Frühling

„Sonne auf der Haut. Milde Luft strömt in die Lungen. Es ist da, das kleine Licht am Horizont. Endlich, nach Wochen der klirrenden Kälte, Schnee und Eis drückt das Grün wieder. Das Grün der Wiesen – das bräunliche Spuren des Winters trägt. Das Blau des Himmels, das auf einmal wärmer wirkt. Die Luft ist auf einmal wieder geniessbar und nicht länger ein eisiges Stechen. Hoffnung. Man stellt sich vor, wie sich die Samen unter dem Boden regen und sich räkeln, um noch etwas weiterzudösen. Um gerade so tief zu schlafen, dass sie ihr Zeichen erkennen werden, um sich bereit zu machen für ihre Zeit. Es wird nicht einfach werden. Schlaf ist so viel bequemer, nicht? Doch wenn ihre Zeit kommt, bleibt ihnen Nichts anderes übrig, als sich in die nächste Stufe ihres Seins zu begeben.

Das Wachstum.

Intuitiv wissen sie, in welche Richtung ihr Weg geht, ohne wirklich zu wissen, wohin er führt. Es ist dunkel und kalt. Doch etwas ruft nach ihnen. Ist es eine Melodie? Ein Duft? Ein Gefühl? Eine Hand, die sich nach ihnen ausstreckt? Sie haben keinen Raum für Zweifel und Zögern. Es ist zu eng und zu kalt. Es geht nur vorwärts. Obwohl sie nicht einmal das wissen – Richtungen sind ihnen fremd. Ein Konzept, der Logik eines Verstandes entsprungen, über den sie nicht verfügen. Zum Glück, würden sie denken wenn sie denken könnten. Auch über ihre Versorgung machen sie sich keine Sorgen. Nicht um ihr Umfeld oder deren Erwartungen an sie. Niemals würde die kalte dunkle beengende Masse um sie herum etwas von ihnen erwarten. Denn diese weiss, ohne es zu wissen, um die Perfektion des Moments. Die dunkle, kalte Masse behält auch Nichts für sich sondern nährt die Samen in einer selbstlosen Selbstverständlichkeit, weil es eben die Natur so will und es ihre Aufgabe ist. Ohne Angst, bei der Nahrungsgabe etwas zu verlieren.

Stück um Stück wachsen sie. Weil sie nicht anders können. Sie kennen aufgeben und Pause machen nicht. Es gibt keinen Schritt zurück. Keine vorauseilenden Gedanken über die nächste Phase. Diese wird früher oder später sowieso eintreffen.

Der Durchbruch.

Der erste Atemzug ausserhalb der Dunkelheit, das erste Abtasten einer grossen, bisher unbekannten Welt. Das erste erstaunte Blinzeln im grellen Licht und das erste wohlig wärmende Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Kraftvoll und zielstrebig trägt sie das Wachstum weiter in die Höhe, ohne dabei Höhenangst in ihnen zu wecken. Sie spüren ja ihre Wurzeln und es kann nichts passieren. Erfrischende Bäder aus Regentropfen, sanftes Wippen im Rhythmus des Windes, leidenschaftliche Tänze im Sturm bereichern sie auf dem Weg und nie verlieren sie ihr Ziel aus den Augen und wissen ohne zu wissen, dass sie ankommen werden. Harte Arbeit, stetig und gemächlich, mit nur kleinen Pausen des Durchatmens während der milder werdenden Nächte, weist sie hin zu ihrem letzten Akt.

Und so erblühen sie. img_7912

Sie können ihre eigene Farbe nicht sehen aber sie spüren sie und ihre Einzigartigkeit. Ohne Vergleich, ohne sich mit den sie umgebenden Reisenden zu konkurrieren, explodieren sie in Zeitlupe zu dem, was sie sind, sein wollen und immer schon waren. Vollkommen. Auch wenn sie niemand gesehen hat im Dunklen. Auch wenn ihnen niemand zugetraut hat, das zu sein, was sie sind. Sie gehen ihren Weg und trauen sich, aus dem Vollen zu schöpfen und ihre schönste Seite in die Welt zu strahlen.

So, dass sie beim Verblühen noch so genährt sind vom Blühen selbst, dass sie dankbar und lächelnd die Bühne verlassen, während der Vorhang langsam fällt. Weil es genau so sein soll.“

Der Frühling klappt das grosse Buch zu und schaut mich mit weisen Augen an. „Hast du mich verstanden?“

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