Frühling

„Sonne auf der Haut. Milde Luft strömt in die Lungen. Es ist da, das kleine Licht am Horizont. Endlich, nach Wochen der klirrenden Kälte, Schnee und Eis drückt das Grün wieder. Das Grün der Wiesen – das bräunliche Spuren des Winters trägt. Das Blau des Himmels, das auf einmal wärmer wirkt. Die Luft ist auf einmal wieder geniessbar und nicht länger ein eisiges Stechen. Hoffnung. Man stellt sich vor, wie sich die Samen unter dem Boden regen und sich räkeln, um noch etwas weiterzudösen. Um gerade so tief zu schlafen, dass sie ihr Zeichen erkennen werden, um sich bereit zu machen für ihre Zeit. Es wird nicht einfach werden. Schlaf ist so viel bequemer, nicht? Doch wenn ihre Zeit kommt, bleibt ihnen Nichts anderes übrig, als sich in die nächste Stufe ihres Seins zu begeben.

Das Wachstum.

Intuitiv wissen sie, in welche Richtung ihr Weg geht, ohne wirklich zu wissen, wohin er führt. Es ist dunkel und kalt. Doch etwas ruft nach ihnen. Ist es eine Melodie? Ein Duft? Ein Gefühl? Eine Hand, die sich nach ihnen ausstreckt? Sie haben keinen Raum für Zweifel und Zögern. Es ist zu eng und zu kalt. Es geht nur vorwärts. Obwohl sie nicht einmal das wissen – Richtungen sind ihnen fremd. Ein Konzept, der Logik eines Verstandes entsprungen, über den sie nicht verfügen. Zum Glück, würden sie denken wenn sie denken könnten. Auch über ihre Versorgung machen sie sich keine Sorgen. Nicht um ihr Umfeld oder deren Erwartungen an sie. Niemals würde die kalte dunkle beengende Masse um sie herum etwas von ihnen erwarten. Denn diese weiss, ohne es zu wissen, um die Perfektion des Moments. Die dunkle, kalte Masse behält auch Nichts für sich sondern nährt die Samen in einer selbstlosen Selbstverständlichkeit, weil es eben die Natur so will und es ihre Aufgabe ist. Ohne Angst, bei der Nahrungsgabe etwas zu verlieren.

Stück um Stück wachsen sie. Weil sie nicht anders können. Sie kennen aufgeben und Pause machen nicht. Es gibt keinen Schritt zurück. Keine vorauseilenden Gedanken über die nächste Phase. Diese wird früher oder später sowieso eintreffen.

Der Durchbruch.

Der erste Atemzug ausserhalb der Dunkelheit, das erste Abtasten einer grossen, bisher unbekannten Welt. Das erste erstaunte Blinzeln im grellen Licht und das erste wohlig wärmende Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Kraftvoll und zielstrebig trägt sie das Wachstum weiter in die Höhe, ohne dabei Höhenangst in ihnen zu wecken. Sie spüren ja ihre Wurzeln und es kann nichts passieren. Erfrischende Bäder aus Regentropfen, sanftes Wippen im Rhythmus des Windes, leidenschaftliche Tänze im Sturm bereichern sie auf dem Weg und nie verlieren sie ihr Ziel aus den Augen und wissen ohne zu wissen, dass sie ankommen werden. Harte Arbeit, stetig und gemächlich, mit nur kleinen Pausen des Durchatmens während der milder werdenden Nächte, weist sie hin zu ihrem letzten Akt.

Und so erblühen sie. img_7912

Sie können ihre eigene Farbe nicht sehen aber sie spüren sie und ihre Einzigartigkeit. Ohne Vergleich, ohne sich mit den sie umgebenden Reisenden zu konkurrieren, explodieren sie in Zeitlupe zu dem, was sie sind, sein wollen und immer schon waren. Vollkommen. Auch wenn sie niemand gesehen hat im Dunklen. Auch wenn ihnen niemand zugetraut hat, das zu sein, was sie sind. Sie gehen ihren Weg und trauen sich, aus dem Vollen zu schöpfen und ihre schönste Seite in die Welt zu strahlen.

So, dass sie beim Verblühen noch so genährt sind vom Blühen selbst, dass sie dankbar und lächelnd die Bühne verlassen, während der Vorhang langsam fällt. Weil es genau so sein soll.“

Der Frühling klappt das grosse Buch zu und schaut mich mit weisen Augen an. „Hast du mich verstanden?“

Glücksmoment

Fluss im Leben, Lebensfluss. Türkisfarben wie das Meer. Die Sonnenstrahlen im Gesicht, wohne ich am Hafen einem wunderbaren Feste bei, das mir Aufwind bringt und mich zu den Wolken trägt. Lilafarbene Herzen säumen meinen Hut und das rote Schiff legt gerade ab.

Anna sagte einmal, sie mag die Roten nicht so sehr, weil sie sie an die Liebe erinnern und diese sei so unbeständig wie das Meer, wenn das Schiff den Hafen verlässt. Es schaukelt und tut alles, um sich den äusseren Gegebenheiten anzupassen. Anna mag lieber den sicheren Hafen. Dass das ein Problem darstelle, haben ihr schon Viele weismachen wollen. Denn da liege das Boot ja unbenutzt und man könne nicht damit rechnen, dass das Leben, das Meer und die Gezeiten zu ihr in den Hafen kommen. Sagen sie. Während sie am Hafen ein Eis essen und sehnsüchtig zum Horizont schauen.

Anna seufzt und weiss: Die Wellen warten auf sie, wollen sie schütteln und tragen, sie liebkosen und küssen und sie in neues Wachstum hineindrängen. Sie hat viele Tage da draussen verbracht, hat Vieles verloren in den Wogen der Wellen. Deshalb erholt sie sich im Hafen, denke ich mir. Doch auch sie wird wieder bereit sein. Ihr Boot wartet. Und das Schöne ist, es läuft nicht davon. Sie flickt es, malt es an – diesmal in Türkis – und tauft es „Glücksmoment“. Sie hat das Leuchten einer Liebenden in ihren Augen und die Traurigkeit einer Verwundeten. Sie ist die wohl stärkste Frau, die ich seit Langem getroffen habe. Und Viele sehen das nicht. Sie sehen sie nur am sicheren Hafen sitzen und ihre Nägel lackieren. Sie sehen nicht, dass sie dem Wind lauscht, die Möwen begrüsst, den Fischen Geschichten erzählt – und sobald der Wind ihr grünes Licht gibt, werden sie sie nicht mehr finden, denn dann segelt sie mit ihrem Glücksmoment davon. Weit hinaus auf das weite Meer.

„Vergänglichkeit“ oder „Unendlichkeit“

Vergänglichkeit, bist wahrlich nicht
Ein leichtes Zuckerschlecken
Und doch können wir nur durch Dich
Unendlichkeit entdecken

Du bist das Tor, des Lebens Kern
Und willst so viel uns zeigen
Doch halten wir uns lieber fern
Indem wir Dich verweigern

Als Sprachrohr der Unendlichkeit
Suchst Du Dir harte Wege
Im Kostüm der Vergänglichkeit
Das uns bewegen möge

Kein Anfang ohne Ende lebt
Kein Ende ohne Grund
Auch wenn durch Dich das Herz erbebt
Tust du die Wahrheit kund

Erst wenn ein weit’res Licht vergeht
Ein weit’rer Epilog
Kann fühlen, wer Dich recht versteht
Es war auch ein Prolog.

Rückenwind

Rückenwind du schönes Kind
Ich kenn dich aus Geschichten
In denen Sterne Kinder sind
Die bunte Lieder dichten

Doch sonst bist du mir ziemlich fremd
Hab dich nie lang gespürt
Ein sanfter Hauch an meinem Hemd
Der doch zu Nichts geführt?

Warum bleibst du so kurz nur hier?
Warum weht’s dich stets fort?
Bin ich, wie ich so rumhantier
Für dich kein guter Ort?

Doch bin ich es, die dich verwehrt?
Weil ich, um dich zu sehn
Um meine eigne Achs‘ gedreht
Nun falschrum zu dir steh?

Ich tät zu viel, zu unbedacht
Singst du mir zu, ganz rein
Ich kämpf zu hart, es knarrt und kracht
Statt einfach nur zu sein

Ich halte inne, ich versteh
Und du lächelst mir zu
Als ich mich wieder um mich dreh
Und hinter mir stehst du

Dein Klang verspricht, du bist mir treu
So sei ich es auch mir
Ich setze meine Segel neu
Und werde Eins mit dir

Eine verkatzte Montagsgeschichte

Guten Morgen allerseits! Ja, genau. Richtig gelesen. Nein, ich bin nicht in einer anderen Zeitzone, zumindest nicht äusserlich. Jedoch haben tatsächlich äussere Umstände zu einem etwas unkonventionellen Tag geführt. Typischer Montag: Sonntagabend geht man in’s Bett, stellt den Wecker, schläft, wacht auf, trinkt Kaffee und geht entweder arbeiten oder hat frei, so wie ich jeweils Montags. Mein heutiger Montag: Sonntagabend gehe ich in’s Bett und schlafe und schlafe und schlafe nicht ein. Warum? Naja, beispielsweise die Geräuschkulisse: „Mau, mau, mau, mau, mau, MAU, MAAAAAOOOOUUUUU.“ Ungefähr so. Ungefähr. Nur mehr davon. Dann kommt noch höhere Gewalt dazu. Wenn man ein Büsi, das unbedingt raus will (und noch nicht raus darf weil erst seit Freitag bei mir), als höhere Gewalt einstufen kann. Das ist natürlich ein Problem, dieses nicht raus dürfen, wenn man es sich gewohnt ist. Nicht für beide allerdings. Lilly, die Prinzessin/Fee/Baby/Diva/Bitch fühlt sich auch so pudelwohl, kommt auf’s Bett wenn ich im Bett bin, wirft sich glücklich auf den Rücken und lässt mich den Bauch streicheln, rennt fröhlich Stoffmäusen hinterher und knetet auf der Decke hingebungsvoll einen Brotteig. Ich glaube, im früheren Leben war sie eine Bäckermeisterin und Prinzessin. Lilly schläft also eingekugelt und nur schon das Anschauen macht wohlig müde. Mandy ist da eher etwas in ihrem Raum irritiert und es dauert bei ihr etwas länger, bis sie sich an die neue Situation gewöhnt. Am Liebsten sitzt sie auf dem Tisch und beobachtet die Welt draussen oder verzieht sich in mein Kleiderkämmerlein, wo ich ihr einen gemütlichen Korb platziert habe, wo sie ihre Ruhe hat und sich bei gelegentlichen Besuchen schnurrend streicheln lässt. Sie hat eine enorm laute, sehr kraftvolle Stimme, während Lilly süsslich hoch fiept, und würde gut in die Rock-Band meiner Cousine passen. Sie zögert nicht, ihre Stimme zur Geltung zu bringen, wenn dann nötig. Wie eben dann, wenn man raus will und nicht darf. Sie ist eher die Lady in sexy Boots im Saloon des besten amerikanischen Westerns, die mit ihren Eulenaugen jeden Abend problemlos Männer um die Pfote wickelt und einen nach dem anderen verführt. Wer kann da schon widerstehen? Und ihr gewährt natürlich, was sie will! Jedoch fehlt ihr etwas die Eleganz und wenn sie durch die Wohnung spaziert in ihren weissen Stiefelchen, stupst sie freudig schnurrend ihren Kopf in alles und jeden, das und der ihr begegnet auf dem Weg, touchiert sie gekonnt mit dem Po und schlingt noch husch den Schwanz darum. So sind meine Hände links und rechts am Dinge festhalten, die sie runterzuwerfen droht. Sie ist etwas grösser als Lilly, die eher eine kleine, feine Katze ist. Nun gut. Kommen wir zur besagten Nacht von Sonntag auf Montag zurück. Wo waren wir? Ah ja. Mau, mau, mau, mau, MAU, MAAOOOUUUU. Da ich selbst eine Nachteule bin und oft vor 2 Uhr nicht schlafe, ist es mir bis dahin eigentlich egal und ich versuche gar, es ihr schmackhaft zu machen, dass sie noch drinnen bleiben soll aber bald, bald raus darf. Sie hört nicht und stellt sich auf den Fenstersims über meinem Kopfende des Betts und schwupps reisst sie gekonnt den Vorhang hinunter und mit ihm landet mein Handy (nicht zum ersten Mal) auf dem Boden und die Klangschale wird touchiert, worauf Lilly erschrickt und vom Bett springt. Ich bin wach. Hell. Wach. Also hänge ich den Vorhang wieder auf und erzähle ihr Geschichten von Mäusen, die auf sie warten und von der absehbaren Zeitspanne, in der sie NOCH nicht raus darf. Katzen kennen keine Zeit. Da können wir uns wohl eine Scheibe abschneiden. Sie versinken im Moment und alles andere ist egal. Und in DEM Moment ist nur eines wichtig: Ich. Will. Raus. Ich setze mich zu ihr und sie lässt sich kurz ablenken, bis ihr wieder bewusst wird, worum es hier eigentlich geht und herrje, die Western-Lady lässt sich nun mal also sicher nicht ablenken, geht es eigentlich noch!? So kassiere ich ein kleines Fauchen und weiss, oh, es ist ihr ernst. Sie verzieht sich wieder unter dem Vorhang durch, der Schlafbereich und Wohnzimmer trennt und spielt. Ich entspanne mich und döse langsam ein. Bis. Mau, mau, mau, mau. MAU. MAAAAOOOUUUU. Bisher kannten die beiden die Katzenklappe nicht aber haben sie bei mir bereits entdeckt und schnell erkannt, dass diese raus führt. So ist gelegentliches Rütteln daran an der Tagesordnung, ich habe sie jedoch so eingestellt, dass sie nicht auf geht. Denke ich. Oder doch nicht? Ich schrecke auf im Bett, als ich mir plötzlich nicht mehr sicher bin und gehe zur Klappe, an der ich ein paar Mal rumdrehe um sicher zu gehen. Einmal zu viel gedreht, wittert Mandy ihre Chance und nutzt die Gunst meiner Müdigkeit – und ist weg. Weg. Draussen. Morgens um 4:30 inzwischen. Ich ziehe mich an und renne raus, doch von ihr fehlt jede Spur. Da die lieben Vorbesitzer (Obwohl „Besitzer“ ist bei Katzen niemals das richtige Wort. Ja, bei Tieren allgemein nicht. Bei Katzen besonders. Vor-Mitbewohner eher. Vor-Sklaven? wink emoticon ) gleich zwei Gehminuten von mir entfernt wohnen, bin ich überzeugt, dass sie früher oder später da auftauchen wird und verständige sie. Kaum liege ich wieder im Bett, maunzt es laut draussen. Eine Probe der Rockband, vermute ich im Halbschlaf. Ah nein, Mandy! Ich renne zum Fenster, öffne es und sie wirft kurz einen Blick hinein, bevor sie dann doch wieder verschwindet. Okay, sie weiss also, wo wir sind. Doch als ich erneut rausgehe, ist sie wieder fort. 5:15, ich liege wieder im Bett und kaum entspanne ich mich erneut, probt die Rockband wieder! Also öffne ich das Fenster wiiiieder und sehe sie da sitzen. Während ich damit beschäftigt bin, Lilly in die Küche zu sperren, damit sie mir nicht auch noch entwischt, verschwindet Mandy wieder und so scheint das kein Ende mehr zu nehmen. Ein Versuch wage ich noch, ziehe mich an und spaziere die paar Minuten hoch zum anderen Daheim der beiden. Ich staune nicht schlecht, als es zu allem äne auch noch zu schneien anfängt, in grossen Flocken! In welchem Film bin ich denn hier gelandet? Ein magischer Morgen, denke ich und atme ihn tief in meine Lungen. Ich muss gestehen, wäre das alles nicht passiert, würde ich ihn verschlafen. So hat alles sein Gutes, nicht? Mandy bleibt verschwunden und ich lege mich schlafen, während Lilly neben mir Brotteig knetet – und ich erwache erst wieder, als das Telefon klingelt, kurz vor dem Mittag. Sie ist bei den Vor-Mitbewohnern! Ich watschle verschlafen und erleichtert hoch, hole sie und die Welt ist wieder in Ordnung! Wir alle drei sind kaputt und so verschlafen wir den ganzen Rest des Tages und nun ist also Montagabendmorgen.

Ja ich weiss, ihr denkt jetzt vielleicht: „Na, bist ja selber Schuld, denn wenn man Katzen hat, lässt man sich halt auf viel Trubel ein, gerade in der Anfangsphase.“ Mag sein. Aber da bin ich dann doch sehr gern selber Schuld und wenn es so sein soll, dass ich mit schlauchbootartigen Augenringen durch die Welt spaziere, bis sich alles eingependelt hat, dann sei es so. Und immerhin entstehen da Geschichten, die es zu erzählen gibt und die Worte sprudeln endlich wieder. Geschichten. Mit der Prinzessin Bäckermeisterin und der Lady aus dem Western in der Hauptrolle und mir in der Nebenrolle, als Statistin und Hintergrundgeräusch. Diese Kulisse hat man wahrlich nicht alle Tage! wink emoticon

In dem Sinn, en schöne Tag, ich meine Abend allerseits!
Mau!

Migros-Highlight

Szene: Bushaltestelle Rössli, Erlinsbach

Müde setze ich mich auf die Bank im kleinen Häuschen der Bushaltestelle, mit drückendem Kopf von der Hitze und vorfreudig auf eine hoffentlich baldige Abkühlung. Im Häuschen sitzt ebenso eine alte Dame mit ihrem Rollkoffer, der modern und kaum gebraucht aussieht. Beige, Ton in Ton mit ihren Klamotten. Sie sitzt da, wir grüssen uns und ich weiss, dass wir gleich in’s Gespräch kommen werden. Etwas, das ich sehr schätzen gelernt habe an diesem kleinen Vorort von Aarau. Man redet eben noch miteinander. Und siehe da, schon ergreift sie das Wort.

Es sei ja schon unglaublich drückend. Die Hitze ginge ja noch, da seien wohl alle Eltern froh, wenn sie ihre Kinder hinausschicken können. Sie habe früher ihre Kinder auch bei jeder Gelegenheit nach draussen geschickt und sei froh gewesen, wenn nur zwei von fünf daheim waren. Das habe diesen Sommer sicherlich vielen Eltern das Elternsein erleichtert. Aber diiiiiieses Drücken. Sie spüre das immer im Herz, schliesslich hatte sie ja schon zwei Herzinfarkte. Aber sie sei ja auch schon achtundsiebzig Jahre alt. Sie hält kurz inne und sagt: „Die Vorstellung, bald achtzig zu werden, ist also schon sehr komisch.“ Dann zwinkert sie mir zu und fügt an: „Aber wüssedsi, ich sehe nur so alt aus, im Herzen bin ich junggeblieben.“ Ich lache und frage sie, ob sie hier aufgewachsen sei. Nein nein, aber sie wohne seit sechsundfünfzig Jahren im Dorf. Da sei es alles noch viel kleiner gewesen, nur da wo die Migros heute ist, habe es einen „Konsum“ gegeben und da habe man nur das Nötigste einkaufen können. Man habe halt damals auch noch viel mehr selber angebaut. Sie eröffnet mir, dass sie fünf Kinder grossgezogen habe und einmal im Monat seien sie dann in die Stadt (Aarau) gefahren und hätten einen Besuch in der Migros abgehalten – wo die Kinder sich dann etwas aussuchen durften: Ein Eis, ein Stück Kuchen, was auch immer. Das sei immer eine riesengrosse Geschichte gewesen für sie. Ein Highlight. Sie schweigt und lächelt.

Wir steigen in den Bus und reden während der Fahrt über Leben und Tod, über Glück und Pech und schliesslich sagt sie: „Jaja, das Leben ist eben kein…“ als ihr kein passendes Wort einfallen will helfe ich ihr aus. „Ponyhof! Das Leben ist kein Ponyhof.“ Wir tauschen wissende Blicke, sitzen da und grinsen schliesslich wie kleine Kinder, während sich Massstäbe wie Alter und solcherlei Geschichten einfach so in Luft auflösen. Nicht wahr, wir sind schliesslich so jung, wie wir uns fühlen.

Nachdem sie ein paar Stationen später ausgestiegen ist, denke ich an früher und bin dankbar, dass auch ich in der Kindheit solche Migros-Highlights erleben durfte. So machten wir ein paar Mal pro Jahr einen ausgiebigen Ausflug nach Luzern – was nur schon das Abenteuer der Autobahnfahrt mit sich brachte – und bummelten durch die Altstadt und die Läden. Es wurde uns das ein oder andere gegönnt, aber wir Kinder wünschten uns eigentlich immer schon beim Einsteigen in’s Auto zu Hause das eigentliche Highlight des Ausflugs herbei: Den Besuch im Mc Donalds, der einen leckeren Burger, ein feines Cola, ein kleines kitschiges Plastikgeschenkli aus dem Happy Meal und ein paar Momente auf dem indoor Spielplatz beinhaltete. Selig waren wir nach solchen Tagen.

Ich danke der guten Frau innerlich für die Erinnerungen, für die schöne Begegnung und wundere mich, was denn diese Migros-Highlights wohl für die heutigen Kinder sind? Heute, wo man sich quasi jeden Wunsch im Internet bestellen kann und Migros und Mc Donalds sich beinahe an jeder Ecke die Hand geben? Heute, wo man günstig und schnell am Meer ist und Nichts unmöglich scheint?

Ich wünsche auf jeden Fall allen Kindern da draussen ein solches Migros-Highlight, das ihre Herzen höher schlagen lässt und welches die Tage davor mit Vorfreude und die Tage danach mit Erinnerung schmückt. Und wo natürlich die Frage: „Wie viel mal schlafen noch bis zum Migros/Mc Donalds/Sackhüpfen im Feld/…???“ jeden Abend vor dem Einschlafen den Tag abrundet.

Und was war euer Migros-Highlight früher?

Tag der offenen Altstadt

Ein normaler Mittwochabend im Dezember, es ist Winterzeit und kalt. Mit meinem Besten spaziere ich dick eingepackt durch die Altstadt von Aarau, wohlgenährt von einem legendären Burger aus dem Falken. Wir spazieren zur Kirche, lassen die frische Winterluft an meinem Lieblingsplatz einmal tief in die Lungen strömen und nehmen von da die steile Treppe links hinunter, was zwar ein kleiner Umweg bedeutet, jedoch Teil meiner Lieblingsroute ist und so schlängeln wir uns gemächlich durch die Gassen. Dabei müssen wir ständig aufpassen, dass wir uns nicht gegenseitig immer wieder auf die Füsse treten oder einander seitlich rammen. Ja, wir mögen uns, wirklich! Wir schauen einfach beide gern von Weitem durch die warm beleuchteten Fenster in fremde Wohnungen hinein, wo dann verständlicherweise der Fokus überall anders als auf dem Weg vor uns liegt. Ich liebe ja ganz besonders die Fenster der Altstadt und könnte stundenlang hineinschauen, mir das Wohnzimmer oder Schlafzimmer oder Bad anschauen, zumindest die drei Millimeter, die davon zu sehen sind, um dann den Rest der Wohnung zu erahnen. Dabei liegt die Magie wohl vor allem am Erahnen. Liebe Bürgerinnen und Bürger von Aarau: Keine Angst! Ich gucke aus den Augenwinkeln und nur zwei, höchstens viereinhalb Sekunden in Ihre Wohnung hinein. Machen Sie sich also bitte um meinen Geisteszustand keine Sorgen und schon gar nicht um Ihre Sicherheit. Und wenn es Sie doch beunruhigen sollte, bitte ich Sie, sich blickdichte Vorhänge zuzulegen. Fronten geklärt, wir können weiter voranschreiten. Genau, so schreiten wir gemütlich voran und erahnen durch den Nebel des Kältehauchs vor unseren Mündern und durch die durchsichtigen Vorhänge diversen Geschmacks wunderschöne Aarauer Altstadtwohnungen. Wir spinnen den Faden weiter und ich finde, eigentlich würde ich mir am allerliebsten jede einzelne Wohnung von Innen anschauen, die es in der Altstadt gibt. Jede kleine, noch so versteckte, verwinkelte Wohnung. All die herrlich romantischen Innenhöfe. Man würde staunen, da bin ich mir sicher! Ich selbst durfte eine Weile im Stadthöfli wohnen, diesem kleinen, unrealistisch süssen Hof direkt hinter der Tuchlaube. Ein Bijou! Jeden Morgen, als ich meine Wohnung durch die Laube verliess, fühlte ich mich wie in einem Märchen. Wunderbare Ecken hat unsere Altstadt zu bieten!

Ich habe plötzlich eine Idee und ramme meinem Begleiter nun gewollt meinen Ellenbogen in die Seite. Warum macht man eigentlich nicht einen Tag der offenen Altstadt? Jeder öffnet seine Wohnung für ein paar Stunden und man darf kurz einen Blick hineinwerfen. Wie toll wäre das! Natürlich würde jeder bei sich zu Hause auch gleich ein paar Häppchen zum Naschen aufstellen und ganz nebenbei wäre das DIE Gelegenheit, neue Menschen kennenzulernen und sich mit Nachbarn anzufreunden, von denen man nicht einmal wusste, dass sie Nachbarn sind. Eine wundervolle Idee! Die dann schnell umschlägt, nämlich in den Teil mit den Risiken und Nebenwirkungen. Ja sag mal, würdest du denn Hetri und Pletri in deine Wohnung lassen mit ihren Dreckschuhen und dann krümeln sie dir auch noch die Wohnung voll und stecken gar noch eine Vase ein beim Rausgehen, oder die schöne Fruchtschale von Tante Hedi? Da müsste jeder seine Wertsachen verstecken, aber bitte in einem guten Versteck, nicht einfach unter der Matratze! Und dann? Dann kommt etwas weg und wer haftet? Die Stadt? Hui, das wird uns mit unseren vollen Bäuchen dann doch etwas zu komplex und wir verabschieden die Idee mit dem unsichtbaren Zerplatzen einer Gedankenblase über uns, begleitet von einem imaginären „Plopp“ und wir wenden uns wieder den Fenstern zu, wo zum Beispiel gerade eine Katze ihr Hinterteil reinigt und uns dann besserwisserisch zublinzelt.

Wahrlich eine Stadt voller Geheimnisse!

Im Nebel

Tief dein Geist im Nebel drin
Nach Klarheit verlangt
Gnadenlos verbläst der Wind
Die Spuren im Sand

Mag es auch verworren sein
Dein Herzensgewand
Deine Hand tief in der mein‘
Sich langsam entspannt

Hör ich deinen Atem kaum
So spür ich dich doch
Finden deine Augen mich
Vermehrt sich das „Noch“

Hoffnung ist mir allerliebst
Die Wunder mir treu
Herz, auf dass du nie versiegst
Bis hier, und auf’s Neu

(verfasst im Februar 2015)

Diese Sache mit der Dankbarkeit

Wir können es manchmal nicht mehr hören, oder? „Sei dankbar, für das, was ist, und du wirst glücklich sein.“ Überall liest man, hört man, vernimmt man von der Magie der gelebten Dankbarkeit. Sie ist der ideale Lebensweg. Nur wer in Dankbarkeit lebt, wird weiterhin erfüllt mit Dingen, für die er weiter dankbar sein kann. Puh.

Aber wie zum Teufel geht das, wenn man gerade so tief im Schlamassel steckt, dass man jeden Tag neu herausfinden muss, wie das alles zu schaffen ist? Gesundheitlich, finanziell, es gibt genügend Gründe in unserer Welt, die uns in Mangeldenken stürzen, die uns zu Sorgen hinreissen und die den Negativteufelskreis füttern, so dass man Runde um Runde im Karussell der Sorgen, Ängste und Dunkelheit dreht. Wofür soll ich dankbar sein, wenn ich gerade gesundheitlich nur am kämpfen bin? Wenn mir gerade jemand ein Projekt geklaut hat? Wenn irgendwie alles harzig scheint? Wie soll ich eine dankbare Haltung einnehmen, wenn die Welt ein gefährlicher, beängstigender Ort zu sein scheint?

Im Trubel der Wintermonate habe ich mich dies oft gefragt und es gab auch die Momente, in denen ich sie dankend ablehnte, die gute Dankbarkeit, und erstmal eine Pause einlegen wollte, weil ich zwar darum WUSSTE, sie aber nicht FÜHLTE.

Eines Nachmittags im Zug wurde ich dann auf schöne Weise wieder mit ihr in Verbindung gebracht. Ich sass am Fenster und hörte von Weitem eine angenehmen Frauenstimme. „Billett Kontrolle, alli Billett bitte!“ Der Automatismus des nach der Tasche Greifens, in deren Inhalt nach dem Geldbeutel Grabens und innerhalb des Geldbeutels nach diesem kleinen Ticket Suchens, wobei wie wir das alle kennen zuerst das von gestern, vorgestern und dem letztem Jahrhundert zum Vorschein kommt, setzte ein und ein paar Minuten später hielt ich das bedruckte Zäddeli und mein Halbtax in der Hand, bereit für die Frau Kontrolleurin. Wir sind uns ja gewohnt, dass die Herren und Frauen Kontrolleure einen kurzen Blick auf das Zugbillett werfen, schweigend nicken und dann ihres Weges gehen. Selten mal huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, manchmal gibt es einen kleinen Blickkontakt, wenn sie das Foto auf dem Abo mit dem Gesicht synchronisieren. Unauffällige, ruhige Persönlichkeiten. Meinen Lieblingskontrolleur traf ich einmal, als ich mit einem (sehr gut aussehenden) Papa zweier Kinder und seinem Jungen – schlecht geschätzt etwa 7 Jahre alt – im Abteil sass. Der Kontrolleur sah schon aus wie der Nikolaus und wirkte auch so, und ich musste mich zusammenreissen, dass ich ihn nicht darum bat, sich hinzusetzen, damit ich mich auf seinen Schoss kuscheln konnte. Nun gut, der schöne Papa bat dann um ein Kinderbillett für seine beiden Zwerge und der Nikolaus durchsuchte jede Tasche dreimal und dies mit einer Engelsgeduld, dass ich wirklich fast glaubte, dass da der Nikolaus in Person stand. Als er die Kinderbillette einfach nicht finden konnte, kam der Junge etwas näher zum handsome-daddy, der neben mir sass und flüsterte gut hörbar: „Vielleicht hat er es im Oberstübli versteckt.“ worauf sowohl der Papa als auch ich ein lautes Losprusten nur mit aller Kraft unterdrücken konnten und belustigte Blicke austauschten. Der Nikolaus fand sie dann glücklicherweise doch noch und alle waren happy.

Aber ich schweife ab. Frau Kontrolleurin schritt also ihres Weges durch den Dschungel der Zugabteile und ich hörte sie immerzu etwas sagen. Von Weitem konnte ich sie nicht verstehen und wunderte mich. Eine Plaudertasche zur ADankbbwechslung? Als sie näher kam wurde mir dann plötzlich bewusst, dass sie ständig ein einziges Wort wiederholte und zwar laut und deutlich bei jedem einzelnen Passagier des Zuges. Jede Kontrolle quittierte sie mit einem freundlichen „Danke“. Ich hätte zählen sollen! So musste ich plötzlich lächeln und dachte an all diese vorgeschlagenen Dankbarkeits-Übungen. „Kleb ganz viele Zettel mit „Danke“ drauf überall in der Wohnung hin.“ oder „Sag innerlich jedem Menschen, dem du begegnest, danke.“ oder „Sei so oft du kannst dankbar und schreibe es dir jeden Abend vor dem Schlafengehen auf.“ Welch gesegneten Beruf also die Kontrolleurin plötzlich hatte in meinen Augen, da sie tagtäglich hunderte Male das Wort „Danke“ aussprach und dem Wort so ihre ganze Energie zusprach. Wie gerne hätte ich sie nun am Ärmel gezupft und sie über ihr Leben ausgequetscht. War sie glücklich? War sie sich dieser besonderen Arbeit und der wundervollen Art, wie sie sie ausführte, bewusst?

So war die Dankbarkeit plötzlich wieder in meinem Leben und was war ich dankbar dafür! Ich danke der Frau Kontrolleurin von ganzem Herzen, dass sie sie mir zurückgebracht hat und mich wieder achtsam gemacht hat. Plötzlich wurde mir auch bewusst, wie einfach Dankbarkeit ist! Es geht nicht um erzwungene Übungen! Es geht nicht um Verschleudern von gerodeten Wäldern in Form von Zetteln in der ganzen Wohnung, die man nach zwei Tagen sowieso nicht mehr bewusst wahrnimmt!

Es geht um Achtsamkeit. Es geht um Fokus. Es geht darum, in jeder Situation das Schöne zu sehen, in jeder Begegnung das Gute und in jedem Konflikt das Geschenk. Und das gibt es. Immer und überall. Es gilt nur hinzuhören, hinzufühlen, hinzusehen und im Herzen offen zu sein.

Und dann entwickelt sich ein weiterer wunderbarer Automatismus. Die Dankbarkeit. Weil sie sich dann wie von selbst einstellt und dann auch von Herzen kommt.

Danke für’s Lesen!

Engel im Regen.

Es gibt sie. Diese Tage, diese Wochen, diese Zeiten, in denen es öfter regnet, als dass die Sonne scheint. Zum Glück hat die Sonne immer wieder die Gelegenheit, ein klitzekleines bisschen aufzureissen, um uns zuzuzwinkern und uns daran zu erinnern, dass sie immer da ist. Und uns nicht vergessen hat.

In ihrer türkisfarbenen Regenjacke, den geöffneten hellblauen Regenschirm in ihrer rechten Hand, stand sie an der Bushaltestelle im Regen. Es war dunkel. Sie war selten so traurig wie an diesem Abend. Genau so gut hätte sie den Schirm schliessen können. Sie hätte den Unterschied nicht bemerkt. Sie weinte nicht gern an öffentlichen Orten. Heute war es ihr egal. Sie hatte schon geweint, als sie in den Zug nach Hause gestiegen war, sie hatte beim Umsteigen geweint und sie hörte auch jetzt nicht auf, als sie auf den Bus wartete. Warum auch? Sie tat es dem Regen gleich. So fühlte sie sich zumindest ein kleines bisschen weniger allein.

An der gegenüberliegenden Haltestelle, wo Bus und Tram in die Gegenrichtung fuhren, hielt ein Tram. Sie achtete kaum darauf und ihre Augen suchten stattdessen irgendwo nach Halt. Ausser den Regentropfen im Licht der StrassRegen.enlaterne fanden sie nichts Vielversprechendes und selbst wenn sie sich an ihnen festzuhalten versuchten, nahmen ihr die Schleier ihrer eigenen Tränen erneut den Halt und liessen sie buchstäblich im Regen stehen. Das Tram bimmelte und setzte zur Weiterfahrt an. Aus irgendeinem Grund hüpften ihre Augen von Fenster zu Fenster des vorbeirauschenden Gefährts und blieben, als wäre es die Antwort auf eine Frage, plötzlich haften. Sie blieben haften. Am Blick und am Lächeln eines jungen Mannes, das ihr galt. Nur ihr. Er sah ihr aufmunternd und ohne Umwege Mitten in das Herz hinein und schenkte ihr eine klare, unwiderstehliche Aufforderung, der sie sich nicht zu entziehen vermochte. Und ehe sie sich versah, lächelte sie. Gegen ihren eigenen Willen, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit, trotz der bleiernen Schwere ihrer Mundwinkel, lächelte sie.

Und auf einmal war alles etwas leichter. Es regnete noch immer. Sie war noch immer, wo sie war. Wie weinte noch immer. Doch sie lächelte. Dank dieser Begegnung mit einem Unbekannten, die ihr wohl mehr gab, als der Gute sich jemals vorstellen konnte.

Sie schickte ihm innerlich ein herzliches Dankeschön und wusste wieder, wie einfach es doch eigentlich war, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Wo alle ständig versuchten zu kämpfen, zu diskutieren, einander auszustechen mit guten Argumenten, wie man die Welt doch retten könnte, und dabei vergassen, dass sie die Welt retten wollten.

Dabei reicht oft nur ein Lächeln, das aufrichtig jemandem gilt, der gerade im Regen steht und weint – und eine ganze Welt ist gerettet.

Heute war ihre Welt gerettet.