Diese Sache mit der Dankbarkeit

Wir können es manchmal nicht mehr hören, oder? „Sei dankbar, für das, was ist, und du wirst glücklich sein.“ Überall liest man, hört man, vernimmt man von der Magie der gelebten Dankbarkeit. Sie ist der ideale Lebensweg. Nur wer in Dankbarkeit lebt, wird weiterhin erfüllt mit Dingen, für die er weiter dankbar sein kann. Puh.

Aber wie zum Teufel geht das, wenn man gerade so tief im Schlamassel steckt, dass man jeden Tag neu herausfinden muss, wie das alles zu schaffen ist? Gesundheitlich, finanziell, es gibt genügend Gründe in unserer Welt, die uns in Mangeldenken stürzen, die uns zu Sorgen hinreissen und die den Negativteufelskreis füttern, so dass man Runde um Runde im Karussell der Sorgen, Ängste und Dunkelheit dreht. Wofür soll ich dankbar sein, wenn ich gerade gesundheitlich nur am kämpfen bin? Wenn mir gerade jemand ein Projekt geklaut hat? Wenn irgendwie alles harzig scheint? Wie soll ich eine dankbare Haltung einnehmen, wenn die Welt ein gefährlicher, beängstigender Ort zu sein scheint?

Im Trubel der Wintermonate habe ich mich dies oft gefragt und es gab auch die Momente, in denen ich sie dankend ablehnte, die gute Dankbarkeit, und erstmal eine Pause einlegen wollte, weil ich zwar darum WUSSTE, sie aber nicht FÜHLTE.

Eines Nachmittags im Zug wurde ich dann auf schöne Weise wieder mit ihr in Verbindung gebracht. Ich sass am Fenster und hörte von Weitem eine angenehmen Frauenstimme. „Billett Kontrolle, alli Billett bitte!“ Der Automatismus des nach der Tasche Greifens, in deren Inhalt nach dem Geldbeutel Grabens und innerhalb des Geldbeutels nach diesem kleinen Ticket Suchens, wobei wie wir das alle kennen zuerst das von gestern, vorgestern und dem letztem Jahrhundert zum Vorschein kommt, setzte ein und ein paar Minuten später hielt ich das bedruckte Zäddeli und mein Halbtax in der Hand, bereit für die Frau Kontrolleurin. Wir sind uns ja gewohnt, dass die Herren und Frauen Kontrolleure einen kurzen Blick auf das Zugbillett werfen, schweigend nicken und dann ihres Weges gehen. Selten mal huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, manchmal gibt es einen kleinen Blickkontakt, wenn sie das Foto auf dem Abo mit dem Gesicht synchronisieren. Unauffällige, ruhige Persönlichkeiten. Meinen Lieblingskontrolleur traf ich einmal, als ich mit einem (sehr gut aussehenden) Papa zweier Kinder und seinem Jungen – schlecht geschätzt etwa 7 Jahre alt – im Abteil sass. Der Kontrolleur sah schon aus wie der Nikolaus und wirkte auch so, und ich musste mich zusammenreissen, dass ich ihn nicht darum bat, sich hinzusetzen, damit ich mich auf seinen Schoss kuscheln konnte. Nun gut, der schöne Papa bat dann um ein Kinderbillett für seine beiden Zwerge und der Nikolaus durchsuchte jede Tasche dreimal und dies mit einer Engelsgeduld, dass ich wirklich fast glaubte, dass da der Nikolaus in Person stand. Als er die Kinderbillette einfach nicht finden konnte, kam der Junge etwas näher zum handsome-daddy, der neben mir sass und flüsterte gut hörbar: „Vielleicht hat er es im Oberstübli versteckt.“ worauf sowohl der Papa als auch ich ein lautes Losprusten nur mit aller Kraft unterdrücken konnten und belustigte Blicke austauschten. Der Nikolaus fand sie dann glücklicherweise doch noch und alle waren happy.

Aber ich schweife ab. Frau Kontrolleurin schritt also ihres Weges durch den Dschungel der Zugabteile und ich hörte sie immerzu etwas sagen. Von Weitem konnte ich sie nicht verstehen und wunderte mich. Eine Plaudertasche zur ADankbbwechslung? Als sie näher kam wurde mir dann plötzlich bewusst, dass sie ständig ein einziges Wort wiederholte und zwar laut und deutlich bei jedem einzelnen Passagier des Zuges. Jede Kontrolle quittierte sie mit einem freundlichen „Danke“. Ich hätte zählen sollen! So musste ich plötzlich lächeln und dachte an all diese vorgeschlagenen Dankbarkeits-Übungen. „Kleb ganz viele Zettel mit „Danke“ drauf überall in der Wohnung hin.“ oder „Sag innerlich jedem Menschen, dem du begegnest, danke.“ oder „Sei so oft du kannst dankbar und schreibe es dir jeden Abend vor dem Schlafengehen auf.“ Welch gesegneten Beruf also die Kontrolleurin plötzlich hatte in meinen Augen, da sie tagtäglich hunderte Male das Wort „Danke“ aussprach und dem Wort so ihre ganze Energie zusprach. Wie gerne hätte ich sie nun am Ärmel gezupft und sie über ihr Leben ausgequetscht. War sie glücklich? War sie sich dieser besonderen Arbeit und der wundervollen Art, wie sie sie ausführte, bewusst?

So war die Dankbarkeit plötzlich wieder in meinem Leben und was war ich dankbar dafür! Ich danke der Frau Kontrolleurin von ganzem Herzen, dass sie sie mir zurückgebracht hat und mich wieder achtsam gemacht hat. Plötzlich wurde mir auch bewusst, wie einfach Dankbarkeit ist! Es geht nicht um erzwungene Übungen! Es geht nicht um Verschleudern von gerodeten Wäldern in Form von Zetteln in der ganzen Wohnung, die man nach zwei Tagen sowieso nicht mehr bewusst wahrnimmt!

Es geht um Achtsamkeit. Es geht um Fokus. Es geht darum, in jeder Situation das Schöne zu sehen, in jeder Begegnung das Gute und in jedem Konflikt das Geschenk. Und das gibt es. Immer und überall. Es gilt nur hinzuhören, hinzufühlen, hinzusehen und im Herzen offen zu sein.

Und dann entwickelt sich ein weiterer wunderbarer Automatismus. Die Dankbarkeit. Weil sie sich dann wie von selbst einstellt und dann auch von Herzen kommt.

Danke für’s Lesen!

Engel im Regen.

Es gibt sie. Diese Tage, diese Wochen, diese Zeiten, in denen es öfter regnet, als dass die Sonne scheint. Zum Glück hat die Sonne immer wieder die Gelegenheit, ein klitzekleines bisschen aufzureissen, um uns zuzuzwinkern und uns daran zu erinnern, dass sie immer da ist. Und uns nicht vergessen hat.

In ihrer türkisfarbenen Regenjacke, den geöffneten hellblauen Regenschirm in ihrer rechten Hand, stand sie an der Bushaltestelle im Regen. Es war dunkel. Sie war selten so traurig wie an diesem Abend. Genau so gut hätte sie den Schirm schliessen können. Sie hätte den Unterschied nicht bemerkt. Sie weinte nicht gern an öffentlichen Orten. Heute war es ihr egal. Sie hatte schon geweint, als sie in den Zug nach Hause gestiegen war, sie hatte beim Umsteigen geweint und sie hörte auch jetzt nicht auf, als sie auf den Bus wartete. Warum auch? Sie tat es dem Regen gleich. So fühlte sie sich zumindest ein kleines bisschen weniger allein.

An der gegenüberliegenden Haltestelle, wo Bus und Tram in die Gegenrichtung fuhren, hielt ein Tram. Sie achtete kaum darauf und ihre Augen suchten stattdessen irgendwo nach Halt. Ausser den Regentropfen im Licht der StrassRegen.enlaterne fanden sie nichts Vielversprechendes und selbst wenn sie sich an ihnen festzuhalten versuchten, nahmen ihr die Schleier ihrer eigenen Tränen erneut den Halt und liessen sie buchstäblich im Regen stehen. Das Tram bimmelte und setzte zur Weiterfahrt an. Aus irgendeinem Grund hüpften ihre Augen von Fenster zu Fenster des vorbeirauschenden Gefährts und blieben, als wäre es die Antwort auf eine Frage, plötzlich haften. Sie blieben haften. Am Blick und am Lächeln eines jungen Mannes, das ihr galt. Nur ihr. Er sah ihr aufmunternd und ohne Umwege Mitten in das Herz hinein und schenkte ihr eine klare, unwiderstehliche Aufforderung, der sie sich nicht zu entziehen vermochte. Und ehe sie sich versah, lächelte sie. Gegen ihren eigenen Willen, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit, trotz der bleiernen Schwere ihrer Mundwinkel, lächelte sie.

Und auf einmal war alles etwas leichter. Es regnete noch immer. Sie war noch immer, wo sie war. Wie weinte noch immer. Doch sie lächelte. Dank dieser Begegnung mit einem Unbekannten, die ihr wohl mehr gab, als der Gute sich jemals vorstellen konnte.

Sie schickte ihm innerlich ein herzliches Dankeschön und wusste wieder, wie einfach es doch eigentlich war, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Wo alle ständig versuchten zu kämpfen, zu diskutieren, einander auszustechen mit guten Argumenten, wie man die Welt doch retten könnte, und dabei vergassen, dass sie die Welt retten wollten.

Dabei reicht oft nur ein Lächeln, das aufrichtig jemandem gilt, der gerade im Regen steht und weint – und eine ganze Welt ist gerettet.

Heute war ihre Welt gerettet.

Unsere grossen, starken Kinder

Heute Morgen sass ich bei mir um die Ecke in einem Café und gönnte mir einen Cappuccino. So einen mit viel Schaum und Schoko-Pulver obendrauf. Da in meiner Wohnung kurz vor meinem Auszug noch der Holzofen ausgewechselt wird, gähnt die Küche ziemlich leergeräumt vor sich hin und die Kaffeemaschine spuckt zwar noch Kaffee aus aber Milch gibt es keine, da ich morgen für eine Woche in die Wohnung meines besten Freundes ausweichen muss und in der Räum- und Austrinkaktion gestern wohl vergessen hatte, dass heute auch noch ein Tag ist. Aber ohne meinen morgendlichen Kaffee geht gar nichts, also kommen wir wieder zum Anfang der Geschichte. Ich genoss also die ersten paar Schlücke Kaffee, die wohlig meine Kehle hinunterflossen und mir dieses unbezahlbare Gefühl von Geborgenheit schenkten. Ich schrieb krakelige Sätze in mein Notizbuch, versuchte meine Gedanken zu ordnen, wie üblich vom einen chaotischen Haufen zum nächsten chaotischen Haufen und tauchte immer mehr ein in den Moment, hörte Menschen reden, Trams bimmeln, Fahrräder klingeln, und Geschirr auf den Nebentischen chläfelen. Ich hielt kurz inne und atmete seit Tagen zum ersten Mal tief durch und lehnte mich zurück. Wie mir ein Freund in einem E-mail gerade so schön geschrieben hatte: Eine wilde Zeit 

Eine Frauenstimme übertönte plötzlich die mehr oder weniger gleichförmige Geräuschkulisse und riss mich aus meinen Gedanken und Träumereien. Sie klang ziemlich angepisst, fast etwas hysterisch und versuchte dies in keiner Weise, zu verstecken. Ich konnte den Gedanken über das Paradox zur Schweizerischen Zurückhaltung nicht zu Ende denken, denn ich verstand sie nämlich gar nicht, was daran lag, dass sie Spanisch sprach, beziehungsweise schrie. Ich liebe die Leidenschaft in der spanischen Sprache und die Hoffnung in mir stieg, dass ich Zeugin einer angeregten Diskussion sein würde und einer wilden Wortschlacht lauschen durfte. Meine Augen suchten also die zur Stimme gehörige Person und ich erblickte das kleine Grüppchen Menschen nun ziemlich in meiner Nähe, als eine männliche Stimme ihr – nur ganz wenig leiser – antwortete. Ich spreche kein Spanisch, aber es war mir sofort klar, dass es sich um eine Krise handelte. Die Frau mit den blonden, halblangen Haaren machte mit dunklen Ringen unter den Augen einen etwas müden Eindruck. Sie trug ein rosafarbenes Shirt und eine helle Hose. Er, vermutlich ihr Mann, mit kurioser Frisur und unzähligen Tatoos an beiden Armen, die er mit seinem Muskelshirt offen präsentierte, trug eine Sonnenbrille, die seine Augen pflichtbewusst verbarg. Doch da war noch jemand dabei. Etwas versteckt, unscheinbar aber mit knallgrünen Kleidern und einer gelben Sonnenbrille geschmückt – ein Mädchen, schätzungsweise in der Anfangsphase des Teenagertums. Das Gesicht ohne Aussagekraft, irgendwie hart und etwas versteinert. Oder doch verunsichert und abwartend? Ich wusste es nicht so genau. Eine Familie also.

Ich versuchte, mich wieder auf meine Notizen zu konzentrieren, da ich die Kleinfamilie nicht bei einem Streit beobachten wollte, aber die Lautstärke der Stimmen liess mich erneut aufschrecken und meine innere Beobachterin wurde nun doch aktiviert. Ich wusste nicht, worüber sie stritten. Aber ich spürte, dass es um’s Eingemachte ging. Ihre Stimme klang vorwurfsvoll. Seine Stimme klang trotzig, etwas defensiv. Sie warf ihm möglicherweise einen Fehler vor und er versuchte nun, sich ihr zu erklären, wobei er wiederum auf Granit biss, da sie ja doch nur ihre eigene Wahrheit hören wollte. Etwa so stellte ich mir das vor. Da war eine dicke, eisige Mauer zwischen den beiden. Und vielleicht war es ein Versuch der Tochter, diese zu brechen, oder aber eine Erinnerung an ihre Anwesenheit, denn sie schlüpfte plötzlich zwischen den beiden streitenden Elternteilen hindurch und setzte sich auf die Mauer. Dasselbe taten die Eltern. Mutter, Vater, Tochter. Die Tochter passte irgendwie nicht in das Bild und ich wunderte mich, ob die Eltern es bemerken würden, wenn sie plötzlich nicht mehr Teil der Szene gewesen wäre. Sie wurden leiser und meine Aufmerksam floss zurück zu meinen Notizen. Ich schrieb weiter und liesse da Gehörte und Gesehene wieder los.

Mein Geschriebenes füllte nach und nach Seiten und ich hatte das Szenario bereits vergessen, als ihre Stimme erneut erschallte. Sie klang laut, hysterisch und offenbar hatte er ihr nun einen Grund gegeben, aufzustehen und laut einen letzten Satzknäuel in seine Richtung zu schwarten und dann mit einem lauten „Ciao!“ dramatisch abzugehen. Wäre das ein Theaterstück, hätte sie von mir Szenenapplaus bekommen.

Er rief ihr im selben Tonfall ein wütendes „Adios!“ hinterher und blieb erstmal sitzen. Ich spürte, dass er verletzt war. Hinter seiner Sonnenbrille gut versteckt, sass ein tief getroffener Mann. Er sank etwas in sich zusammen. Die Tochter sass neben ihm und ich konnte nicht genau unterscheiden, ob es Teilnahmslosigkeit war, oder ebenfalls eine Art Konsterniertheit, die sie ausstrahlte. Ich sah zum Mann und dachte so laut wie möglich: „Nimm deine Tochter in den Arm. Nimm deine Tochter in den Arm. Schau sie an. Rede mit ihr. Gib ihr ein Zeichen.“ Doch nichts dergleichen geschah. Er kämpfte eindeutig mit der Fassung.

Was dann passierte, berührte mich sehr.

Denn es war die Tochter, die ein Stück näher zu ihrem Vater rückte, ihm tröstend über seinen Arm strich, ihren Arm beschützend um seine Schultern legte und ihren Kopf sanft an sie lehnte. Er liess das ein paar Sekunden lang zu, reagierte jedoch nicht, sondern stand plötzlich auf. Er blickte unsicher in die Richtung, in der seine Frau verschwunden war und nach ein paar Augenblicken des Wartens gab er auf. Sie würde nicht zurückkommen. Vorerst. Also spazierte er davon und die Tochter musste sich etwas beeilen, um bei seinem vorgelegten Tempo mitzuhalten. So verliessen die beiden ebenfalls die Szene und das Theaterstück fand sein Ende. Der Vorhang fiel und in meinen Augen stauten sich nun Tränen an, die schliesslich über den Rand des unteren Augenlids quollen und sich den Weg über meine Wangen bahnten, um dann mutig den Sprung von meinem Gesicht in meinen Schoss zu wagen, wo sie von meinen Jeans weich empfangen wurden und in ihr Stoffleben integriert.

Unsere grossen, starken Kinder. Ich war beeindruckt. Geschockt. Berührt. Unsere grossen, starken Kinder.

In Gedanken umarmte ich die Tochter so herzlich, wie ich nur konnte und widmete mich schliesslich wieder meinen Notizen. Ein Sonnenstrahl kitzelte an meiner Nase und wie ich den letzten Schluck meines Kaffees genoss, sog die Sonne genüsslich die letzten Überreste meiner Tränen in sich auf und wir beide gingen frisch gesättigt unseres Weges.

Hoffnung

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass irgendwann das Herz regiert, dass nicht immer nur der Kopf reagiert, analysiert und malträtiert. Dass Menschen miteinander sprechen, dass sie statt ständig leere Versprechen zu brechen einmal spüren was sie meinen und nicht nur trügen sondern ehrlich aus dem Herzen scheinen, das denken was sie sagen und das sagen was sie meinen. Ich bin zuversichtlich, dass Menschen, statt sich schützen zu müssen, sich öffnen und das Leben leidenschaftlich (mit Zunge) küssen, statt ständig zu kämpfen um den Sieg in der Welt, der Sieg, der in der Zeit sowieso zerfällt, statt das eigene Spiegelbild als die Wahrheit zu betrachten, einander respektieren, tolerieren und bedingungslos achten. Statt Lügen in die Welt stinken zu lassen, statt sich selbst täglich für ein Image zu verlassen und sich am Abend trotzdem zu hassen; statt Zerstörung als das Gute zu sehen und sich selbst verbindlich im Wege zu stehen. Dass Menschen sich trauen, Männer und Frauen, alles zu wagen und neue Wege einzuschlagen. Die Augen zu öffnen und hinzuschauen. Sich für das Sosein zu entscheiden und gegen das Leiden. Loszulassen und zuzulassen. Hinzugeben und den Moment zu leben. Die Kontrolle zu entlassen, die starren Wege zu verlassen, Neuem den Weg in ihr Herz zu erlassen und dem zu vertrauen, was daraus entsteht.

Dass irgendwann jeder mit dem Herzen sieht.

Die heilige Mütze

Nun möchte ich mit euch einen dieser Momente teilen, die so rar im Leben sind, dass man sie sich tätowieren lassen möchte. Die man heiraten möchte. Einen dieser Momente, wo man sich auf den Boden setzen muss vor lachen und fast in die Hose pinkelt. Ich weiss, man sollte ja Lustiges nicht allzu gross ankündigen, um die Erwartungen der Leser nicht zu enttäuschen am Schluss. Und Situationskomik ist vor allem für diejenigen lustig, die dabei sind.

Aber das, was jetzt gleich kommt, IST LUSTIG.

Der Held der Geschichte, der mir sehr nahe steht, hat mir die Erlaubnis gegeben, sie niederzuschreiben, unzensiert und in allen Farben zu veröffentlichen. Er bekundete, es sei ihm egal, ob er dabei anonym bleibe oder mit Namen genannt wird. Ich überlege mir dies noch, da er doch ein grosser Held darstellt, wie ich finde, und nenne ihn zwischenzeitlich einfach einmal Adam. Wie ihr später lesen werdet, ein durchaus passender Name, den er übrigens neuerdings von mir als würdigen Übernamen übergestülpt gekriegt hat.

Ich betitle die Geschichte mit: „Die heilige Mütze“

„Meine Mützen sind mir heilig“, habe ich schon mehrmals zu hören bekommen von Adam, seit ich ihn kenne. Er trägt seine Caps oft, stolz und gern. Die Mützen, die es auf seinen Kopf schaffen, wissen, dass ihnen ein Leben ewiger Treue zuteil wird. WIE heilig sie ihm sind, das weiss ich allerdings erst seit heute.

Ein ganz normaler Mittwochnachmittag. Es regnet und Adam und ich treffen uns bei ihm zu Hause, schmieren uns leckere Brote und quatschen. Plötzlich drückt die Sonne und es zieht uns hinaus. Also satteln wir seine grüne und meine Lieblings-Vespa und fahren in Richtung Aare. Wir passieren Maisfelder, die leider zu weit vom Strassenrand entfernt sind, um sie mit der ausgestreckten Hand zu streifen – so wie ich das früher mit dem Fahrrad immer getan habe und mir dabei vorgestellt habe, es seien meine Fans, die alles darum geben, meine Hand zu berühren. Naja. Egal.

Wir wollen uns also auf einen Spaziergang machen, der uns zu den Sandbänken zwischen Aarau und Schönenwerd führen soll, die jedoch nach den Regenmengen der letzten Zeit kaum noch zu finden sind. Unglaublich! Da ist einfach nur noch Wasser überall! Aber ich schweife ab, die Sandbänke spielen nämlich in der Hauptgeschichte gar keine Rolle. Als wir die Vespa abstellen, sehen wir also, dass der Wasserstand der Aare nach wie vor sehr hoch ist und wir überqueren staunend die Brücke, nach der sich dann der Fluss in zwei Teile teilt, die parallel weiterfliessen. Die Brücke, von der normalerweise um die Jahreszeit Menschen mit und ohne Schwimmreifen in das kühle Nass springen und sich gemütlich treiben lassen. „Da würde ich um kein Geld hinein springen im Moment“ sind meine Worte, als ich die Wassermassen ehrfurchtsvoll beobachte, die sich in einer hellbraunen, wilden Masse ungestüm in Richtung Aarau bewegen. Ich bleibe mitten auf der Brücke stehen und recke mein Gesicht in die wunderbare Sonne. Es riecht nach Herbst. Es ist stürmisch, ich schüttle meine Haare aus dem Gesicht und greife in der Jackentasche nach meinem Handy, um damit ein Foto zu knipsen. Ich blicke mich nach Adam um, der sich gerade in der Sonne streckt, um auch ihn auf einem Foto festzuhalten. Und dann geht alles ganz schnell.

Ich sehe gerade noch, wie der Wind Adams Mütze, ein braun-weisses Cap, eines eben dieser „heiligen“ Sorte, frech packt und der Aare in hohem Bogen zuwirft, welche sie gekonnt auffängt und sie mit den Wassermassen weiterträgt. Oje, wie schade! Für mich ist die Sache dann aber eigentlich bereits abgehakt, ich fluche kurz und winke der Mütze im Geiste noch „Auf Wiedersehen“.

Nicht so für Adam. Oh, nein. Für Adam hat das Abenteuer eben gerade begonnen. Er stellt sein Malz-Getränk an der Ecke von Brücke zu Festland ab und weg ist er. Ich sehe ich ihn nur noch rennen. Die Mütze ist im rechten der zwei Fluss-Arme gelandet und so folgt er ihr also dem rechten Ufer entlang, wo er dann irgendwo auch seinen umgebundenen Pulli abwirft, damit er schneller vorankommt. Ich denke für mich noch, dass er das vergessen kann, dies schnell einsehen und zurückkommen wird und mache mir gar nicht erst die Mühe, ihm hinterherzurennen. Die Wassermassen werden den Hut sicherlich schon verschluckt haben. Ich sammle also seine Flasche und den Pulli ein und sehe Adam von Weitem nach, wie er unbeirrt flussabwärts jagt. Dann gibt es eine kleine Biegung nach links im Fluss und er verschwindet dahinter. Aus Neugier spaziere ich auf die kleine Brücke, die über den rechten Fluss-Arm zum mittleren Inselteil führt, um einen Blick nach unten zu werfen. Und da sehe ich zu meinem Erschrecken tatsächlich einen Menschen in der oben erwähnten Biegung, der durch die Wassermassen schwimmt, etwas ergreift und sich dann wieder an den Rand zu kämpfen versucht. Ich erstarre und als ich nochmals die Strömung unter mir vorbeisausen sehe, renne ich los. In meinem Kopf läuft ein Film ab, der sich gerade zu einem Horror Film entwickelt. Hat sich Adam nun tatsächlich mitsamt den Kleidern in die Aare hinein gestürzt? Was, wenn er es nicht bis an den Rand zurück schafft? Spinnt der eigentlich? Ich sehe ihn vor meinem inneren Auge schon halbwegs ertrinken, sehe mich, die ihn in letzter Sekunde noch rettet. In der einen Hand unsere beiden Getränke und in der anderen seinen Pulli, spurte ich los. Ich rufe nach Adam und werde langsam etwas panisch. Ich pfeife, ich rufe und ich suche mit meinen Augen das Ufer ab.

Wäre ich ein TV-Heini, der nur Geld im Kopf hat, würde ich hier eine Fruchtzwerge Werbung platzieren. Da ich aber ich bin, schreibe ich einfach weiter.

Ich spiele also weiter alle möglichen Szenarien durch, als ich immer schneller renne. Plötzlich bleibe ich jedoch stehen. Nein. Nicht alle Szenarien. Nicht dieses. Denn er hängt nicht an einem Baum. Er ist auch nicht völlig durchnässt und erschöpft irgendwo am Ufer. Adam schlendert mir entgegen, auf dem geteerten Weg an der Sonne. Flussaufwärts spaziert er, seelenruhig und splitterfasernackt. Na ja nicht ganz, denn an der Stelle eines Ahornblattes trägt er seine heiss geliebte braun-weisse Mütze. Er winkt, grinst stolz und ich schnappe nach Luft, weil ich nicht glauben kann, was ich sehe. Ein nackter Mann mit der heiligen, geretteten Mütze in seiner edlen Gegend. Ein Bild, das ich wohl nie wieder aus meinem Gedächtnis löschen kann. Der Horror Film nimmt eine unerwartete Wendung hin zu einer Komödie.

Ich bin natürlich erleichtert, dass er überhaupt da vor mir steht und brauche einen Moment, um die Ereignisse der letzten paar Minuten zu verarbeiten. Und während er die trockenen Kleider am Ufer findet und sie sich erleichtert überzieht, pruste ich endlich laut los, quietsche und lache und muss mich erst einmal auf den Boden setzen, voller Unglauben, in welch skurriler Situation ich da gerade gelandet bin.

Um die Geschichte inhaltlich zu vollenden: Adam rannte tatsächlich schneller als der Hut, riss sich kurzentschlossen alle Kleider vom Leib, stürzte sich ins Wasser und kletterte etwas weiter unten wieder an das Ufer – mit seinem geretteten Hut.

Was mich angeht. Ich sass also da am Boden, lachte über das Bild in meinem Kopf, staunte über die Schnelligkeit Adams, sich sogar noch die Kleider vom Leib zu reissen, bevor er sich in die Wassermassen stürzte und in dem Moment war ich, und das bin ich auch genau jetzt wo ich diese Zeilen schreibe, einfach nur von Herzen dankbar für so, so, so wunderbar verrückte Menschen wie Adam, der sich für seine geliebte Mütze kompromisslos in reissende Flüsse wirft und nicht eher aufgibt, bis er sie gerettet hat. Und mir damit eine Erinnerung geschenkt hat, die mich unkontrolliert und laut loslachen lässt, wo immer ich bin, wenn ich nur daran denke.

:)

adam

Tag und Nacht

Was in dir drin nach Außen drängt
Und alle deine Wünsche kennt
Was dich zum König der Sonne ernennt
Will dich im Leben leiten.

Was dich an deinen Ohren zerrt
Und dir brutal den Weg versperrt
Was dich zum Sklaven der Nacht erklärt
Will heftig mit dir streiten.

Ob du dich selbst im Streit vergisst
Oder doch viel lieber König bist
Ob du dich stets verblenden lässt
Es liegt in deinen Händen.

Ob zart das Herz den Kopf beglückt
Ob hart der Kopf dein Herz zerdrückt
Ob Liebe deine Seele schmückt
Es wird dich stets vollenden.

tag und nacht

Herr Schönling vs. Gummitiere

Kürzlich stieg ich bei der Hardbrücke in den Zug nach Aarau ein und erwischte einen dieser Doppelstöcker, die mit einen Zwischenstock in der Nähe der Türe ausgestattet sind, wo zwei Viererabteile und ein kleines Zweierabteil zu finden sind. Also zehn den Raum gut nutzende Sitze. Weder erste noch zweite Klasse, wenn ihr mich fragt. Wie wenn man im Treppenhaus sitzen würde. Aber ihr fragt mich ja nicht, also erzähle ich einfach weiter. Ich setzte mich also in eines der beiden Treppenhausabteile, vorwärts und am Fenster. Mir gegenüber, jedoch auf dem Sitz am Gang, sass eine Augenweide eines männlichen Wesens. So viel gebündelte Schönheit, dachte ich, MUSS doch einen Haken haben. Na warten wir einmal ab.

Ich nahm mein iPhone und machte mich daran, meinem besten Freund auf ein rätselhaftes Bild zu antworten – eine Eigenschaft an ihm, die ich an manchen Tagen sehr liebe und an anderen verfluche, denn dann geht es natürlich darum, herauszufinden, was er mir damit sagen will – zum Beispiel mit der fotografierten Seite eines Buches – und er weiss um meine Ungeduld und manchmal macht mich das dann einfach echli hässig. Unterdessen habe ich gelernt und schicke dann amigs ein zusammenhangloses Bild zurück und er wirft sich in die aktive Rätselrunde, um mein Rätsel zu lösen. (in diesem Fall ein abfotografierter Schein eines nicht abgeholten Einschreibens von der Post. Wer verschickt schon Einschreiben über die Weihnachtszeit, wenn man eh fast nie zu Hause ist?!) Egal. Während wir also hin und her spekulierten, beobachtete ich im Augenwinkel den Schönling. Er hatte seinen Laptop auf dem Schoss und tippte mit der Adler-Technik irgendetwas hinein, während er sein Dinosaurier-Handy in der Hand hielt und fluchte. Ein weiteres Handy lag neben ihm auf dem Sitz, ebenso aus der Dinosaurier-Reihe stammend, und wartete darauf, dass die SIM Karte vom einen zum anderen gewechselt wurde. War dies erledigt, wurden die Handys in die Jackentaschen versorgt, der Laptop zugeklappt und in seine Tasche gepackt. So ein Säckli, das man oben auf beiden Seiten zuziehen kann und es – wenn man denn will – am Rücken tragen kann. Diese sind ja wieder voll in. Früher hatte ich so ein Turnsäckli.

Nun gut. Er griff zur Tüte mit den Gummi-Schleckzeug-Sachen, die als letztes Utensil neben ihm auf dem Sitz thronte, und schob sich ein Tier in den Mund. Womit sich auch der Haken in voller Lautstärke, unüberhörbar präsentierte. Er schmatzte. Er SCHMATZTE. Er schmatzte so laut, dass ich dachte, ich hätte ein Hörgerät und es zu laut eingestellt. Nein, natürlich habe ich kein Hörgerät. Ich schluckte leer und wagte einen Blick zu den wenigen anderen Menschen im Viererabteil auf der anderen Seite des Ganges. Ich sah Ekel, gemischt mit Amüsement auf ihren Gesichtern, eine Frau tippte wild in ihr Handy und ich war überzeugt dass sie dies gerade auf irgendein Netzwerk lud. Derweil schmatzte er weiter, schob sich Gummitier um Gummitier in seine Mundhöhle und gab gedankenverloren Geräusche von sich, schaute um sich, machte sich unglaublich breit für seine perfekte und wunderbare, auf den ersten Blick in einer schönen Mischung zwischen zierlich und männlich geformte, Figur, und ich erschrak, als er plötzlich den Laptop wieder aus dem Turnsäckli packte, ihn öffnete und zehn Sekunden später wieder versorgte. Dies wiederholte sich dann alle zwei Minuten. Die Handlungen liefen eher schnell und zackig ab und erst nach dem dritten Mal hörte ich auf, mich zu erschrecken. Als die Gummitiere ausgestorben waren und er die Verpackung entsorgt hatte, begann die nächste Geräuschekulisse. Er atmete laut, ja röchelte fast. Es war für mich klar, dass er auf irgendetwas wartete. Auf eine Antwort. Deshalb klappte er immer wieder den Laptop auf und fluchte, als er ihn wieder zu klappte uuuuuund dann musste er wieder atmen, gaaaaaanz laut. Als er dann noch begann, nervös und im 16/32 Takt mit dem linken Knie zu wippen, wurde ich auch langsam etwas kribbelig und versuchte mich damit abzulenken, meinen besten Freund über das Drama zu informieren. Herr Schönling lieferte mir Nachschub in Rekordzeit und ich kam mit tippen kaum hinterher. Denn plötzlich bekam der Arme auch noch den Schluckauf, der seine Atem-Autobahn in unregelmässigen Abständen unterbrach und ihn quasi in die Luft hüpfen liess. Jesses. Schmatzen ist ja das eine. Das könnte man ja noch regulieren, wenn man wüsste, dass man es täte. Atmung und Hicksi sind ja dann doch eher natürliche Vorgänge, die zum Körper gehören und ich sage ja selbst immer: „Was raus muss, muss raus.“ Sei dies ein Rülps, ein Atemstoss aus dem Hinterstübli oder ja, halt auch schnuufe und hicksen.

Meine innere Analytikerin stellte ziemlich schnell eine Diagnose. Aha. Angestaute Wut, klarer Fall von passiv-agressivem Verhalten. Da will etwas raus und stattdessen drückt er es mit Gummitieren noch weiter in die Magengegend, jesses werden die da unten eine verrückte Party feiern! Kein Wunder hat er da einen lauten Atem und Hicksi, unterstüzt durch ein wippendes Bein! Mein bester Freund reagierte auf meinen Diagnosebericht mit etwa fünfzehn Smileys, jene, die beim lachen noch weinen und empfahl mir eine Karriere als Detektivin. Ich antwortete, dass nein, da ich ja dann ständig solche üblen Rätsel lösen musste, mit denen er mich ja auch schon ab und an fütterte.

Die Geräuschekulisse des Herrn Schönling stabilisierte sich dann allmählich etwas, das Bein wippte weiter, die Atemgeräusche waren nach wie vor grenzwertig und sein Blick wanderte nervös nach links und nach rechts und nach hinten und wieder nach vorne und es glich dem nervösen Tanz einer ungeduldigen und hungrigen Taube. Ich beruhigte mich langsam und atmete durch, war aber auf der Hut für Erweiterungen der Geräuschevielfalt – aber es blieb ruhig und erst nachdem er sich drei Haltstellen lang an seinem Turnsäckli festgehalten hatte und der Zug erneut hielt, entschied er sich urplötzlich, doch noch aufzuspringen und ich zuckte zusammen, da dies so schnell geschah als hätte er sich aus dem hier und jetzt einfach weg gebeamt.

Nach diesem letzten Schock kehrten endlich wieder Ruhe und Entspannung ein. Eine Weile dachte ich noch darüber nach, wie viel Raum manche Menschen einnehmen, ohne dass es ihnen wahrscheinlich bewusst ist. Darüber, wie oft wir wohl Dinge tun, von denen wir nicht wissen, dass wir sie tun. Oder wie laut wir sie tun. Und jemanden zu sehen, der, ohne sich darum zu kümmern was seine Mitmenschen denken, in voller Lautstärke seine Gummitiere zermalmte, löste wohl auch ein Stück Neid aus, denn wünscht sich schlussendlich nicht jeder, so sein zu können wie er ist? Mitsamt schmatzen und röcheln? Mir scheint manchmal, dass wir verlernt haben, laut zu sein. Und ist dann jemand laut, finden wir es urgrusig. Ich ja auch. Uns selbst zu sein, mit der ganzen Geräuschekulisse, für die unser Körper nun mal natürlicherweise gebaut ist, ist nicht anständig.

Als die Landschaft des schönen Aargaus so an mir vorbeizog, verblassten die Gedanken langsam und als ich in Aarau ankam war ich erfüllt von der Geräuschekulisse der Musik in meinen Ohren

Advent Advent, es brennt und rennt!

Es ist Weihnachtszeit. Alle Jahre wieder. Die Zeit, in der der Mensch die fehlende Wärme und das fehlende Tageslicht mit Diversem zu kompensieren versucht.

Erstens: Lichter. Es brennt überall. Die schreckliche (pardon) Weihnachtsbeleuchtung in der Bahnhofstrasse brennt, gut immerhin sind es unterdessen energiesparende LED Lämpchen, die in ihrer, naja, etwas geschmacks-polarisierenden Pracht herumhängen. Die grünen und violetten Lichtlein des scheusslichen Weihnachtsbaumes (par… nein, kein pardon hier) beim Sihlcity brennen sich auf brutale Art und Weise in die Netzhaut der Augen ein. Mein Holzofen brennt, also die Scheite, zum Glück nicht der Ofen. Die Backöfen laufen auf Hochtouren, die Uhren ticken und klingeln exakt rechtzeitig, damit die Plätzchen im Ofen nicht verbrennen. Kerzen zieren Kränze zieren Stubentische. Häuser, Büsche, Mauern, Meerschweinchenställe, Fenster, und so weiter und so fort, werden in bunte Lichtlein gehüllt. Es gibt nichts, das nicht geschmückt und beleuchtet werden könnte. Ich finde kein Licht schöner als Kerzenlicht. Wir hatten Zuhause immer einen Weihnachtsbaum mit echten Kerzen und am Schluss gab es Wetten, welche Kerze wohl am längsten brennt. Ich war meist daneben, aber darum geht es nicht. DAS erwärmt mein Herz. Nicht diese komischen, ultramodernen Beleuchtungs-Wahnsinns-Verrücktheiten. Die machen mich höchstens nervös wenn sie blinken. Und traurig, weil ich sie überflüssig finde und wir wissen alle, dass das Geld anders investiert werden könnte.

Zweitens: Guetsli backen. Ich sehe mich selbst nicht als grossartige Guetsli-Bäckerin. Ich habe zwar Bäcker in der Verwandschaft und ich sage euch, die sind grossartig (Bäckerei Sollberger, Gontenschwil im schönen Aargau, geht vorbei! ;-)) und dieses Talent wurde mir leider nicht in die Wiege gelegt. Meiner Mama schon. Aber auf eine sehr eigensinnige Art. So nenne ich ihre Mailänderli liebevoll Maitönder, weil sie so fett und riesig sind und noch so weich wenn sie aus dem Ofen kommen… und wenn man diese dann gleich warm isst, zerschmelzen sie fast auf der Zunge… göttlich, sage ich euch! Es lebe meine Mama! Nun habe ich aber dieses Jahr versucht, das fehlende Talent in mir etwas zu suchen und selbst, also zu zweit, vier Sorten Guetsli zu backen. Ein ganzer Sonntag ging drauf, die Küche stand danach gottseidank noch, nur eine Sorte wurde etwas dunkler als erwartet, die vergessene Küchenwaage hatten wir auch rechtzeitig noch zur Hand und wir hüpften wie Kinder in der Küche herum, weil die Kekse wohl fast zu den besten gehören, die zumindest ich je gegessen habe. Ha. Eigenlob stinkt! Mir doch wurscht, sie waren lecker. Am Abend waren wir fix und fertig. Und ein grosser Klumpen des aus der Schüssel geschmausten Teigs faulenzte in unseren Mägen. Aber es hat funktioniert. Die Weihnachtsstimmung drang durch und mein Herz lachte.

Drittens: Essen. Steht wohl im Kausalzusammenhang mit Punkt zwei. Man trifft sich mit allen sieben Teilen um alle Ecken in der Familie und Verwandtschaft und isst. Und isst. Und isst. Und wenn man nicht isst, trinkt man. Viel und ungesund. Es funktioniert. Das Herz lacht (zumindest dann noch). Keine weiteren Kommentare.

Viertens: Rennen. Es ist Geschenke-Zeit. Da sind die Kaufhäuser vollgestopft mit Dingen und Menschen, die Dinge verschenken wollen. Dinge werden geliefert, damit man sie einpacken kann, gegen Geld eintauschen, sie mitnehmen, unter einen Tannenbaum im Haus legen und sie dann wieder auspacken kann, um sie a) erfreut zu benutzen b) umzutauschen c) weiter zu verschenken d) irgendwo weit hinten in der Garage zu verstauen. Trifft b) ein, werden die Dinge wieder zurückgebracht und weil „Retouren“ meist nicht mehr verkauft werden können, auch wenn die Verpackung noch fast wie neu aussieht werden sie im schlimmsten Fall entsorgt.

Ganz ehrlich: Bei Punkt eins, zwei und Punkt drei schliesse ich mich mit ein. Aber Punkt vier? Nee! Ich mach da nicht mehr mit. Ich lehne mich viel lieber zurück und versuche, mich nicht zu übergeben, wenn ich dem Trubel zuschaue. Ich wünsche mir keine Geschenke, die jemand rennend irgendwo ersteigert hat. Ich wünsche mir Zeit mit meinen Liebsten. Etwas, das man teilen kann. Etwas Kleines, das von Herzen kommt. Eine schöne Erinnerung, die man mit in den Rest seines Lebens nehmen kann. Deshalb verschenke ich auch immer mehr solche „Dinge“. Durch Weihnachtsmärkte schlendern, Schlittschuh laufen, Guetsli backen, Filmabende bei Freunden, Musik, einen Brief, …oder einfach Zeit.

So stelle ich mir die Weihnachtszeit vor. (Bis jetzt liegt meine Genuss-Quote erstaunlich hoch.)

Und ihr?

In diesem Sinne: Frohe Festtage!

ps. ach ja, wie war das nochmals mit der Weihnachtsgeschichte…?!

Das erste Mal

„Wann hast du zum letzten Mal etwas zum ersten Mal gemacht?“

Eine gute Frage, die ich kürzlich gelesen und innert drei Sekunden eine erschreckende Bilanz darüber gezogen habe. Wir gelangen ja in diesen Tagen so langsam zu der klischeebehafteten Zeit, wo der innere Druck steigt: Nämlich in die Zielgerade des Kalenderjahres. Ziellinie: Ende Jahr. Da, wo sichdie endlos grosse Fabrikhalle der guten Vorsätze befindet. Und da, wo die angesammelte, stets mit dem Jahresende gerechtfertigte Prokrastination stinkend vor dem glitzernden Tor in das neue, vielversprechende, so herrlich funkelnde Jahr, sitzt und Dreck frisst. Sie ist sauer und wartet auf die Möglichkeit der Vergeltung.

Wenn ich so ein bisschen auf das Jahr zurückblicke, kann ich allerdings nicht ganz alle ihre stinkenden Vorwürfe annehmen. Ein paar, ja. Aber ich bin trotzdem überzeugt, dass alles seine Zeit hat. (Ausser Steuererklärungen, und jeglicher Mist, der mit einer Deadline versehen ist. Ich. Hasse. Deadlines. Oder in einem Zitat ausgedrückt: „I love deadlines. I love the whooshing sound they make as they go by.“ (Hitchhiker’s guide to the galaxy)) Jedenfalls gibt es wohl eine Menge, was ich nicht gemacht habe und hätte tun können. Aber ich glaube auch eine Menge, was ich getan habe und hätte sein lassen können. Es ist alles eine Frage der Perspektive.

Meine Gedanken wanderten dann zu den „ersten Malen“, die man im Leben so antrifft. Erste Schritte. (leider vergessen) Erstes Wort (Gemäss meiner Mama war dies „Mapa“… ich war wohl schon früh ein Kind der Gerechtigkeit…), erster Tag im Kindergarten, erster Schultag, erster Kuss, erstes Mal, erster Freund, erste Trennung, erste Ferien ohne Eltern (*hust* in Lloret de Mar *räusper*), erster Job, erste Fahrstunde, und so weiter und so fort, die Liste ist lang. Und ich erinnerte mich an das Gefühl. Dieses ganz spezielle Gefühl, wenn man etwas zum ersten Mal schafft. Stolz. Unbändige Kraft. Als ich plötzlich schwimmen konnte. Als ich das erste gelesene Buch in’s Regal stellte. Als ich etwa mit 9 zum ersten Mal vom 7m Turm in den See sprang. Als ich die Tonleiter auf dem Klavier blind konnte. Als ich alleine mit dem Töffli an die nächste Dorf-Fete fuhr – Nachts und ohne Licht. Als ich zum ersten Mal durch die Zähne pfiff, dreimal nacheinander jonglierte, ohne die Bälle fallenzulassen, eine Flasche Wein ohne rotes Schlachtfeld öffnete, Kaffee trank und scheusslich fand, rauchte und mir die Lunge aus dem Leib hustete, den ersten eigenen Wohnungsschlüssel entgegennahm, zum ersten Mal auf der Bühne stand, das erste eigene Lied auf einer Hochzeit spielte, die erste Reise durch ein fremdes Land. Es hört nicht auf. Spürt ihr es? Dieses Kribbeln, das mit nur einem Schritt über unsere eigenen Grenzen, plötzlich da ist und uns in die Lüfte der Möglichkeiten hebt? Huere schön!

Und doch… irgendwie dünkt es mich je älter ich werde, desto weniger dicht ist die Ansiedlung der ersten Male. So scheint es zumindest. Vielleicht halten wir uns gern am Bekannten fest, um uns sicher zu fühlen. Es sind vielleicht auch eher kleine Dinge subtiler Art, mit denen wir konfrontiert werden. Das erste Mal nicht nachgeben im Gespräch mit dem Chef. Wo wir früher noch laut durch die Gegend geschrien haben, wenn wir vor Stolz schier platzten und riefen „Mami, Papi, lueg wasi gmacht han!!!!!“, behalten wir kleine erste Male, wie beispielsweise das Öffnen einer Weinflasche, immer öfter für uns um ja kein Aufsehen zu erregen vielleicht. Ja, ich war WIRKLICH stolz auf mich, als ich meine erste Weinflasche zu öffnen vermochte. Aber hätte ich dann schreiend herumrennen sollen, jedem der Anwesenden den Korken vor die Nase halten als Beweis, und ihn am Schluss jubelnd und heulend vor Glück in einer Freddie Mercury Pose in die Luft strecken? Äh. Nein.

Mein Vorsatz für das 2014 lautet also: Ganz viele erste Male. Ja, auch grosse erste Male. Und Jubeln.

Und das Schöne ist, man kann jederzeit damit anfangen. ;-) 

Ps. Die Prokrastination lässt sich übrigens mit dem Satz „Ich kümmere mich morgen um dich, versprochen!“ gerade lange genug verwirren, um über sie hinweg zu hüpfen und durch das glitzernde Tor zu rennen. Viel Glück!