Bobby

© by Isabelle Gautschy

Migros-Highlight

Szene: Bushaltestelle Rössli, Erlinsbach

Müde setze ich mich auf die Bank im kleinen Häuschen der Bushaltestelle, mit drückendem Kopf von der Hitze und vorfreudig auf eine hoffentlich baldige Abkühlung. Im Häuschen sitzt ebenso eine alte Dame mit ihrem Rollkoffer, der modern und kaum gebraucht aussieht. Beige, Ton in Ton mit ihren Klamotten. Sie sitzt da, wir grüssen uns und ich weiss, dass wir gleich in’s Gespräch kommen werden. Etwas, das ich sehr schätzen gelernt habe an diesem kleinen Vorort von Aarau. Man redet eben noch miteinander. Und siehe da, schon ergreift sie das Wort.

Es sei ja schon unglaublich drückend. Die Hitze ginge ja noch, da seien wohl alle Eltern froh, wenn sie ihre Kinder hinausschicken können. Sie habe früher ihre Kinder auch bei jeder Gelegenheit nach draussen geschickt und sei froh gewesen, wenn nur zwei von fünf daheim waren. Das habe diesen Sommer sicherlich vielen Eltern das Elternsein erleichtert. Aber diiiiiieses Drücken. Sie spüre das immer im Herz, schliesslich hatte sie ja schon zwei Herzinfarkte. Aber sie sei ja auch schon achtundsiebzig Jahre alt. Sie hält kurz inne und sagt: „Die Vorstellung, bald achtzig zu werden, ist also schon sehr komisch.“ Dann zwinkert sie mir zu und fügt an: „Aber wüssedsi, ich sehe nur so alt aus, im Herzen bin ich junggeblieben.“ Ich lache und frage sie, ob sie hier aufgewachsen sei. Nein nein, aber sie wohne seit sechsundfünfzig Jahren im Dorf. Da sei es alles noch viel kleiner gewesen, nur da wo die Migros heute ist, habe es einen „Konsum“ gegeben und da habe man nur das Nötigste einkaufen können. Man habe halt damals auch noch viel mehr selber angebaut. Sie eröffnet mir, dass sie fünf Kinder grossgezogen habe und einmal im Monat seien sie dann in die Stadt (Aarau) gefahren und hätten einen Besuch in der Migros abgehalten – wo die Kinder sich dann etwas aussuchen durften: Ein Eis, ein Stück Kuchen, was auch immer. Das sei immer eine riesengrosse Geschichte gewesen für sie. Ein Highlight. Sie schweigt und lächelt.

Wir steigen in den Bus und reden während der Fahrt über Leben und Tod, über Glück und Pech und schliesslich sagt sie: „Jaja, das Leben ist eben kein…“ als ihr kein passendes Wort einfallen will helfe ich ihr aus. „Ponyhof! Das Leben ist kein Ponyhof.“ Wir tauschen wissende Blicke, sitzen da und grinsen schliesslich wie kleine Kinder, während sich Massstäbe wie Alter und solcherlei Geschichten einfach so in Luft auflösen. Nicht wahr, wir sind schliesslich so jung, wie wir uns fühlen.

Nachdem sie ein paar Stationen später ausgestiegen ist, denke ich an früher und bin dankbar, dass auch ich in der Kindheit solche Migros-Highlights erleben durfte. So machten wir ein paar Mal pro Jahr einen ausgiebigen Ausflug nach Luzern – was nur schon das Abenteuer der Autobahnfahrt mit sich brachte – und bummelten durch die Altstadt und die Läden. Es wurde uns das ein oder andere gegönnt, aber wir Kinder wünschten uns eigentlich immer schon beim Einsteigen in’s Auto zu Hause das eigentliche Highlight des Ausflugs herbei: Den Besuch im Mc Donalds, der einen leckeren Burger, ein feines Cola, ein kleines kitschiges Plastikgeschenkli aus dem Happy Meal und ein paar Momente auf dem indoor Spielplatz beinhaltete. Selig waren wir nach solchen Tagen.

Ich danke der guten Frau innerlich für die Erinnerungen, für die schöne Begegnung und wundere mich, was denn diese Migros-Highlights wohl für die heutigen Kinder sind? Heute, wo man sich quasi jeden Wunsch im Internet bestellen kann und Migros und Mc Donalds sich beinahe an jeder Ecke die Hand geben? Heute, wo man günstig und schnell am Meer ist und Nichts unmöglich scheint?

Ich wünsche auf jeden Fall allen Kindern da draussen ein solches Migros-Highlight, das ihre Herzen höher schlagen lässt und welches die Tage davor mit Vorfreude und die Tage danach mit Erinnerung schmückt. Und wo natürlich die Frage: „Wie viel mal schlafen noch bis zum Migros/Mc Donalds/Sackhüpfen im Feld/…???“ jeden Abend vor dem Einschlafen den Tag abrundet.

Und was war euer Migros-Highlight früher?