Fühlen und fühlen lassen.

Was ist deine erste Reaktion, wenn jemand in deiner Anwesenheit in Tränen ausbricht? Oder dir sagt, dass sie oder er gerade sehr traurig ist? Dass sie sich nicht gut fühlt emotional? Wut verspürt? Und was wünschst du dir, wenn du traurig bist und dich jemandem öffnest? Wie gehst du mit dir selber um, wenn du weinen musst?

„Weine nicht.“
„Sei nicht traurig.“
„Denke positiv.“
„Sei nicht so negativ.“
„Du darfst nicht wütend sein, das bringt nichts.“
„Mach dies und das, dann geht es dir wieder gut.“

Ehrlich gesagt habe ich solche Reaktionen schon sehr oft gehört (auch von mir selber) und vermutlich auch sehr oft selber so reagiert. Jedoch, wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich das immer schon als komisch empfunden, auch wenn es natürlich meist gut gemeint ist, keine Frage! Irgendwie fand ich es nicht authentisch und dem Leben gegenüber nicht fair. Denn wenn du weinst oder traurig bist, wenn du FÜHLST, dann ist es einfach in dem Moment so. Wenn ich glücklich bin, bin ich glücklich. Wenn ich traurig bin, bin ich traurig. Und wenn ich weine, fühle ich mich sogar oft mehr mit mir verbunden, als wenn ich statt dessen verkrampft positiv denke. Daraus kann ich schöpfen. Da entspringt die Kraft: In der Verbundenheit mit sich selber. Mir war die „PostIt“ Zettel Philosophie mit positiven Affirmationen drauf immer schon irgendwie leicht zuwider. Natürlich finde ich es auch schöner, wenn es mir gut geht. Aber ich habe mich immer gefragt, warum der Mensch das Spektrum seiner Emotionen so oft nur auf der einen Seite sehen will und den ganzen Rest, der Teil, welchen er als ungut anschaut, zu verdrängen versucht. Leider gibt es zu viele Bücher und Gurus da draussen, die uns dazu überreden wollen, nur positiv zu denken und zu fühlen und wenn man das dann nicht schafft, hat man das Gefühl, versagt zu haben. „Happiness Trap“. Das hat in meinen Augen nichts mit Mensch sein zu tun. Ist es nicht ein Geschenk vom Leben, fühlen zu können? Und das Schöne ist ja, Gefühle sind genau so absolut, wie das Leben selbst – nämlich gar nicht. Positiv denken heisst für mich heute übrigens, jedes Gefühl mit allem was es ist anzunehmen und etwas Schönes darin zu finden.

„Feelings are for feeling. All of them.“ – „Gefühle sind zum Fühlen da. Alle.“ Dies sagt die Schriftstellerin Glennon Doyle in ihrem Buch „Untamed“, das ich gerade als Hörbuch verschlinge und diese Aussage hat etwas tief in mir drin berührt und mich irgendwie erleichtert aufatmen lassen. Wenn wir nur schöne Gefühle fühlen sollten, hätten wir dann nicht auch nur die Schönen? Nein, wir haben sie alle. Alles hat Platz in der Natur und alles, was ist, hat seinen Grund für seine Existenz. Alles darf sein. Regen, Gewitter, Sonne, Wind, Tag und Nacht. Warum soll es dann nicht auch Platz haben für unsere emotionalen Wetterwechsel? Und zwar alle. Glück, Liebe, Freude ebenso wie Wut, Trauer, Angst. Mich erstaunt es wirklich immer wieder, wie der Mensch darauf getrimmt ist, die positiven Gefühle zu zelebrieren und die sogenannt negativen Gefühle zu umgehen, verdrängen oder sie sogleich reparieren zu wollen. Lieber Mensch: Es ist okay, zu fühlen. Egal was.

Oft gibt es keinen Raum für das Gefühl. Es will verscheucht werden. Repariert werden. Ja nicht im eigenen Umkreis so ein schlechtes Gefühl! Ausser es sind eben die Guten und die Schönen. „Good vibes only“ ist beispielsweise so ein Spruch, den ich nicht verstehe. Natürlich lasse ich nicht alles an mich heran und grenze mich da ab, wo es das braucht und das ist genauso wichtig im Leben. Aber nicht, indem ich anderen sage, welche Gefühle bei ihnen zum Fühlen angebracht sind und welche nicht. Wir reden hier vom Fühlen allein. Aus dem Gefühl heraus handeln und auch Grenzen setzen, das sind zwei ganz andere Themen, die hier zu weit gehen würden. Also zurück zum Fühlen an sich. Ich frage mich: Sind die „vibes“ der anderen vielleicht nicht Spiegel für meine eigenen? Wenn ich also nur „good vibes“ wünsche, vielleicht heisst das nichts anderes, als dass ich an mir selbst gerade nur die guten vibes aushalte? „All vibes welcome“ sage ich zu meinen Liebsten. Denn für mich soll jeder genau so sein dürfen, wie er ist. Mit allem was er mitbringt. Und das ist das, was ich mir selber jeden Tag sage: Sei du selbst. Mit allem was du bist.

Kurz aus meinem eigenen Nähkästchen erzählt: Ich für mich weiss: Wenn ich fühle, dann bin ich lebendig. Egal welches Gefühl sich zeigen will. Ich bin dankbar, dass ich fühlen kann. Als ein Mensch, der hochsensibel und mit einem Komplextrauma durch die Welt geht, umso mehr. Als Hochsensible fühle ich intensiv. Das Komplextrauma schottet mich oft von meinen Gefühlen ab. Oft kann ich es also nicht, weil ein traumatisierter Teil in mir sich schützen muss, obwohl das Fühlen doch so ein grosser Teil meines Naturells ist. Dann sind Schwälle von Tränen jeweils eine Erleichterung für mich. Ich nenne sie heute sogar „Tränen-Parties“, weil ich mich dann wieder verbunden fühle mit dem Leben und weiss, dass die Tränen der Schlüssel sind zu dem Raum, wo auch die Liebe, die Dankbarkeit und die Freude auf mich warten. Wenn diese Türe offen ist, ist sie dies für alles. Wenn sie zu ist, dann eben auch für alles. Je mehr ich selber alle Gefühle in mir annehmen kann, desto mehr kann ich es auch bei anderen.

Ich bin von Herzen dankbar, dass es so wunderbare Menschen in meinem engsten Umfeld gibt, wo einfach Raum für alles entsteht. „Ich bin einfach wütend.“ wird dann mit einem „Das tut mir Leid, magst du erzählen?“ in Empfang genommen. Von beiden Seiten. Wenn der Kontext stimmt, kann daraus sogar ein „Grossartig, dass du das fühlen konntest, darauf müssen wir anstossen!“ werden. Raum. Wo Trauer, Depression, Wut, Angst und Zweifel genau so willkommen sind wie Glück, Freude, Liebe, Leichtigkeit. Das Schöne ist ja, dass sie alle sehr nah nebeneinander existieren und ohne einander nicht sein können. Oft ist es nämlich so, wenn ein Gefühl wie Trauer in einem Gespräch einfach Raum bekommt, ist das Lachen nicht weit. Auch in der Trauer liegt die Leichtigkeit. Wie oft habe ich gemeinsam mit meinen Lieben schon unter Tränen gelacht und das empfinde ich als etwas vom Heilsamsten, das es gibt auf der Welt.

Auch sagt Glennon Doyle: „We are not supposed to be happy all the time. Life hurts and it’s hard. Not because you are doing it wrong, because it hurts for everybody. Don’t avoid the pain. You need it. It’s meant for you. Be still with it, let it come, let it go, let it leave you with the fuel you’ll burn to get your work done on this earth.“

Auf Deutsch: „Wir sollen gar nicht die ganze Zeit glücklich sein. Das Leben tut weh und ist hart. Nicht, weil du es falsch lebst, sondern weil es für alle hart ist. Gehe dem Schmerz nicht aus dem Weg. Du brauchst ihn und er ist für dich da. Sei still mit ihm, lass ihn kommen, lass ihn gehen und ihn dich dann mit dem Kraftstoff zurücklassen, den du verbrennen wirst, während du hier auf dieser Erde deine Arbeit machst.“

Fühlen und fühlen lassen. Jeder fühlt anders. Jeder sieht die Welt anders. Jeder hat seine eigenen Prägungen, die seine Gefühlswelt einfärben. Diese zu generalisieren, wie der Mensch so Vieles in einen Topf mit der Aufschrift „Normalität“ schmeissen will, ist für mich etwas sehr Menschliches. Aber nicht meine eigene Wahrheit. Fühlen und fühlen lassen. Was mich glücklich macht, macht dich vielleicht traurig. Was dich wütend macht, ist vielleicht für mich harmlos. Und trotzdem darf es genau das sein, für dich, für mich, was es ist. Deshalb ist es nicht mein Recht, dir zu sagen, wie du dich fühlen sollst. Und das übe ich jeden Tag. Genauso, wie es mein Recht ist, meine Gefühle so zu fühlen, wie ich sie eben fühle. Da fängt Respekt und Akzeptanz an. Ich sage nicht, dass ich Meisterin bin darin. Im Gegenteil. Ich bin Lehrling, trage ein oranges Kindergarten-Dreieck um den Hals und lerne jeden Tag dazu. Aber ich weiss, dass ich, wenn ich deine Gefühle nicht aushalte, diese eigentlich bei mir selber grad nicht ertrage und besser da anknüpfe, statt dass ich dir sage, du sollst anders fühlen. Und ich weiss, dass wenn du meine Gefühle sofort reparieren willst, das nichts mit mir zu tun hat sondern mit dir selber. Und sollte deine Reaktion in mir etwas auslösen, dann widme ich mich der Stimme in mir, die meine Gefühle reparieren will. Herrje, es fängt aber auch alles bei sich selber an… :)

Fühlen und fühlen lassen. Raum geben. Sie kommen lassen. Und wieder ziehen lassen. Wie Wolken, die kommen, es regnen lassen, um dann der Sonne wieder Raum zu geben. Wenn wir Glück haben, sehen wir sogar einen Regenbogen.

Und wenn wir noch einen Schritt weiter gehen, hat „nicht-fühlen und nicht-fühlen lassen“ genauso auch seine Berechtigung in dem ganzen komplexen Lebenskarussell.

„Ich sehe deinen Schmerz und der ist gross. Ich sehe auch deinen Mut. Und der ist grösser. Du kannst Schwieriges meistern.“ . Glennon Doyle

Glennon Doyle Quote