich! Wir schauen einfach beide gern von Weitem durch die warm beleuchteten Fenster in fremde Wohnungen hinein, wo dann verständlicherweise der Fokus überall anders als auf dem Weg vor uns liegt. Ich liebe ja ganz besonders die Fenster der Altstadt und könnte stundenlang hineinschauen, mir das Wohnzimmer oder Schlafzimmer oder Bad anschauen, zumindest die drei Millimeter, die davon zu sehen sind, um dann den Rest der Wohnung zu erahnen. Dabei liegt die Magie wohl vor allem am Erahnen. Liebe Bürgerinnen und Bürger von Aarau: Keine Angst! Ich gucke aus den Augenwinkeln und nur zwei, höchstens viereinhalb Sekunden in Ihre Wohnung hinein. Machen Sie sich also bitte um meinen Geisteszustand keine Sorgen und schon gar nicht um Ihre Sicherheit. Und wenn es Sie doch beunruhigen sollte, bitte ich Sie, sich blickdichte Vorhänge zuzulegen. Fronten geklärt, wir können weiter voranschreiten. Genau, so schreiten wir gemütlich voran und erahnen durch den Nebel des Kältehauchs vor unseren Mündern und durch die durchsichtigen Vorhänge diversen Geschmacks wunderschöne Aarauer Altstadtwohnungen. Wir spinnen den Faden weiter und ich finde, eigentlich würde ich mir am allerliebsten jede einzelne Wohnung von Innen anschauen, die es in der Altstadt gibt. Jede kleine, noch so versteckte, verwinkelte Wohnung. All die herrlich romantischen Innenhöfe. Man würde staunen, da bin ich mir sicher! Ich selbst durfte eine Weile im Stadthöfli wohnen, diesem kleinen, unrealistisch süssen Hof direkt hinter der Tuchlaube. Ein Bijou! Jeden Morgen, als ich meine Wohnung durch die Laube verliess, fühlte ich mich wie in einem Märchen. Wunderbare Ecken hat unsere Altstadt zu bieten!

Ich habe plötzlich eine Idee und ramme meinem Begleiter nun gewollt meinen Ellenbogen in die Seite. Warum macht man eigentlich nicht einen Tag der offenen Altstadt? Jeder öffnet seine Wohnung für ein paar Stunden und man darf kurz einen Blick hineinwerfen. Wie toll wäre das! Natürlich würde jeder bei sich zu Hause auch gleich ein paar Häppchen zum Naschen aufstellen und ganz nebenbei wäre das DIE Gelegenheit, neue Menschen kennenzulernen und sich mit Nachbarn anzufreunden, von denen man nicht einmal wusste, dass sie Nachbarn sind. Eine wundervolle Idee! Die dann schnell umschlägt, nämlich in den Teil mit den Risiken und Nebenwirkungen. Ja sag mal, würdest du denn Hetri und Pletri in deine Wohnung lassen mit ihren Dreckschuhen und dann krümeln sie dir auch noch die Wohnung voll und stecken gar noch eine Vase ein beim Rausgehen, oder die schöne Fruchtschale von Tante Hedi? Da müsste jeder seine Wertsachen verstecken, aber bitte in einem guten Versteck, nicht einfach unter der Matratze! Und dann? Dann kommt etwas weg und wer haftet? Die Stadt? Hui, das wird uns mit unseren vollen Bäuchen dann doch etwas zu komplex und wir verabschieden die Idee mit dem unsichtbaren Zerplatzen einer Gedankenblase über uns, begleitet von einem imaginären „Plopp“ und wir wenden uns wieder den Fenstern zu, wo zum Beispiel gerade eine Katze ihr Hinterteil reinigt und uns dann besserwisserisch zublinzelt.

Wahrlich eine Stadt voller Geheimnisse!

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